„28 Tage lang“: David Safier liest am Pogromnacht-Jahrestag vor Achimer Gymnasiasten

Witziger Bestseller-Autor ganz ernst

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David Safier im Achimer Kasch.

Achim - Er schrieb amüsante Bestseller wie „Mieses Karma“ oder „Jesus liebt mich“, war mal Moderator bei Bremen Vier und lässt es an Witz und Schlagfertigkeit selten mangeln. Gestern aber präsentierte sich der als Fernsehautor schon mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete David Safier aus gegebenem Anlass von einer ganz anderen Seite.

Am Jahrestag der nationalsozialistischen Reichspogromnacht las er vor den zehnten und elften Klassen des Achimer Gamma-Gymnasiums im Kasch aus seinem aktuellen Buch „28 Tage lang“. Thema: Der Aufstand im von Nazi-Truppen abgeriegelten, jüdischen Warschauer Getto 1943.

Nur 300 Kalorien gewährten die Besatzer dort jedem Bewohner täglich, was etwa einem Croissant entspricht. Als den Bewachern das Aushungern zu lange dauerte, wurden verstärkt Menschen aus dem Ghetto in KZ’s deportiert. Schließlich griffen rund 1400 junge Juden zu den Waffen in der schwachen Hoffnung, einige Stunden oder einen Tag ihren brutalen Gegnern standhalten zu können. Daraus wurden die besagten 28 Tage.

Vor diesem Hintergrund spielt Safirs Roman, für den er länger als gewohnt nachrecherchierte. Hauptperson Mira erfand er, um über sie möglichst viele Aspekte des tatsächlichen Ghettolebens und Aufstands beleuchten zu können.

Den vorgetragenen Abschnitten lauschten die Gymnasiasten gebannt. Da ging es etwa um „Hyänen“– polnische Helfershelfer der Nazis, die außerhalb des Ghettos angetroffene Juden verfolgten und gegen Geld ihren Peinigern auslieferten. Auch Mira steigt einmal über die stacheldrahtbewehrte Mauer, um auf dem Schwarzmarkt lebensnotwendige Nahrungsmittel zu beschaffen.

Besonders bewegend dann die Szene zum Abschluss der Lesung, als Kinder aus dem Waisenhaus des Ghettos schön gekleidet samt dem Leiter des Hauses, einem damals weltbekannten Pädagogen, singend auf Lastwagen steigen, die sie in den Tod bringen. All das habe sich wirklich so ereignet, betonte Safier.

Seine Großeltern kamen ebenfalls in Konzentrationslagern um. Der dem Nazi-Terror ins damalige Palästina entkommene Vater verliebte sich Anfang der 60er Jahre in eine junge, nichtjüdische deutsche Frau, die ihn vom Alkoholismus heilte. Später bemühte sich der Vater in Bremen um den Brückenschlag zwischen Deutschen und Israelis.

Die gesamte damalige Generation sei gezeichnet von Verfolgung beziehungsweise Kriegsschrecken, betonte sein Sohn, der längst selber Vater ist. Manche Traumata seien nach dem Krieg in die Erziehung mit eingeflossen. Insofern wirkten sich damalige Schrecken bis heute aus und seien nicht nur grauselige Geschichten aus einer weit entfernten Vergangenheit. Und auch Antisemitismus gebe es ja weiterhin.

Sichtlich erfreut war der prominente 48-jährige Gast, als die Gymnasiasten im Anschluss an Nachfragen auch zu seinem Schriftstellerberuf ihm noch spontan applaudierten.

Die Kontakte zu David Safir hatte Gamma-Lehrerin Mirjam Phillips hergestellt. Der Bremer hatte dann auf Nachfrage sofort den Auftritt in Achim an diesem besonderen Tag zugesagt.

la

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