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Trauer um Vater und Motor der Achimer Tafel

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Von: Michael Mix

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Auf Idee von Bürgermeister Rainer Ditzfeld (rechts) wird im Rathausfoyer ein Kondolenzbuch für den Verstorbenen ausgelegt. Darüber freuen sich die Tafel-Kräfte Bruno Kroehn, Lisa Henschel und Birgit Tobaben.
Auf Idee von Bürgermeister Rainer Ditzfeld (rechts) wird im Rathausfoyer ein Kondolenzbuch für den Verstorbenen ausgelegt. Darüber freuen sich die Tafel-Kräfte Bruno Kroehn, Lisa Henschel und Birgit Tobaben. © Mix

Achim – Rainer Kunze ist tot. Der Gründer und Vorsitzende der Achimer Tafel starb bereits am 21. Juli mit 81 Jahren. Kunze hat sich mit seinem schier unermüdlichen ehrenamtlichen Engagement auf dem sozialen Sektor herausragende Verdienste um das Gemeinwesen erworben. Die Stadt Achim legt anlässlich seines Todes ab kommender Woche erstmals ein Kondolenzbuch im Rathaus aus, in das sich alle um ihn trauernden Bürgerinnen und Bürger eintragen können.

Das werden nicht wenige sein. Denn Rainer Kunze hat wohl wie kein Zweiter Tausenden Leuten mit schmalem Geldbeutel in der Stadt und umzu tatkräftig unter die Arme gegriffen. Und das 15 Jahre lang. Praktisch seinen gesamten Ruhestand widmete der frühere Manager bei einem bekannten Tierfutterhersteller in der Region der Aufgabe, viele ärmere Menschen Woche für Woche günstig mit Lebensmitteln zu versorgen.

„Wir verlieren mit Rainer Kunze eine Persönlichkeit, die nicht nur die Achimer Tafel vorbildlich geführt hat, sondern die auch für viele Menschen und Belange ein offenes Ohr hatte“, würdigte Bürgermeister Rainer Ditzfeld am Freitag bei einem Pressegespräch im Rathaus den Verstorbenen. Das Stadtoberhaupt sprach von einem „Vorzeige-Ehrenamtlichen“.

Kunze habe die 2007 gegründete Tafel innerhalb kurzer Zeit zu einer Institution in der Stadt gemacht, sodass der Verein schon kaum zwei Jahre später den Achimer Ehrenpreis für besonderes ehrenamtliches Engagement erhielt. „Rainer haben wir unheimlich viel zu verdanken“, betonte sein Namensvetter, der Bürgermeister, mit leicht zitternder Stimme.

Kunze sei die erste hochrangige Persönlichkeit, die die Stadt mit einem Kondolenzbuch ehre. Vom kommenden Montag an liege es zwei Wochen lang im Rathausfoyer aus. Dort könnten dann alle Interessierten ihre Wertschätzung für den Verstorbenen zum Ausdruck bringen.

„Das ist ganz toll“, lobte Lisa Henschel, Vorstandsmitglied des Tafelvereins, beim Pressegespräch die Idee von Bürgermeister Ditzfeld. „Das kommt sehr gut bei unseren Mitgliedern an.“

Auch Bruno Kroehn, stellvertretender und jetzt kommissarischer Vorsitzender der Tafel, freute sich darüber. „Rainer hatte eine unnachahmliche Art, den Verein zu managen und Spenden einzuwerben“, stellte er beim Gespräch im Rathaus fest.

Kunze habe auch „sehr gerne“ Statistiken erstellt. „Wir wussten daher immer sehr genau, wie sich unsere Kundschaft zusammensetzt, gleich ob Alter oder Herkunft.“

Aktuell zähle die Achimer Tafel mit ihren drei Ausgabestellen im Tafelhaus an der Unterstraße in Achim sowie den ebenfalls von Kunze maßgeblich mit aufgebauten Filialen in Bassen und Thedinghausen 800 Kunden. Das Publikum habe sich im Laufe der Jahre sehr geändert. Aufgrund des Flüchtlingsstroms aus der Ukraine stamme inzwischen rund ein Drittel der Nutzer aus dem osteuropäischen Land.

Rainer Kunze habe bei allem Einsatz für die Tafel aber auch stets das „große Ganze“ im Blick gehabt, fügte Kroehn, sein voraussichtlicher Nachfolger an der Spitze des Vereins, hinzu. Bei interessierten Gruppen, wie dem Rotary-Club Achim, habe der Witwer in Vorträgen die ungleiche Verteilung von Lebensmitteln in der Welt und deren Verschwendung hierzulande angeprangert.

„Er wäre erst zufrieden gewesen, wenn Tafeln überflüssig würden“, merkte Rainer Ditzfeld an. Doch das werde wohl noch lange auf sich warten lassen.

Vor 15 Jahren hielt Rainer Kunze es für dringend geboten, in Achim solch ein Angebot zu schaffen. Zum Ende seines Berufslebens und mit Beginn seiner Rente hob er mit etwa zehn Gleichgesinnten den Verein Achimer Tafel aus der Taufe. „Es gab damals eine hohe Zahl an Bedürftigen in Achim und Umgebung“, erinnert sich Bruno Kroehn, einer seiner Mitstreiter von der ersten Stunde an. Der 73-Jährige verweist auf Arbeitslose und Hartz-IV-Empfänger, die mit ihrem bescheidenen Budget nur schwer über die Runden kämen.

Ex-Manager Kunze trieb die Hilfsmission zielstrebig und mit großer Energie voran. Der erste Vorsitzende des Vereins, der er bis zu seinem Lebensende bleiben sollte, mietete an der Unterstraße ein Gebäude, in dem zuletzt eine Fliesentenne residiert hatte, um dort ein Tafelhaus einzurichten. Für den Umbau der Immobilie warb Kunze bei Unternehmen und Wohlhabenden erfolgreich um Spenden. Auch die Beiträge der rund 130 Vereinsmitglieder und deren Eigenleistungen beim Schaffen von Regalen, Ausgabetresen und Kühlräumen für verderbliche Ware trugen dazu bei, dass das Tafelhaus schon bald in Betrieb gehen konnte.

In der Zwischenzeit hatte der umtriebige Vorsitzende längst Kontakt mit den Verbrauchermärkten und Bäckereien in der Region aufgenommen, um Geringverdiener oder Erwerbslose gegen die Zahlung eines geringen Obolusses mit von Aldi und Co. aussortierten Nahrungsmitteln versorgen zu können. Anfangs rannte er mit diesem Ansinnen nicht überall offene Türen ein. Doch schon lange überwiege bei den Märkten das Interesse daran, nicht verkäufliche Lebensmittel oder solche mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum, aber in noch genießbarem Zustand, auf diese Weise kostenlos zu entsorgen, weiß Kroehn.

Rainer Kunze leitete 15 Jahre, von Beginn seines Ruhestands an, die Achimer Tafel.
Rainer Kunze leitete 15 Jahre, von Beginn seines Ruhestands an, die Achimer Tafel. © -

Die für den fast täglichen Transport der Ware von den Geschäften zum Tafelhaus benötigten zwei Lieferfahrzeuge mit Kühlvorrichtung, die von Ehrenamtlichen gesteuert und die hin und wieder durch neue Wagen ersetzt werden müssen, finanziert die Tafel weitgehend über Spenden. Und auch mit Hilfe von öffentlichen Mitteln. Kunze zeigte sich froh darüber, dass die Stadt dem Verein regelmäßig einen Zuschuss zahlt, während er bei Nachbargemeinden, deren Einwohner ebenfalls zu den Kunden der Achimer Tafel zählen, in der Angelegenheit lange auf eine entsprechende Zusage warten musste.

Egal wo und bei wem, Rainer Kunze rührte unermüdlich die Werbetrommel für sein Herzensanliegen. „Es war fantastisch, wie er das gemacht hat“, sagt Kroehn. So initiierte Ditzfeld nach einem Besuch Kunzes bei ihm zu Hause eine Wiegewette zugunsten der Tafel. Und auch Einnahmen der Rotary-Stadttombola sind Jahr für Jahr für diesen Zweck bestimmt.

So sehr sich auch der agile Rentner für die Tafel und damit für sozial Schwächere ins Zeug legte, so betonte er doch immer wieder, dass es eigentlich Aufgabe des Staates sei, sich um eine ausreichende Grundversorgung der Bevölkerung zu kümmern.

Rainer Kunze war mit Herzblut bei der Sache. Dabei machte er nicht viel Aufhebens um seine Person. Eine Anfrage dieser Zeitung, ihn anlässlich seines 80. Geburtstags zu porträtieren, lehnte er ab. „Nein, nein, das muss nicht sein“, antwortete er dem Reporter. „Schreiben Sie mal lieber über die Tafel.“

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