Vorfall in Achim: 47-jähriger vor Gericht

Trifft Pfleger Schuld am Tod eines Patienten?

Achim/Rotenburg - Von Michael Krüger. Wie verlässlich sind Maschinen? Und wie viel Vertrauen steckt man in einen Menschen? Mit diesen auch ganz grundsätzlichen Fragen muss sich das Rotenburger Amtsgericht derzeit beschäftigen.

Ein 47-jähriger Krankenpfleger aus Jeddingen muss sich dort seit Dienstag verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm fahrlässige Tötung und Urkundenfälschung vor. Ein querschnittsgelähmter und schwer kranker Mann ist im März 2015 gestorben. Trägt dafür der Pfleger eine Mitschuld?

Es sind Detailfragen, mit denen sich die Vorsitzende Richterin Petra Simon, ihre beiden Schöffen und alle anderen Beteiligten des Prozesses, für den zunächst drei Verhandlungstage angesetzt sind, auseinandersetzen müssen. Das ist langwierig und für den Laien nicht immer zu durchschauen, weil es vor allem auch um technische Fragen der Intensivmedizin geht. 

Eindeutig ist hingegen das, was Oberstaatsanwalt Thomas Löding dem zweifachen Familienvater vorwirft: Der 47-Jährige soll sich mit falschen Papieren bei Pflegeeinrichtungen beworben und den Tod des Querschnittsgelähmten in Achim am 12. März 2015 mitverschuldet haben. 

Der Angeklagte dagegen widerspricht und sagt, er habe sich stets mit den Originalpapieren seiner Ausbildung Anfang der 1990er-Jahre am Rotenburger Diakonieklinikum beworben und sei sich keiner Schuld aus der Nacht bewusst. Wie das alles passieren konnte, beschäftige ihn nun seit zweieinhalb Jahren. Auch mit psychologischer Hilfe habe er noch keine Antworten gefunden.

Möglicherweise gefälschte Papiere

Vielleicht gibt es die im Prozess. Am Dienstag zum Auftakt galt es, die Abläufe genau zu rekonstruieren. Der Pfleger mit den möglicherweise falschen Papieren war als Angestellter einer Visselhöveder Pflegeeinrichtung schon seit November 2014 mit der Intensivbetreuung des Mannes in Achim betraut. Es sei dabei ein „freundschaftliches Verhältnis“ entstanden, was auch der Vater des Gestorbenen im Gerichtssaal bestätigt. 

In dieser Nachtschicht habe er sich wie üblich darum kümmern müssen, den Gelähmten für die Nacht im Bett bequem zu lagern, seine Beatmungsgeräte und den Pulsmesser zu kontrollieren sowie den Urinbeutel zu wechseln. Die Wohnung für die Pflege des Achimers befand sich im Erdgeschoss einer Doppelhaushälfte, im Obergeschoss wohnte die

44 Minuten lang Alarm

Großmutter. Alles habe seinen gewohnten Gang genommen, bis um 2.17 Uhr der Alarm der Beatmungsmaschine losging. „Es kam aus heiterem Himmel plötzlich ein Alarm“, so der Angeklagte. Warum, habe sich ihm aber nicht erschlossen. „Es fing alles an zu piepen.“ 

Die manuelle Kontrolle nach dem Anbringen eines Kochsalzverneblers, mit dem das „Lungenrasseln“ beim Gelähmten gelindert werden sollte, habe keine Fehlfunktionen ergeben. Auch der Alarm eines Pulsoximeters, der kurz danach ausgelöst wurde, sei mit der Normalisierung der Werte wieder abgeschaltet worden. Einen weiteren Alarm habe es dann nicht gegeben.

Erst, als er routinemäßig um 2.55 Uhr den Urinbeutel habe wechseln wollen, sei dem Pfleger aufgefallen, dass etwas nicht stimmt: „Er war kalt.“ Der Pflegebedürftige war bereits erstickt.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten vor, nicht auf den Alarm reagiert zu haben. Erst um 3.01 Uhr seien die Signale abgeschaltet worden. Was in diesen 44 Minuten zwischen Auslösung des Alarms und Abschaltung wirklich zu hören war, darüber wird nun gestritten. Der Angeklagte sagt, es habe keinen Ton gegeben. Ein Techniker, der nach dem Vorfall die Daten des Beatmungsgeräts ausgelesen hat, berichtet hingegen: „Ich kann mich darauf festlegen, dass der akustische Alarm 44 Minuten lang gelaufen ist.“

Der Prozess wird am 14. und 21. November fortgesetzt.

Rubriklistenbild: © dpa

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