Friseurmeister Marec Böhm sehnt für seine gebeutelte Branche das Ende des Lockdowns herbei

Warten, leiden, stöhnen

Carolin Mühlmeister übt an diesem Freitag an einem „echten“ Modell, um sich auf ihre Zwischenprüfung vorzubereiten. Hinten trainiert der Auszubildende Ghali Mahna an einem Puppenkopf; ganz hinten steht Chef Marec Böhm.
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Carolin Mühlmeister übt an diesem Freitag an einem „echten“ Modell, um sich auf ihre Zwischenprüfung vorzubereiten. Hinten trainiert der Auszubildende Ghali Mahna an einem Puppenkopf; ganz hinten steht Chef Marec Böhm.

Achim – Zu den besonders vom zweiten Lockdown betroffenen Unternehmen zählen neben den gastronomischen Betrieben auch die Friseure. Seit Mitte Dezember dürfen sie nicht mehr waschen, schneiden, fönen, färben und dergleichen mehr. Ein emotionales Video einer Dortmunder Friseurin haben dieser Tage Millionen Leute im Internet angesehen. Die verzweifelte Unternehmerin schildert darin unter Tränen ihre Existenzängste und beklagt, dass sie keine finanzielle Hilfe bekommt, anders als von der Politik versprochen.

Marec Böhm, Inhaber eines Ladens an der Bremer Straße 1 in Achim, fürchtet nicht unbedingt um seine persönliche Existenz und die seiner Mitarbeiter. Doch will auch er auf die Lage seiner Branche aufmerksam machen. So hat er sich an die Bundestagsabgeordneten Andreas Mattfeldt und Gero Hocker gewandt und mit Bürgermeister Rainer Ditzfeld gesprochen.

Marec Böhm sorgt sich in erster Linie um seine Auszubildenden, vor allem um zwei seiner vier Nachwuchskräfte. Bei denen steht Ende März die Zwischenprüfung an. Und wenn sie die bestehen wollen, müssen sie trainieren, sagt Marec Böhm. Das tun sie an Übungspuppen, die sie auch mit nach Hause nehmen können.

Zwei Aufgaben seien normalerweise bei der Zwischenprüfung zu bewältigen: der normale Herrenhaarschnitt, doch darauf werde zurzeit verzichtet. Nicht aber auf die klassische Damenfrisur mit Old-School-Wasserwelle, wie Böhm es bezeichnet.

„Zwei Mal in der Woche vormittags üben sie dann auch an Modellen im Salon“, an lebenden versteht sich. Und das rufe den Argwohn mancher Passanten hervor, die am Geschäft vorbeigehen und Licht brennen sehen. Der Vorwurf, der Marec Böhm zu Ohren gekommen ist: „Die arbeiten ja schwarz und halten sich nicht an das Geschäftsverbot.“ Die aktuelle Diskussion über wie durch ein Wunder frisch gestylte Fußballerköpfe lässt grüßen.

Der 52-Jährige betont aber: „Wir haben die Erlaubnis dazu von der Berufsgenossenschaft.“ Böhm muss und will ausbilden. „Ich möchte, dass die beiden bestvorbereitet durchkommen.“ Gleichwohl, er halte sich an die Verordnungen. Das Training an den Modellen findet zeitversetzt am Montag und Freitag statt, sodass sich die beiden Kundinnen nicht begegnen.

Darüber hinaus sehnt Böhm die Öffnung der Friseurläden herbei. Er fordert ein Ende des Verbots für Mitte Februar. Bei allem Verständnis für die Verordnungen und den Schutz der Bevölkerung vor Covid-19 mahnt er die Verhältnismäßigkeit an, wenn er die Schlangen an den Supermarktkassen und an den Liften der Wintersportregionen sehe. Zumal nachgewiesene Infektionen nach einem Frisörbesuch dank der peniblen Vorsichtsmaßnahmen bundesweit im Null-Komma-Bereich geblieben seien.

Gemeinsam mit seinen Kollegen von der in ganz Deutschland aktiven Intercoiffure-Vereinigung hat er ans Kanzleramt und ans Bundeswirtschafts- und -arbeitsministerium geschrieben und auf die Situation der Friseure aufmerksam gemacht.

Böhm, der seit 1997 das Geschäft leitet, zunächst mit dem Vater und seit 2012 allein, geht davon aus, dass nicht alle Geschäfte die Krise überleben werden. Zumal Hilfsgelder ausblieben. „Wir können die Anträge für die Überbrückungshilfe 3 noch gar nicht stellen.“ Für den Dezember werde es auch keine Unterstützung geben, ist er sich sicher. Denn in dem Monat seien die Umsätze noch passabel gewesen. „Wir haben an den beiden Tagen vor dem Lockdown bis Mitternacht gearbeitet, nicht für die zwei Euro fünfzig mehr, sondern aus Verantwortung als Dienstleister gegenüber unseren Kunden.“

Die Belastung für ihn als Unternehmer sei immens, da er alle Fixkosten weiter bezahlen müsse; das von der Arbeitsagentur übernommene Kurzarbeitergeld habe er zudem so lange es irgend ging auf 100 Prozent aufgestockt.

Gleichwohl hat der 52-Jährige keine Angst um die Zukunft des 1986 von seinem Vater Marko Böhm gegründeten Geschäfts mit heute insgesamt sieben Mitarbeiter („Ich bin einer davon“). „Ich habe in den vergangenen Jahren gute Arbeit geleistet. Das Geschäft lief. Ich erwarte aber, dass auch die Politik gute Arbeit macht.“

Von Philipp Köster

Sharin Gharitz (2. Ausbildungsjahr) trainiert einen Damenhaarschnitt.

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