Umfrage zum Reformationstag

Achimer für Gerechtigkeit und einen zusätzlichen Feiertag

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Nicht nur ein Denkmal für den Reformator, sondern auch ein gesetzlicher Feiertag für die Reformation? 

Achim - Von Manfred Brodt. Wenigstens zum 500. Jahrestag der Reformation gedachte ganz Deutschland am 31. Oktober dieses weltgeschichtlichen Ereignisses mit einem gesetzlichen Feiertag. Warum nicht jedes Jahr so? Das fragten wir Achimer Bewohner. Und die nicht repräsentative Umfrage ergab, dass es eine überwältigende Mehrheit dafür gibt.

Für den Achimer Pastor Ulrich Wilke ist dieser Schritt schon lange überfällig, und er findet auch keine gescheite Antwort darauf, warum seine Kirchenleitung das nicht schon längst gefordert hat. War sie ähnlich obrigkeitshörig wie Luther?

Für den Achimer Pastor symbolisiert der Protest Luthers – ob mit oder ohne Thesenanschlag an der Kirchentür zu Wittenberg – die Öffnung der mittelalterlichen Papstkirche hin zur Kirche, die die Freiheit des einzelnen Christenmenschen in den Mittelpunkt stellt, die Wende vom Mittelalter zur Neuzeit, zwei Jahrhunderte später fortgesetzt durch die Aufklärung. Die Bevormundung durch die Kirche sei beendet, der Einzelne und die ganze Gesellschaft befreit worden.

Den Reformationstag als gesetzlichen Feiertag gibt es ja schon lange in den neuen Bundesländern der ehemaligen DDR, wo, so Wilke, der Bevölkerungsanteil der Evangelischen doch geringer sei als in den alten Ländern Norddeutschlands. Für ihn ein Grund mehr, hier dies zu ändern.

„Mehr losgetreten, als er wollte“

Auch wenn Luthers Rebellion zur Spaltung der Kirche geführt hat, haben auch praktizierende Katholiken Verständnis für einen solchen gesetzlichen Feiertag des Protestantismus. Ulrich Napp zum Beispiel: „Ich habe nichts dagegen, da ja die Bevölkerung hier überwiegend evangelisch ist. Allerheiligen als gesetzlicher Feiertag würde hier nicht so in die Welt passen. Wir sind hier ja ohnehin arm dran an christlichen Feiertagen, wenn ich das Nord-Süd-Gefälle sehe. Das wäre nur gerecht.“

Luther habe gegen überkommene Verhältnisse rebelliert und habe nicht primär die Kirche spalten wollen. „Er hat mehr losgetreten, als er wollte“, sagt Napp, für den der Mönch eine Person der Weltgeschichte ist.

Auch für den bekennenden Katholiken, stellvertretenden Bürgermeister und CDU-Vorsitzenden Rüdiger Dürr wäre ein weiterer christlicher Feiertag „zum Luftholen“ gut. Er will hier den Protestanten durchaus das gönnen, was die Katholiken in Süddeutschland reichlich haben: Feiertage. „Gerade in Zeiten, in denen christliche durch heidnische Feste ersetzt werden wie Halloween, wäre das ein Zeichen.“ Dürr leugnet nicht, dass ihn die Spaltung der christlichen Kirche „schmerzt“, „aber das ist 500 Jahre her.“

„Dieser Tag muss seinen Sinn bekommen“

Für den Achimer Ehrenbürgermeister Christoph Rippich ist die geschichtliche Leistung „dieser hochbegabten Persönlichkeit Luther“ kolossal: „Vor Leuten, Kaiser und Papst, zu stehen, die einen umbringen wollen, und dennoch seinen Glauben zu bekennen.“ Sicher habe Luther auch menschliche Schwächen gehabt, zum Beispiel bei maßlosen Äußerungen über arme Bauern und Juden. „Aber das war vor 500 Jahren.“

Rippich hält einen evangelischen Feiertag mehr für gerechtfertigt, auch wenn er Zweifel hat, ob der Tag dann auch entsprechend begangen wird und seinen Zweck erfüllt. „Ich würde es begrüßen, wenn man alles dafür tut, dass dieser Tag auch seinen Sinn bekommt.“

Ungleiche Verteilung der Feiertage

Die Achimer Kinderärztin und Ratsfrau Dr. Petra Gölz hält es für richtig, dass der 500. Jahrestag der Reformation jetzt besonders begangen wurde, einen regelmäßigen gesetzlichen Feiertag aber hält sie für unangemessen. Die Umstellung der Arbeitswelt, der Notdienste im Gesundheitswesen und bei der Polizei bringe dann doch eher Nachteile. Als Katholikin, die mehrere Jahre in Bayern gelebt hat, weiß sie, dass ihre Konfession dort deutlich mehr Feiertage hat. Petra Gölz ist aber für die Trennung von Kirche und Staat. Schließlich sei ja auch noch der Innenminister de Maiziere mit einem islamischen Feiertag um die Ecke gekommen. „Das ist übertrieben“, sagt sie.

Für Marko Thönsing, Vorsitzender der Unternehmergemeinschaft Achim, ist es vor allem eine Frage der viel zitierten Gerechtigkeit, denn die Feiertage der Katholiken im Süden und der Protestanten im Norden seien höchst ungleich verteilt. Ohne das religiös zu werten, müsse darüber sauber in Deutschland debattiert werden. Vielleicht könne man den gesetzlichen Feiertag auf Bundesländer mit evangelischer Mehrheit beschränken oder generell über die Art und Zahl der Feiertage in Deutschland reden.

Das Argument, dass dieser zusätzliche Feiertag die Wirtschaft im Norden zurückwerfen würde, lässt der Chef der Selbstständigen nur bedingt gelten. Er hat Zweifel an diesem Argument, denn trotz viel mehr Feiertagen liege doch der Süden in der Produktivität klar vor dem Norden.

Freie Zeit steigert Produktivität

Sicher komme die Wirtschaft jeder Feiertag, den sie bezahlen müsse, teuer, aber ein zusätzlicher Feiertag könne auch zu neuer Motivation und Leistungsbereitschaft führen. Der Finanzexperte hatte gerade mit einem Geschäftspartner aus Süddeutschland zu tun, der sich am Freitag ins Auto gesetzt hatte und in Kombination mit dem Brückentag Montag, dem einmaligen bundesweiten Reformationstag und dem katholischen Feiertag Allerheiligen zu einem Kurzurlaub aufgebrochen war. „Viele Arbeitnehmer finden diese Benachteiligung im Norden ungerecht“, weiß Thönsing.

Für Gastronom Falk Rossol-Vöge (Alte Feuerwache) kommt unsere Frage überraschend. Als Gastronom kann er mit einem weiteren Feiertag gut leben, als nicht so gläubiger Mensch braucht er diesen Feiertag aber nicht.

Eindeutig ist die Angelegenheit für den Achimer Verkehrs-Fachanwalt Axel Marschhausen, dem es schon immer „ein Dorn im Auge“ war, dass die Katholiken im Süden viel mehr freie Tage haben. Auch als Christ hält er sehr viel davon, diesen Reformationstag zu feiern und zu würdigen. Das Argument von Unternehmern, dass die Wirtschaft durch den zusätzlichen Feiertag großen Schaden nehmen würde, hält er für eine Mär. „Ich weiß es als Selbstständiger, bei dem es sehr auf Selbstdisziplin ankommt. Ich weiß, dass man viel produktiver sein kann, wenn man mal die Batterien auftankt und nicht müde und ausgepowert ist.“

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