Wechselhafte Zeiten für den Breitensport

TSV Achim kämpft sich durch das Dickicht von Corona-Verordnungen

Viel Papierkram: Jennifer Rauch (links) bespricht mit der Geschäftsführerin des TSV Achim, Stephanie Claußen, die neuen Verordnungen.
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Viel Papierkram: Jennifer Rauch (links) bespricht mit der Geschäftsführerin des TSV Achim, Stephanie Claußen, die neuen Verordnungen.

Achim – Seit Anfang Dezember hat der TSV Achim seinen Hallen-Sportbetrieb wieder vorübergehend eingestellt. Die ständig wechselnden Verordnungen des Landkreises Verden und Empfehlungen der Sportverbände zwingen den Vereinsvorstand seit Langem, immer wieder umzuplanen. „Seit Mai 2020 hatten wir zehn unterschiedliche Hygienekonzepte“, berichtet Jennifer Rauch, zweite Vorsitzende der Abteilung Turnen, Fitness und Gesundheitssport sowie Übungsleiterin.

Aktuell hätte der Verein von der 2G-Plus-Regel, nach der jeder Sportler sich auf das Coronavirus testen lassen muss, wieder auf 3G gehen können. Der Vorstand entschied sich nun aber dagegen, für die letzten anderthalb Wochen des Jahres 2021 ein weiteres Mal die Regeln zu ändern.

Schon zuvor sei die Entscheidung gefallen, auf den Hallensport unter der 2G-Plus-Regel zu verzichten. Grund war unter anderem die unzureichende Versorgung mit Testzentren in Achim sowie die Überlegung, Kinder und Jugendliche, die an ihren Kitas und Schulen in Kohorten eingeteilt sind, nicht in der Freizeit plötzlich einem Ansteckungsrisiko in bunt zusammengewürfelten Gruppen auszusetzen. Und die Übungsleiter selbst entscheiden zu lassen, sei keine Option gewesen. „Das ist schwierig, weil wir als Vorstand auch eine Verantwortung haben“, betont Rauch. Man habe vermeiden wollen, dass einzelne Übungsleiter an den Pranger gestellt werden, wenn sie ihre Kurse in Präsenz veranstalten.

Seit Juni 2020 versucht der TSV Achim, zunächst mit Outdoor- und später Online-Kursen, sein Sportangebot aufrechtzuerhalten. Beispielsweise treffen sich mehrere Walking-Gruppen und eine Gruppe für Outdoor-Fitness draußen, Kindertanz sowie Fitness für Kinder oder Jugendliche findet online statt.

Auch hier musste der TSV Achim oft nachbessern. „Die Konzepte vom letzten Jahr für das Outdoor-Training konnten wir beispielsweise nicht übernehmen – wegen der später eingeführten Testpflicht“, erklärt Rauch, wie sich die wechselnden Kontakt- und Hygienebeschränkungen auf die ehrenamtliche Arbeit im Sportverein auswirken. Zumal der Niedersächsische Turnerbund von vornherein viel strengere Empfehlungen formuliert habe als andere Sportverbände. So habe es schon 2020 die Regel gegeben, dass im Indoor-Sport pro Person zehn Quadratmeter zur Verfügung stehen müssten.

Außerdem lasse sich das Turntraining nicht eins zu eins auf Draußen übertragen. „Im Kleinkinderbereich war das noch gut möglich, da haben wir Balanciersteine und ähnliches auf dem Sportplatz aufgebaut“, erzählt Rauch, die unter anderem Eltern-Kind-Turnen anleitet. Gruppen ab sechs Jahren bliebe aber nur ein Kraft- und Ausdauertraining – „kein Reck, keine Ringe, das Wesentliche fiel weg“. Auch die im Turnsport so wichtige Hilfestellung war laut Rauch auf ein Minimum beschränkt – mit dem Resultat, dass Kinder und Jugendliche nur Übungen machen konnten, die sie vorher schon beherrschten. Es scheint nur ein Nebenschauplatz zu sein, kostet aber dennoch Geld: Wenn mit Leder überzogene Großgeräte oft mit Desinfektionsmittel besprüht werden, gehen diese schnell kaputt.

Für das Angebot an Outdoorkursen hat die Turnsparte des TSV Achim neue Formen des Trainings gefunden.

Konsequenterweise gab es im Turnsport 2021 keine Turniere. Ein kleines Highlight organisierte der TSV vereinsintern für seinen Turnernachwuchs – mit Anmeldungen und nach der 3G-Regel: das von der Firma „Kinder“ gesponserte „Joy of Moving“ mit dem „Das-kann-ich-schon“-Abzeichen, an dem sich 27 Familien beteiligten.

Mit 1781 Mitgliedern ist der TSV der größte Sportverein in Achim. Allein der Turnsparte gehören 586 Personen an. Primär sei es nicht der Mitgliederschwund, der den Vereinsvorstand plagt, sondern vor allem Nachwuchssorgen. „Über die Corona-Zeit sind uns einige Übungsleiterinnen und Übungsleiter weggebrochen“, berichtet die 36-Jährige. Viele hätten schon vorher damit geliebäugelt, ihr Ehrenamt abzugeben, um jüngeren Vereinskollegen den Vorzug zu lassen. „Aber Ersatz ist in diesen Zeiten schwer zu finden“, so Rauch.

Auch der Vorstand sei schon in den Jahren vor Corona zusammengeschrumpft, so dass sich die Arbeit auf immer weniger Schultern verteile. Darum würde sich der TSV Achim über Mitstreiter – auch Helfer oder Beisitzer im Vorstand – freuen.

Unterdessen sei die Mitgliederzahl in einigen Bereichen geradezu sprunghaft angestiegen, sagt Rauch: „Bei den Kindern und Jugendlichen haben wir teilweise so viele auf der Warteliste, dass wir jeweils eine neue Gruppe füllen könnten.“ Nach den beiden Lockdowns hätten viele Eltern gemerkt, wie sehr ihre Kinder Bewegung brauchten, vermutet Jennifer Rauch. Neben der Vermittlung einer grundlegenden Beweglichkeit sieht sie die Aufgabe des Vereinssports darin, „dass Kinder Spaß an der Bewegung kennenlernen und sich dies später auch bewahren“.

Auf alle Angebote, die drinnen stattfinden, will der TSV Achim nun auch angesichts der stetig näher rückenden Weihnachtsferien zunächst verzichten. „Und im Januar könnten sich die Bestimmungen eh wieder ändern“, so Rauch. Anfang 2022 will sich darum der Vereinsvorstand beraten und die Mitglieder so bald wie möglich informieren, wie es weitergehen soll.

Jennifer Rauch hofft zudem, dass die politischen Entscheidungsträger künftig „nicht wieder so schnell hintereinander Verordnungen“ ändern und dass sie mehr mit denjenigen sprechen, die die Regelungen schließlich umsetzen müssen.

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