Vorsitzende des Palliativnetzes im Landkreis Verden und der Hospizhilfe Achim zur Debatte um assistierten Suizid

Zeit für würdigen Tod statt Sterbehilfe

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Solange ein Mensch noch isst und trinkt, sei der Lebenswille noch vorhanden, sagt Palliativmedizinerin Anke Hornemann.

Achim - Als im Bundestag die viel beachtete Debatte über einen Gesetzesentwurf zum Thema Sterbehilfe geführt wurde, haben das auch Vertreter der Vereine „Palliativnetz im Landkreis Verden“ und „Hospizhilfe Achim“ mit Interesse verfolgt. Insgesamt jedoch habe die Diskussion die falschen Fragen gestellt, findet Dr. Anke Hornemann, Allgemein- und Palliativmedizinerin sowie Vorsitzende des Palliativnetzes im Landkreis Verden. Reinhard Menthe, Vorsitzender der Hospizhilfe Achim, hält den assistierten Suizid für „nicht würdig“. Lisa Duncan interviewt sie.

Welche Relevanz hat die Debatte für die Hospiz- und Palliativbewegung?

Dr. Anke Hornemann: Ziel der Debatte war es eigentlich, das Hospiz- und Palliativgesetz neu aufzurollen, aber dann rückte der Fokus in Richtung Sterbehilfe. Die Reform sieht eine Stärkung der Palliativ-Versorgung vor. Da sollen sowohl für die ambulante als auch die stationäre Palliativversorgung Gelder fließen. Diese Intention ist mir am wichtigsten.

Und was bedeutet das für Ihren Verein genau?

Dr. Hornemann: Im Rahmen der SAPV-Gesetztes (SAPV = Spezialisierte ambulante Palliativversorgung) sollen Einrichtungen gefördert werden, allerdings dort, wo neue gegründet werden, keine bestehenden. Das betrifft in Niedersachsen etwa die Inseln und den Jadebusen, aber auch Osterholz-Scharmbeck.

Reinhard Menthe: Die aktive Sterbehilfe spielt nur eine sehr untergeordnete Rolle für den Hospizverein. Was wir brauchen, ist vielmehr eine Antwort darauf, wie wir jemanden in Würde sterben lassen, ohne beim Suizid zu assistieren. Wir müssen die Patienten besser begleiten – medizinisch und psycho-sozial. Meist äußern Patienten den Wunsch, schnell sterben zu wollen, weil sie keine Antwort haben auf Fragen wie: ,Was ist, wenn ich die Schmerzen nicht länger ertrage?‘

Wenn wir die Qualität des Sterbens noch besser positiv beeinflussen könnten, dann wären viele Suizidwünsche grundlos.

A.H.: Was ist die Sorge des Patienten? Oftmals ist das der Wunsch, dass die Beschwerden (Schmerzen, Angst, Atemnot) endlich aufhören. Und wenn ich die Möglichkeit habe, das in erträglichem Maße zu therapieren, stellt sich meist heraus: Die meisten wollen weiterleben. Viele Sterbenskranke haben ja noch Ziele oder Hoffnungen: Vielleicht eine Reise oder ein Besuch bei einer geliebten Person.

R.M.: Es ärgert mich, dass der Fokus so auf den assistierten Suizid gerichtet wurde. In unserer Gesellschaft versprechen wir jedem neuen Erdenbürger einen verlässlichen Hortplatz. Und wenn wir sagen würden: Jeder verdient einen verlässlichen Sterbeplatz? Aber genau das Gegenteil ist der Fall: Altenheime machen zu und das aus rein wirtschaftlichen Erwägungen. Ein anderes Beispiel ist der Stellenschlüssel in der Pflege: Wieviel Zeit kann ein Pfleger seinem Patienten noch widmen?

Es ging ja nicht um aktive Sterbehilfe, sondern um eine ganz bestimmte Form der Sterbehilfe, bei der der Patient das letzte Wort hat...

A.H.: Aktive Sterbehilfe ist in Deutschland nach wie vor verboten. Im Bundestag wurden vier verschiedene Gesetzesentwürfe diskutiert – vom rigorosen Verbot bis zum liberaleren Entwurf, der auch die Arbeit von Sterbehilfevereinen ermöglicht. Gut finde ich, dass die Positionen sich durch alle Lager, von liberal bis konservativ, hindurch ziehen, der Fraktionszwang ist aufgehoben. Das ist wichtig, denn, wenn das Gesetz kommt, sollte es nicht auf wackligen Beinen stehen, sondern, eine breite Zustimmung erfahren.

Wie häufig wird assistierter Suizid statistisch eigentlich praktiziert?

R.M.: In den Niederlanden, wo es seit mehr als zehn Jahren möglich ist, gab es einen Anstieg von 2,8 Prozent in den letzten Jahren. Meiner Erfahrung nach sind in der Hospizhilfe nur drei von 100 Fällen schwierig.

Wie stehen Sie selbst zur Sterbehilfe?

R.M.: Auch der assistierte Suizid, wie er in den Benelux-Staaten praktiziert wird, ist kein schöner Tod! Sie schneiden sich das Leben selber ab. Man geht dazu in ein unpersönliches Hotelzimmer, das mit Überwachungskameras ausgestattet ist. Und hinterher gucken sich die Ermittlungsbehörden die Leiche an, um sicherzugehen, dass es kein Mord war. Ich finde das nicht würdig!

A.H.: Ich finde problematisch, dass alles auf die letzte Sekunde zusteuert, statt die letzte Lebensphase in den Blick zu nehmen.

R.M.: Den Tod sollte man, ähnlich wie die Geburt als Begrenzung des Lebens sehen. Aber darüber wird oft nicht geredet. Ich habe mal einen Mann beim Sterben begleitet, der hatte ALS und schrieb mir mühsam mit der Schreibmaschine: Bitte töte mich! Das brachte mich in Gewissenskonflikte, so dass wir beide eine unheimliche Energie auf die Umsetzung des Freitods verschwendeten. Der Mann ist nachher eines friedlichen Todes gestorben. Das möchte ich auch keinem Arzt zumuten. Ein Arzt soll heilen.

A.H.: Meine Aufgabe als Ärztin ist es, im Sterben zu begleiten und Schmerzen zu lindern. Da gilt es auch nochmal nachzufragen: Warum wollen Sie sterben und wer will das eigentlich? Ist wirklich vorher alles getan worden? Auch spirituelle Fragen gehören dazu, die fallen oft hinten runter.

R.M.: Die Gefahr besteht, dass es aus Kostengründen Richtung Sterbehilfe geht. Aber auch so kann man mit Angehörigen schon oft nicht über das Sterben sprechen. Das Thema Tod müsste viel mehr in die Persönlichkeitsentwicklung rein. Es gibt Bücher, Filme, Gerichtsurteile darüber, aber wer ordnet das ein?

Was tun Sie als Hospizverein dafür?

R.M.: Wir gehen in den Unterricht und behandeln das Thema außerhalb des Lehrplans, auch zusammen mit Ärzten. Man muss wieder in Erinnerung rufen, dass der Tod ein Stück Kulturgut ist. Früher auf dem Dorf hat man den Nachbarn noch mit begraben und heute heißt es oft bei Beerdigungen: Nicht weinen, kein Schwarz tragen und am besten die Urne per Post nach Hause schicken.

Sehen Sie da auch eine gesellschaftliche Verschiebung?

A.H.: Ja. Früher gab es die Mehrgenerationenhäuser, da wurde selbstverständlich zusammen bis zum Tod begleitet und getrauert. Aber seit den 80er-/90er-Jahren ist das Sterben ins Krankenhaus verlegt worden.

R.M.: Da wird man – ich sag es mal überspitzt – zum Sterben in die Dusche geschoben. Wenn wir heute als Hospizhelfer in die Altenheime kommen, heißt es oft: Letztes Zimmer hinten links liegt jemand. So allein und verlassen sterben viele.

Dennoch: Können Sie sich Umstände vorstellen, in denen ein assistierter Suizid sinnvoll sein könnte?

R.M.: Es ist ja nicht so, dass wir keine Möglichkeit haben, unseren Tod selber zu bestimmen. Suizid ist kein Straftatbestand und es gibt auch keine gesetzliche Grundlage, jemanden der Zwangsernährung auszusetzen. Ich kenne beispielsweise eine Frau, die hat ab einem bestimmten Zeitpunkt das Essen verweigert und ist den Hungertod gestorben.

A.H.: Man sagt ja: Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen und, wenn sie sich trennen wollen, dann isst und trinkt die betroffene Person oft nicht mehr. Untersuchungen zufolge wird das Schmerzempfinden dadurch nicht stärker. Deshalb ist einer meiner Fragen, die ich Angehörigen stelle: Isst und trinkt die Person noch?

Dann ist nämlich noch ein Lebenswille vorhanden.

Einerseits wurde in der Debatte vor dem Geschäft mit dem Tod gewarnt, andererseits wies man auf die Vorteile einer Professionalisierung hin. Wie sehen Sie das?

A.H.: Ich denke, jede Professionalisierung wäre auch wieder geschäftsmäßig – egal, ob unentgeltlich oder nicht. Zumindest bedingt sie eine gewisse Automatisierung. Dann verschwimmen die Grenzen, so dass sich nicht mehr klar sagen lässt, wer welches Ziel verfolgt – der Patient oder der Suizidbegleiter.

R.M.: Jede Organisation ist erfolgsorientiert und es geht darum, einen guten Jahresbericht vorzulegen. Oft wird ja gesagt, es gehe um Schwerstkranke, aber was ist mit Dementen? In den Niederlanden wird derzeit darüber diskutiert, ob Kinder einen Anspruch auf „Euthanasie“ (also aktive Sterbehilfe) haben. Ich finde das grausam und möchte diese Situation nicht hier haben.

Aber was ist mit dem Argument des „Sterbehilfe-Tourismus“?

R.M.: Das richtige Argument müsste lauten, dass die Leute das nur machen, wenn sie hier nicht richtig versorgt sind. Ich habe mal einen Fall erlebt, bei dem ein Mann seine Beatmung einstellen wollte. Das ist zweimal abgebrochen worden, weil er sagte: „Halt, ich will doch noch leben!“

A.H.: Das ist vielleicht vergleichbar mit einem Regenschirm, den man dabei hat und nicht braucht, weil der Regen ausbleibt. Es ist alles organisiert, aber der Wunsch nach dem assistierten Suizid ist meist ein Hilfeschrei.

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