Branche in Achim fehlt Personal

Taxi nach Kneipenbesuch? Eher Glückssache

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Geduldsprobe für Fahrer und Gäste: Taxis stehen in Achim oft im Stau, wie hier auf der Bergstraße.

Achim - Von Michael Mix. Wer spätabends oder nachts in Achim ein Taxi braucht, steht oft auf verlorenem Posten. Nicht selten müssen Fahrgäste lange Wartezeiten in Kauf nehmen, oder aber sie gucken im Dunklen ganz in die Röhre. Hauptgrund für die Misere sind fehlende Fahrer.

Die „Taxi-Situation in Achim von 22 bis 6 Uhr“ hat das Ratsmitglied Larne Sprenger zu einer Anfrage und einen Antrag an Bürgermeister Rainer Ditzfeld veranlasst. Der fraktionslose Kommunalpolitiker fordert das Stadtoberhaupt zum Handeln auf.

„Viele Innenstadt-Wirte und deren Gäste haben mir in den letzten Wochen ihr Leid mit den Achimer Taxi-Unternehmen geklagt“, schreibt Sprenger. Nach 22 Uhr sei es in Achim kaum noch möglich, einen Wagen mit „adäquater Wartezeit“ zu bekommen. Wartezeiten bis zu einer Stunde oder länger seien normal, wenn überhaupt jemand in der Taxi-Zentrale den Hörer abnehme. Viele Leute unterließen mittlerweile den Besuch von Gaststätten, weil sie wüssten, dass sie nicht rechtzeitig nach Hause kämen.

„Da es in Achim einen überhaupt sehr schlechten innerstädtischen ÖNPV gibt, der zu den oben genannten Zeiten überhaupt nicht fährt, sind Taxis die einzige Beförderungsmöglichkeit“, merkt Sprenger an. Gerade für Frauen seien diese wichtig. „Die sichere, freundliche, beruhigende und warme Fahrt ist oft die einzige Möglichkeit, nach Hause zu kommen.“

Der Rückweg von der Kneipe kann zum Problem werden.

Larne Sprenger lobt in seinem Brief an Ditzfeld „ausdrücklich die Achimer Taxi-Unternehmen und deren Fahrerinnen und Fahrer“ und dankt ihnen für Nachtschichten. „Sie sind freundlich, gut gelaunt, hilfsbereit (nicht nur beim Ein- und Aussteigen oder Koffertragen) und machen ihren Job höchst professionell, auch wenn vor einem sehr anstrengende Menschen mitgefahren sind“, heißt es in Sprengers Schreiben.

Er habe sich mit diversen Taxifahrern über die Situation unterhalten. Und dabei sei er zu einem klaren Ergebnis gelangt, lässt der Ratsherr den Bürgermeister wissen: „Es gibt zwar genug Fahrzeuge, aber nicht genug Fahrer.“ So komme es häufiger vor, dass Achimer Taxiunternehmen der Beförderungspflicht nicht nachkämen.

Sprenger beantragt daher, dass die Stadt Achim „im Dialog mit Taxi-Unternehmen, Wirten, Fahrern und der Aufsichtsbehörde beim Landkreis Lösungen findet, um die Wartezeiten drastisch zu senken“. Nötig sei zudem „eine gemeinsame Anwerbungspolitik, um mehr Fahrerinnen und Fahrer zu finden“.

Selbst der Taxi-Stand am Bahnhof ist mitunter verwaist.

Nachfragen dieser Zeitung bei den Achimer Taxi-Unternehmen bestätigen den alarmierenden Befund des Ratsmitglieds. Alle sehen Handlungsbedarf, sind aber gleichzeitig ratlos, wie das Dilemma zu beheben ist.

„Wir haben seit gut einem Jahr Probleme, genügend Fahrer zu finden“, verrät Sabine Schwarz. Versuche, über die Arbeitsagentur, Anzeigen oder in öffentlichen Einrichtungen ausgehängte Zettel Personal zu rekrutieren, hätten nichts gebracht.

Aber warum interessiert sich denn keiner mehr für den Job des Taxi-Fahrers? „Das hängt auch mit der Verkehrssituation in Achim zusammen“, antwortet die Inhaberin von „Taxi Schwarz“. „Man steht hier doch ständig im Stau.“

Sabine Schwarz räumt allerdings auch ein, dass sich der Betrieb in den Nachtstunden „unter der Woche“ nicht rentiere. Das Fahrgastaufkommen sei dann gering, zumal in Achim „gerade mal zwei, drei Lokale länger geöffnet haben“. Lediglich in den Nächten zu Samstag und Sonntag lohne sich das Geschäft. „Dann sind wir auch regelmäßig mit mehreren Wagen im Einsatz.“ Fahrten zum Flughafen seien auf Vorbestellung jederzeit möglich.

Schwarz' Kollege Uwe Schierloh beschreibt die personelle Situation der Branche in der Weserstadt noch drastischer. „Das ist wirklich eine Katastrophe“, entfährt es ihm auf Nachfrage.

„Am Wochenende haben wir arge Probleme, unsere Autos mit Fahrern zu besetzen. Von den vorhandenen elf Wagen laufen oft nur fünf, sechs in der Nacht zu Sonntag“, konkretisiert der Chef von „Taxi Schierloh“.

Und weil es in den Nachbargemeinden kaum noch lizensierte Personenbeförderer dieser Art gebe, müssten seine Kräfte oft weite Strecken zurücklegen. „Wir werden sogar für Fahrten von Völkersen nach Verden angefordert.“

Unter der Woche habe er zwei Fahrer im Einsatz. „Das reicht“, urteilt Uwe Schierloh. „Wenn jemand noch zehn Minuten in der Kneipe sitzen muss, ist das ja wohl zumutbar.“

Gleichwohl sei die personelle Lage alles andere als rosig, gibt der Achimer zu. Sein Unternehmen beschäftige ausnahmslos „Aushilfen, die alle noch einen anderen Job haben“. Erschwerend komme hinzu, dass diese Mitarbeiter mit dem Taxi-Fahren nicht mehr als 450 Euro im Monat verdienen dürften. Der Mindestlohn, der jetzt bei „mindestens 9,14 Euro brutto“ pro Stunde liege, verschärfe das Problem noch. „In der zweiten Monatshälfte geht dann oft nichts mehr“, sagt Schierloh.

Und für viele, etwa Studenten, die früher als Taxi-Chauffeur gerne die eine oder andere Mark verdient hätten, sei es heutzutage lukrativer, einfacher und angenehmer, Pizza auszufahren. Dafür benötigten der Mann oder die Frau am Steuer keinen Personenbeförderungsschein, und auch mit Fahrgästen müssten sich die Lieferanten nicht herumärgern. Insbesondere junge Leute ließen häufig jedes Benehmen vergessen, pöbelten im Taxi herum oder kotzten es sogar voll, berichtet Schierloh. „Ich tue mir das nicht mehr an“, habe ihm ein Fahrer nach 25 Jahren in dem Dienstleistungsgewerbe gesagt und hingeworfen.

Personalmangel treffe jedoch längst nicht nur die Taxi-Branche, fügt Schierloh an. „In der Gastronomie, als Bäcker oder Fleischer will ja auch keiner mehr arbeiten.“ Ein gesellschaftliches Phänomen, gegen das die betroffenen Unternehmen, Stadt oder Landkreis mit ihren Mitteln wohl machtlos sind. Uwe Schierloh fällt auf Anhieb auch keine Lösung ein.

„Fahrer zu finden, ist Glückssache“, bekräftigt derweil Kevin Hoppe vom „Aller-Weser-Taxi“ in Achim. „Wir fahren nachts nur auf Vorbestellung – aus Kostengründen und wegen Personalmangels.“

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