Vielfalt in begrenzten Räumen

Grundschule Uesen beschult in allen Fächern inklusiv

Eine Besonderheit an der Grundschule Uesen ist die vom Bäderverein getragene, schuleigene Schwimmhalle. Ansonsten sind die Räume an der Bildungseinrichtung nicht so großzügig bemessen.

Achim - Von Lisa Duncan. Donnerstags in der ersten Stunde füllen um die 20 Kinder die Schwimmhalle der Grundschule Uesen mit Leben. Als Corinna Kuhr den Raum betritt und mit sanftem Nachdruck spricht, hört alles auf ihr Kommando. „Nur auf den Beckenrand setzen, nicht reinspringen!“, sagt die Lehrerin.

Dann sollen sich die Erstklässler im Wasser auf die Poolnudel lehnen und „wie ein Hund“ auf die andere Seite paddeln. Bei der Übung, die mit Jauchzen quittiert wird, zeigt sich, dass einige schon schwimmen können und andere noch üben. Mithilfe einer Schulbegleiterin kann auch ein Mädchen mit Behinderung mitmachen. Schwimmen ist nicht die einzige Schulstunde, die an der Bildungseinrichtung inklusiv abläuft.

„Wir unterrichten alle Kinder in allen Fächern gemeinsam“, erklärt Kuhr. Vor acht Jahren wurde an der Uesener Grundschule zum ersten Mal ein Kind mit Schulbegleitung eingeschult. Zwei Förderschullehrer der Erich-Kästner-Schule (die aktuell dort Beschäftigten möchten nicht namentlich genannt werden) kommen aber bereits seit dem Schuljahr 2002/03 an die Schule, weiß Anke Kastenschmidt, Schulleiterin der EKS. 

Das ist Teil des regionalen Integrationskonzeptes, das zu dieser Zeit im Nordteil des Landkreises Verden begann und die gemeinsame Beschulung von Kindern mit und ohne Behinderung ermöglicht. Die Beeinträchtigungen der Schüler reichen vom körperlichen Handicap über Einschränkungen im Hören oder Sehen sowie in der geistigen oder emotional-sozialen Entwicklung.

Inklusion als Bereicherung ansehen

„Wir sehen die Inklusion als Bereicherung an und haben das Gefühl, das läuft hier“, sagt Nils Reineke, seit Kurzem Leiter der Grundschule Uesen. Das hat auch Corinna Kuhr über die Jahre beobachtet: „Die Schüler lernen Vielfalt kennen. Sie sehen zum Beispiel: Da ist ein Kind mit Hörgerät, dem darf ich nicht ins Ohr brüllen.“

Während sich Kinder mit und ohne Behinderung einen Klassenraum teilen, werden sie individuell gefördert. So teilen die Lehrer für Kinder mit Förderbedarf andere Arbeitsblätter aus, geben mehr Zeit und mehr Gelegenheiten für Pausen, schildert Kuhr. Möglich seien darüber hinaus gemeinschaftliche Lerneinheiten wie Gruppenreferate. „Das gibt manchmal Gänsehaut-Feeling“, sagt Kuhr und erzählt, wie ein Kind, das auf Assistenz angewiesen ist, mit den anderen gemeinsam zu einem Thema vor der ganzen Klasse sprach. Von der Gruppe getragen, habe es Selbstsicherheit ausgestrahlt.

„Die Grundvoraussetzung, dass die Inklusion gelingt, ist die gute Zusammenarbeit von Kollegium und Eltern“, weiß Kuhr. Dennoch komme es vor, dass ein Kind mehr Raum oder Zeit zum Lernen benötige als an der Regelschule möglich. In diesen Fällen kann ein Kind für ein halbes Jahr eine Inselklasse an der EKS besuchen. Laut Anke Kastenschmidt eine „Auszeit mit einem intensiven Training der sozialen und emotionalen Kompetenzen“. 

Positiver Blick auf Inselzeit

In etwas über 50 Prozent der Fälle kehren die Kinder danach wieder an die alte Schule zurück. Viele Eltern blickten positiv auf die Inselzeit ihres Kindes zurück: „Sie erleben ihr Kind als erfolgreich, zufrieden und viel weniger unter Druck, was in aller Regel auch die familiäre Situation entlastet“, so Kastenschmidt.

Während Unterrichts- und Beratungsstrukturen vorhanden sind, gibt es in Uesen Nachholbedarf im baulichen Bereich: Die Schule, deren ältestes Gebäude aus der Vorkriegszeit stammt, ist mit ihren Treppen und Stufen alles andere als barrierefrei, und aufwendige Umbaukosten kann die Stadt Achim als Schulträger derzeit nicht wuppen. 

Abseits von behindertengerechten Toiletten und Rollstuhlrampen umfasst Barrierefreiheit noch viel mehr, zum Beispiel größere Klassenzimmer oder Differenzierungsräume für Kinder mit Konzentrationsschwierigkeiten. Da ist laut Schulleiter Reineke auch der Gesetzgeber gefragt: „Seit Einführung der Inklusion haben sich die Vorgaben für die Größe der Klassenräume nicht verändert.“

An der Grundschule Uesen, die demnächst erweitert werden soll, herrscht schon im normalen Schulbetrieb Platznot. Die Schule hat zurzeit drei Klassen (mit je 18 bis 24 Schülern) pro Jahrgang, wird aber wegen wachsender Schülerzahlen bald auf die Vierzügigkeit erweitert – und steht mit dem Umbau zum Schuljahr 2019/20 zudem in den Startlöchern für den Ganztag.

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