Vorsitzender Kunze informiert über Struktur, Umfeld und Arbeitsweise

Tafel-Bedarf ungebrochen hoch

Rainer Kunze erläutert beim Clubabend die Arbeitsweise der Achimer Tafel: Einzugsgebiete, Verteilstationen mit Umsatzmengen und Ausgabebedingungen. Foto: Schmidt

Achim - Von Ingo Schmidt. Stark kritisiert hat der Vorsitzende des Achimer Tafel-Vereins, Rainer Kunze, beim Clubabend im Haus Hünenburg die Lebensmittelvernichtung in Deutschland, die ihm zufolge jährlich bei elf Millionen Tonnen liegt – das sind 85 Kilogramm pro Person im Wert von 25 Milliarden Euro. Die größten „Vernichter“ seien mit 40 Prozent die Privathaushalte, größter „Retter“ sind die Tafel-Vereine. Kunze sprach am Donnerstagabend zum Thema „Tafel Achim – Umfeld, Struktur und Arbeitsweise“ vor rund 20 Mitgliedern.

Der breiten Annahme, allen Bürgern des Landes müsse es nach vielen Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs grundsätzlich gut gehen, wollte der Tafel-Chef mit Fakten etwas entgegensetzen und über die tatsächlichen Sachverhalte informieren. Es sei ein Trugschluss, dass unsere Gesellschaft auf das Tafel-Engagement verzichten könne: Die Schere zwischen Reich und Arm gehe weiter auseinander, und der Bedarf am Tafel-Engagement werde in den kommenden Jahren steigen, so seine Prognose. Die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland verlaufe positiv: stetiges Wirtschaftswachstum, Exportbilanz auf Rekordhoch, fast Vollbeschäftigung am Arbeitsmarkt und eine florierende Binnenkonjunktur. Aber es gebe auch eine Schattenseite, denn eine zunehmende Zahl der Menschen lebe von Arbeitslosengeld oder in Bedarfsgemeinschaften, arbeite auf 450-Euro-Basis oder beziehe im Niedriglohnsektor als sogenannte Aufstocker neben dem Einkommen Hartz-IV-Leistungen.

Rainer Kunze präsentierte Statistiken zur Armutsentwicklung in Deutschland, Niedersachsen und im Landkreis Verden. Danach ist die durch Armut gefährdete Gruppe von 2008 bis 2016 kontinuierlich angewachsen. In Verden ist die Zahl von Menschen mit geringem Einkommen von 22 100 auf 27 700 gestiegen. Risikogruppen sind Erwerbslose, Alleinerziehende, Rentner, Familien mit vielen Kindern, Menschen mit Migrationshintergrund und geringem Qualifikationsniveau.

Im Gründungsjahr 2007 wurde die Tafel-Initiative mit viel Argwohn betrachtet. Achim sei eine reiche Stadt, die ein Tafel-Angebot keinesfalls benötige, habe es geheißen. Aber vor allem die Finanzkrise brachte manchen Privathaushalt in Schieflage und nicht nur Rentner nahmen das Angebot des Vereins an.

Einige Jahre später kam die Flüchtlingskrise hinzu. Heute sieht Rainer Kunze eine besorgniserregende Tendenz in der Altersarmut. „Das Thema wird uns in den kommenden 20 bis 30 Jahren noch beschäftigen“, prognostiziert der Achimer Ruheständler und beklagt: „Die meisten jungen Leute treffen inzwischen eine zusätzliche, private Rentenvorsorge, aber die Vorgängergeneration hat daran doch keinen Gedanken verschwendet.“ Man habe in der Annahme gelebt, das Auskommen werde später schon ausreichen. „Wir können das Tafelhaus nicht morgen abschließen“, machte Rainer Kunze klar und erläuterte die Arbeitsweise der engagierten rund 100 freiwilligen Mitarbeiter und wies auf den Spendenbedarf hin.

Im Anschluss stellte sich der Referent den Fragen seines Auditoriums. Seine Antwort zur Einschätzung für die kommenden drei Jahre: Ein Einbruch der Konjunktur habe sicher Auswirkungen auf die Zahl der Bezieher von Arbeitslosengeld und Hartz IV, aber die Altersarmut falle stärker ins Gewicht. Schon heute liege der Anteil älterer Damen bei geschätzten 30 bis 40 Prozent der Tafelnutzer mit steigender Tendenz.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Iran beschlagnahmt zwei britische Öltanker

Iran beschlagnahmt zwei britische Öltanker

Polizeigewerkschaft: Zahl von Verleih-E-Scootern begrenzen

Polizeigewerkschaft: Zahl von Verleih-E-Scootern begrenzen

Fotostrecke: Erst in Zivil, dann in Aktion - die Bilder zum Freitagstraining

Fotostrecke: Erst in Zivil, dann in Aktion - die Bilder zum Freitagstraining

Der Juni bricht weltweit alle Hitzerekorde

Der Juni bricht weltweit alle Hitzerekorde

Meistgelesene Artikel

Projekt zum Schutz der Bodenbrüter: Fallen in Heins schnappen zu

Projekt zum Schutz der Bodenbrüter: Fallen in Heins schnappen zu

Großbaustelle an der Uesener Feldstraße kommt rasch voran

Großbaustelle an der Uesener Feldstraße kommt rasch voran

Dreimal Hagen und zweimal Mindermann

Dreimal Hagen und zweimal Mindermann

Trauer um Hermann Behrmann

Trauer um Hermann Behrmann

Kommentare