Gebühr bisher nur bei Textildiscounter-Ketten

Stoff, Papier oder Mehrzweck statt Plastik

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Stirbt die Plastiktüte aus? Kostenlose Exemplare gibt es anscheinend nur noch auf dem Wochenmarkt. Die Einzelhändlerin Sieghilde Ewert bietet Baumwollbeutel an.

Achim - Von Lisa Duncan. „Jute statt Plastik“ – dieser Spruch entstammt der Umweltbewegung der 80er-Jahre. Mehr als 30 Jahre später will der Einzelhandel die Plastiktüte Stück für Stück aus dem Verkehr ziehen. Auch in Achim beschäftig diese Umstellung die Händler.

Nach einer Vereinbarung des Deutschen Handelsverbandes HDE soll ab 1. April 2016 der Plastikmüll durch Tragetaschen um 60 Prozent reduziert werden, ab 2018 um 80 Prozent. Oft mit Folgen für den Geldbeutel der Kunden: Wo die Tüten vorher gratis ausgegeben wurden, sollen sie künftig ein paar Cent kosten. Wie gehen die Einzelhändler in Achim und Umgebung damit um? Eine nicht-repräsentative Umfrage.

Buchhändlerin Iris Hunscheid hat auf Recyclingtüten umgestellt.

„Wir haben Ende 2015 auf Recyclingtüten umgestellt. Die sindanschließend als Komposttüten nutzbar“, sagt Iris Hunscheid, die gemeinsam mit ihrem Mann Veit Hoffmann die Buchhandlung Hoffmann führt. Danach gefragt, ob sie eine Tragetasche wünschen, würden 95 Prozent der Kunden ohnehin ablehnen. Natürlich werde bei starkem Regen keine Plastiktüte verweigert. Die sei dann als Beigabe zum Buch auch kostenlos.

Bei Christine Sonnemeyer gibt es Papiertaschen

Ähnlich sieht es Christine Sonnemeyer, Inhaberin des Dessous-Geschäfts „Hautnah“: „Plastik oder Baumwolle finde ich nicht so passend für Wäsche.“ Darum bekommen die Kunden seit rund einem Jahr eine Papiertüte kostenlos dazu – auch wenn sie die feinen Textilien zusätzlich in der Handtasche vor neugierigen Blicken verstecken wollen. Sieghilde Ewert vom gleichnamigen Modegeschäft hat pünktlich zur Umstellung Baumwolltaschen mit „Achim“-Aufdruck aus alten Beständen geholt. Für größere Teile, wie etwa Jacken, nutzt sie bereits Papier- statt Plastiktüten, der Rest soll auch noch „umgerüstet“ werden – und das ohne Aufpreis.

„Die beste Plastiktüte ist keine Plastiktüte“, findet Gaby Kulpe. Wobei die Geschäftsinhaberin des „Bücherwurm“ an der Herbergstraße auch Papiertüten nicht als ökologisch unbedenklich ansieht. „Die Herstellung ist auch energieaufwendig und sie muss ebenfalls entsorgt werden.“ Derzeit überlegt sie mit ihrer Geschäftsteilhaberin, ob sie eine Gebühr für die Papiertragetaschen nimmt, die dann, wie bereits bei vergangenen Aktionen, gesammelt und an „Terre des Hommes“ gespendet werden könnte.

Eine Gebühr in Höhe von zehn Cent nimmt seit dem 1. April die Paulsberg-Apotheke am Markt. „Die Akzeptanz in der Bevölkerung ist gigantisch. Etwa 80 Prozent der Kunden sehen das positiv, etwa 90 Prozent wollen keine Tüte“, sagt Inhaber Kay Wolff. Viele Kunden würden bereits von sich aus einen Beutel mitbringen. Das sei auch kulturell erklärbar: „In Ländern wie den USA ist das anders. Da kommt jedes Teil, was größer ist als eine Zigarettenschachtel, in einen Plastikbeutel.“

„Darüber haben wir uns noch keine Gedanken gemacht“, gibt Hans Schröder, Inhaber des gleichnamigen Schreibwarenladens, offen zu. Etwa die Hälfte der Kunden bringe eigene Körbe oder Tragetaschen mit, Jugendliche nutzten den Schulranzen, um die Schreibutensilien zu transportieren. „Ansonsten haben wir Kunden noch keine Plastiktüte verweigert und wir nehmen auch keine Gebühr dafür.“

So locker können es die als Ketten geführten Läden in Achim und Umgebung nicht handhaben. So setzt Kik seit dem 1. Oktober 2015 komplett auf Baumwollbeutel und PET-Taschen aus Recycling-Material, wie der Konzern auf seiner Internetseite schreibt. Mit positivem Fazit: Von den neuen Taschen habe man im ersten Monat mehr als eine Million Stück verkauft, heißt es weiter.

Sport 2000 hat eine „umweltfreundliche Sport-2000-Lieblingstasche“ entwickelt, so Hans Allmendinger, Bereichsleiter Marketing und Kommunikation: „Sie besteht zu mindestens 70 Prozent aus PET-Recyclingmaterial und ist zu 100 Prozent recyclebar.“ Um die 2 Euro soll der Spaß kosten.

Der Textildiscounter NKD hatte sich bereits „deutlich vor 2010“ vorgenommen, den Plastikmüll zu reduzieren – und nimmt seitdem eine Gebühr von 10 Cent pro Tüte, teilt Unternehmenssprecher Jörg Roßberg mit.

Bei „Ernsting’s Family“ ist man noch unentschlossen, sagt Gunnar von Geldern, Unternehmenskommunikation und PR: „Derzeit laufen bundesweit in ausgewählten Filialen verschiedene Testszenarien. Wir gehen aktuell davon aus, dass wir bis spätestens Ende Juni ein klareres Bild haben, um dann zum Sommer die Kostenpflicht einführen zu können.“ Auch die Einführung einer Mehrwegtragetasche sei angedacht.

Unterdessen nimmt das Kaufhaus Dodenhof seit dem 1. April eine nach Tütengröße gestaffelte Gebühr, die sich zwischen 5 und 20 Cent bewegt. In der „Genießerwelt“ gibt es zudem, analog zu vielen Supermärkten, Papiertüten für 15 Cent und einen „PET-XXL-Mehrzweck-Shopper“ für 1,49 Euro, erklärt Michaela Strube, Leiterin der Unternehmenskommunikation bei Dodenhof.

Michaela von Knebel gibt ihren Kunden auf dem Wochenmarkt noch Plastiktüten mit.

Einzig auf dem Achimer Wochenmarkt scheint alles beim Alten zubleiben: „Wir nehmen keine Gebühr“, betont Michaela von Knebel. Die Scheeßelerin betreibt mittwochs einen Gemüsestand auf der zweiten Hälfte der Obernstraße. „Das können wir nicht machen, die Kunden würden in den Supermarkt gehen“, schiebt sie nach. Die Nutzung eigener Tragetaschen sei allerdings nur durschnittlich weit verbreitet: Weniger als 50 Prozent bringen ihren eigenen Beutel mit.

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