Prozess zu Messerattacken in Ottersberg und Visselhövede

Der Täter fleht: „Erschießt mich doch“

Achim/Ottersberg - Von Manfred Brodt. Der Fall machte vor einem Jahr nicht nur bundesweit Schlagzeilen, weil er terroristischen Aktionen in München und Würzburg folgte. Ein 22-Jähriger aus dem Kreis Rotenburg hatte im Metronom auf der Fahrt von Hamburg nach Bremen in Ottersberg junge Frauen mit einem Messer bedroht und angeblich zustechen wollen. Vier Monate später lieferte er sich mit der Polizei in Visselhövede eine wilde Auseinandersetzung. Jetzt stand der heute 23-jährige Täter vor dem Achimer Amtsgericht.

Als am begonnenen 24. Juli der Schaffner zur Fahrkartenkontrolle kam, war der junge Mann ausgerastet. Der Zugbegleiter hatte ihn daraufhin in einem abgetrennten Abteil eingesperrt, aus dem der junge Mann sich dann bei Sottrum jedoch befreien konnte. Im Raum zwischen zwei Abteilen sprang er dann mit einem Messer auf eine 20-Jährige zu, die in die Treppen zur Tür flüchtete.

Verletzt hatte er dabei die Frau nicht, und die Zeugen im Zug konnten jetzt während des Prozesses auch nicht hundertprozentig sagen, ob er mit dem Messer versuchte, zuzustechen oder die Frau geschubst hatte. Die bedrohte junge Frau konnte im jetzigen Prozess nicht gehört werden, da sie mittlerweile in der Ukraine lebt.

Der schmächtig und schwach wirkende Angeklagte, ohne Wurzeln ins Ausland, beteuerte, nie habe er zustechen wollen. Er wollte durch seine Wild-West-Aktion einen Polizeieinsatz provozieren und dann von der Polizei erschossen werden.

Er leide schon lange unter Angststörungen, an Soziophobie, also Angst vor der Gesellschaft anderer Menschen, und habe sich immer nur mit viel Alkohol in die Öffentlichkeit getraut. Diesem Leben habe er mit seinen Aktionen ein Ende setzen wollen.

So hatte er auch im Zug nicht Ruhe gegeben, sondern vor weiteren sich unterhaltenden jungen Frauen mit dem Messer außer sich herumgefuchtelt und sie wüst beleidigt. Dass er einer das Messer an die Kehle gehalten habe, wurde nicht bestätigt.

Passagiere stürmen in Panik aus dem Zug

Immerhin war es der Horror für die Zuggäste in dieser Nacht. Sie stürmten in Panik am Bahnhof Ottersberg aus dem Zug wie auch der Täter, der dann spurlos verschwunden war. Nachts gegen 3 Uhr hatte er sich dann jedoch der Achimer Polizei gestellt.

Der durchgeknallte Passagier kam dann für gut 14 Tage in die Rotenburger Psychiatrie, die laut Chefarzt von den Vorfällen im Zug nichts erfahren haben will.

Es sollte nicht der letzte Aufenthalt in der Rotenburger Klinik gewesen sein. Am 20. November beabsichtigte der unter sich Leidende erneut, durch eine ähnliche Tat seinem Leben ein Ende zu setzen. Er hatte das seinem Vermieter erzählt, der sofort die Polizei verständigte. Die fing am Bahnhof Visselhövede den Lebensmüden ab, der sich mit einem Messer wehrte und von der Polizei auch durch massiven Einsatz von Pfefferspray nicht zu bändigen war.

„Erschießt mich doch“, hatte er sie aufgefordert und als Bullen, Hurensöhne und Nazischweine beleidigt. „Es war äußerst ernst und knapp vor dem Gebrauch der Schusswaffe“, berichtete einer der beteiligten Polizisten jetzt. Erst als bei einer Verfolgungsjagd vom Bahnhof zur Innenstadt von Visselhövede der junge Mann stolperte und stürzte, hatte er verloren. Er kam wieder in die Rotenburger Psychiatrie und schimpfte dort weiter, dass die Polizei ihn nicht erschossen habe.

Der als Gutachter zum Prozess geladene Chefarzt der Rotenburger Klinik Dr. Konrad hielt die Erklärung mit Angststörung und Soziophobie für nicht überzeugend. Er kenne keinen Patienten, der aus Angststörungen andere mit einem Messer bedroht habe, sagte er und diagnostizierte statt dessen eine recht seltene unreife Persönlichkeitsstörung, zu der mangelnde Reife, fehlendes Verantwortungsbewusstsein, fehlende Werte, wenig Realitätssinn, emotionale Instabilität und wenig Selbstkontrolle gehörten.

Wie auch immer, das sei eine psychiatrische Störung und verminderte Schuldfähigkeit.

Räuberische Erpressung mit Waffe in der Jugend

Staatsanwalt, Verteidiger und Richter Andreas Minge berücksichtigten das ebenso wie die vermutliche Motivation des Angeklagten, nicht andere zu töten, sondern sich töten zu lassen. Juristisch erschwerend ist für ihn, dass er schon als Jugendlicher eine räuberische Erpressung mit einer Waffe auf dem Kerbholz hat. Für seine immer alkoholisiert begangenen Taten bekam er eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten zur Bewährung ausgesetzt, einen Bewährungshelfer und die Auflage, sich in Therapie zu begeben.

Zur Zeit befindet er sich schon freiwillig in einer therapeutischen Wohngemeinschaft von Pax Jugendhilfe in Scheeßel, wo es für ihn und andere junge Männer klare Strukturen und Abläufe gibt, was sich bei ihm sehr bewährt, wie der Betreuer sagt. Ziel der Stärkung der Persönlichkeit ist auch, die Gefährdeten bald wieder in Ausbildung und Arbeit zu bringen.

Ohne Depression sei das Verhalten des „Messerhelden“ sicher nicht zu erklären, fügte der Betreuer noch hinzu.

Rubriklistenbild: © dpa-avis

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