Ehrenamtliche Helfer kritisieren Landkreis

„Unzumutbare Wohnungen für Flüchtlinge“

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Ousmanö Carara in seinem Zimmer, das nur durch einen Vorhang abgetrennt ist.

Achim - „Nicht zumutbare Wohnverhältnisse“ herrschten in der Flüchtlingsunterkunft des Landkreises Verden an der Feldstraße/Ecke Georgstraße in Achim, sagt Angelika Ruhnau.

„Junge Männer von der Elfenbeinküste hausen dort zu Zweit in einem spärlich eingerichteten Zimmer, und gleich nebenan lebt ein dritter Ivorer in einem kleinen Raum, der nur durch einen einfachen Vorhang abgetrennt ist.“

Flüchtlinge nur nur Vorhang getrennt

Die ehrenamtliche Flüchtlingshelferin schüttelt beim Ortstermin mit dieser Zeitung den Kopf. „Das geht doch so nicht. Einer der jungen Männer hat gerade eine Ausbildung zum Restaurantfachmann begonnen. Aber er kann sich hier nicht zurückziehen und hat auch keinen Schreibtisch.“ Konzentriertes Lernen sei in solch einer Umgebung unmöglich.

Kritik an Flüchtlingsunterkunft im Landkreis Verden

Ruhnau und ihr Mitstreiter Hans-Joachim Link üben deutliche Kritik am Vorgehen des Landkreises Verden bei der Flüchtlingsunterbringung. Erst im Frühjahr hätten die Ivorer und weitere junge Männer ein von der Behörde angemietetes Privathaus an der Uphuser Heerstraße verlassen müssen. Dort seien immer wieder die Stromversorgung und die Heizung ausgefallen. „Missstände, um die sich der Eigentümer nicht ausreichend gekümmert hat und die auf Dauer natürlich nicht tragbar waren“, sind sich die Helfer einig. Daraufhin habe der Landkreis Verden die Flüchtlinge an der Bremer Straße 70 untergebracht. Dort herrschten vergleichsweise gute Wohnverhältnisse, berichten Ruhnau und Link. „Aber warum mussten sie dort jetzt schon wieder weg? Da stehen nun mehrere Räume leer“, weiß Angelika Ruhnau.

50 Flüchtlinge mit zwölf unterschiedlichen Nationalitäten wohnen zusammen 

In dem Gebäude an der Bremer Straße wohnten rund 50 Flüchtlinge, „überwiegend Familien, aber auch alleinstehende Männer“. Obwohl in Achims größter Flüchtlingsunterkunft zwölf Nationalitäten zusammenlebten, „vertragen sie sich untereinander recht gut“.

Trotzdem mussten nun einige das Haus verlassen, damit innerhalb weniger Monate zum zweiten Mal umziehen und sich in wesentlich bescheideneren Verhältnissen einrichten. Hans-Joachim Link, der früher selbst beim Landkreis gearbeitet hat, hegt einen Verdacht: „Leute sollen gezwungen werden, sich mittelfristig eine eigene Wohnung zu suchen.“

Flüchtlinge: Vermieter winken bei unklaren Verhältnisen ab

Das Problem dabei sei allerdings, dass es kaum bezahlbare Behausungen gebe. „Dazu kommt, dass Vermieter bei Flüchtlingen, bei denen aufgrund ihres Herkunftslandes oder wegen fehlender Papiere nicht klar ist, ob und wie lange sie überhaupt in Deutschland bleiben dürfen, gleich abwinken.“

Zugewanderte mit unsicherem Status, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen und eigenes Geld verdienen, haben bessere Karten. „Wer eine Ausbildung macht, bekommt eine Aufenthaltsduldung“, klärt Link auf, der sich in rechtlichen und finanziellen Fragen auskennt. Flüchtlinge, die arbeiteten und in vom Landkreis angemieteten Wohnungen lebten, müssten eine sogenannte Nutzungsgebühr entrichten, informiert er weiter. Was die öffentlichen Kassen und damit Steuerzahler entlastet.

Kritik an Umgang mit Flüchtlingen

Im Verlauf des Gesprächs mit dieser Zeitung kommen Link und Ruhnau noch auf einen anderen Punkt zu sprechen und erheben schwere Vorwürfe gegen den Landkreis. „Der Umgang von einigen Mitarbeitern der Behörde mit geflüchteten Menschen ist respektlos. Teilweise wird die Privatsphäre nicht gewahrt“, sagt Hans-Joachim Link und nennt zwei „konkrete Verfehlungen“.

Mamadi Sidibe, der ebenfalls an der Feldstraße haust, spricht mit Hans-Joachim Link.

In einem Fall habe ein Beschäftigter des Landkreises „frühmorgens“ plötzlich vor dem Bett eines Flüchtlings gestanden. Dieser sei dann natürlich hochgeschreckt. Im anderen Fall habe ein Mitarbeiter der Behörde ohne weiteres die Wohnung einer Muslimin betreten und die Frau unter der Dusche angetroffen, um sie in dieser Situation aufzufordern, sich anzuziehen und ihren Ausweis vorzuzeigen.

Entsetzen über Vorkommnisse mit Flüchtlingen

Flüchtlingshelferin Angelika Ruhnau vor der Unterkunft.

Landrat Peter Bohlmann und Karsten Bödeker, Vizechef des Sozialamts beim Landkreis und Abteilungsleiter für die Flüchtlingsunterbringung, zeigten sich gestern auf Anfrage entsetzt über die angeblichen Vorkommnisse. Davon hätten sie bisher nichts gehört gehabt. „Aber warum sind diese Vorfälle, wenn sie denn stimmen sollten, nicht angezeigt worden?“, merkten beide an.

Die „Unverletzbarkeit der Wohnung“ sei ein hohes Gut und wer dagegen verstoße, begehe eine Straftat, sagte Bohlmann. „Ein derartiges Delikt hätte eine Dienstaufsichtsbeschwerde zur Folge.“

Mitarbeiter der Flüchtlingsbetreuung müssen sich an gesetzliche Bestimmungen halten

Die Mitarbeiter müssten sich selbstverständlich an die gesetzlichen Bestimmungen halten, legte Bödeker dar. Kräfte aus seiner Abteilung hätten „grundsätzlich das Recht, die vom Landkreis angemieteten Wohnungen zu betreten, um nach dem Rechten zu sehen, um zum Beispiel zu überprüfen, ob es Schimmelschäden in den Räumen gibt“. Aber zu einer „angemessenen Tageszeit, und sie sollen vorher an die Tür klopfen oder rufen“. Einzelheiten seien in einer Satzung festgelegt.

Da es sich um überwiegend aus öffentlichen Mitteln bezahlten Wohnraum handele, griffen die „Fürsorgepflicht“ und das „Hausrecht“ der Behörde weiter als bei einem gewöhnlichen Vermieter, erläuterte Bödeker. „Aber die Privatsphäre der Bewohner ist natürlich zu achten.“

Ghirnay Asefaw Berhe und Testalam Habtay Musgun wohnen an der Bremer Straße besser.

Der Abteilungsleiter äußerte sich auch zu der Kritik an den Umzügen, die sein Haus zuletzt für einzelne Flüchtlinge angeordnet hatte. Und auch zu den Wohnverhältnissen allgemein für Migranten nahm er Stellung.

Einzelapartements für Flüchtlinge "nicht drin"

„Wir müssen an der Bremer Straße 70 Räume freihalten für Leute, die dort von einer geschulten Kraft betreut werden müssen“, erklärte Bödeker. Zudem würden die Wohnungen für Flüchtlinge ja eben weitgehend aus Steuergeldern finanziert. „Unter diesen Umständen kann nicht alles nach Wunsch laufen.“ Mit Blick auf den „Gleichheitsgrundsatz“ seien „Einzelapartements nicht drin. Die haben auch Hartz-IV-Empfänger in der Regel nicht.“

Darüber hinaus hätten die Bewohner auch unterschiedliche Vorstellungen über Sauberkeit und Hygiene. „Wir übergeben die Wohnungen in einem ordentlichen Zustand.“

Die Stadt Achim hat derzeit keine Integrationsmanagerin mehr. Andrea Wessel, die Flüchtlingen in vielen Alltagsfragen weiterhalf, hat ihre Stelle gekündigt.

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