Sterne als Leitmotiv der Hoffnung

Achimer Selbsthilfegruppe bieten „Fachtag Sterneneltern“ an

Laden zum Fachtag in Achim ein, von links: Kerstin Flato, Heike Hansmann und Stefanie Gebers.

Achim. Für Paare mit Kinderwunsch ist die Freude groß, wenn sie endlich den positiven Schwangerschaftstest in den Händen halten. Ganz unwillkürlich fängt man an, sich vorzustellen, wie es sein könnte, gemeinsam ein Kind großzuziehen, wie es aussehen könnte, welche Charaktereigenschaften es entwickeln möge und vieles mehr. Doch was ist, wenn das Kind verstirbt, bevor es geboren wird?

Ein Schock, der für die Betroffenen nicht leicht zu verkraften ist. Darüber hinaus gelte der Tod immer noch als Tabuthema in unserer Gesellschaft, stellt Stefanie Gebers fest. Das will die 37-Jährige ändern.

Umgang mit einer Ausnahmesituation

Der kostenlose „Fachtag Sterneneltern“ am Samstag, 21. Oktober, in Achim soll über dieses Thema aufklären und Betroffenen sowie Begleitern eine Plattform zum Austausch geben. Gebers, heute Mutter von zwei Kindern, verlor selbst ein Kind in einer späten Phase ihrer Schwangerschaft. Aus diesem Anlass gründete die Badenerin mit ihrer Freundin Kerstin Flato 2014 die Selbsthilfegruppe „Sterneneltern Achim“. Gemeinsam mit der Kontaktstelle Selbsthilfe im Landkreis Verden haben sie nun auch den Fachtag im Kulturhaus Alter Schützenfest (Kasch) organisiert.

Eltern, die ihr Kind vor der Geburt verlieren oder „still gebären“, befinden sich in einer Ausnahmesituation. Die Krankenhäuser stellen in der Hektik des Klinikalltags oft nur ein kleines Zeitfenster zum Abschiednehmen bereit,- und viele Eltern wissen nicht, was sie in diesem Zeitraum tun dürfen. Ist es erlaubt, das verstorbene Kind noch einmal in den Arm zu nehmen? Aus falscher Zurückhaltung lassen Betroffene möglicherweise kostbare Momente ungenutzt verstreichen, die später für den Trauerprozess wichtig sein könnten.

Blick auch auf die Rolle des Vaters

„Wenn ein Kind zum Beispiel ein Jahr alt ist und dann verstirbt, haben die Eltern Erinnerungen, auf die sie zurückgreifen können: Das Lachen des Kindes, den Geruch“, erläutert Stefanie Gebers. „Sterneneltern haben das nicht.“

Auch die Rolle der Väter gerate rund um die Themen Schwangerschaft und Geburt aus dem Blick, weiß Heike Hansmann von der Kontaktstelle Selbsthilfe, die auch regelmäßig Schwangerenberatung anbietet. „Väter können genauso schnell traumatisiert sein.“ Wie tief der Schock wirklich sitzt, mache sich etwa bei der Folgeschwangerschaft bemerkbar. „Bis zur 21. Woche haben viele betroffene Paare richtig Angst“, so Hansmann.

Die Gerüchte, die in manchen Schwangerschaftsforen kursierten, verbesserten die Situation nicht gerade. Der Perfektionsanspruch vieler werdender Eltern sei heutzutage hoch, ebenso die Unsicherheit. „Totgeborene Kinder kommen praktisch nicht vor in dieser Weltsicht“, bemerkt Hansmann. Dabei ereile dieser Schicksalsschlag, einer Statistik zufolge, jede vierte Frau.

So hilflos die Situation erscheinen mag - Eltern von Sternenkindern haben viele Möglichkeiten, die Zusammenarbeit mit Hebammen, Ärzten, Fotografen, Frauenberatungsstellen und Bestattungsunternehmen auf ihre Bedürfnisse angepasst aktiv zu lenken und zu gestalten. Dazu will der Fachtag aufklären.

Im Nachhinein Kraft erhalten

Als Nebeneffekt zeigt die Veranstaltung, welche Arbeit Leiter einer Selbsthilfegruppe leisten und wie sich diese als Experten in eigener Sache auch professionalisieren. „Man wird manchmal nicht ernst genommen und als Laienberater gesehen“, berichtet Gebers. Nach knapp drei Jahren „Sterneneltern Achim“ wollen Kerstin Flato und Stefanie Gebers nun eine Zusatzausbildung für Trauerbegleitung machen, die das „Hope’s Angel“-Netzwerk vermittelt hat.

Im Kontrast zur Geringschätzung als Laie stehen die berührenden Erlebnisse und das positive Echo aus den Gruppentreffen.

Zu deren Beginn wird immer eine Kerze angezündet, die die Teilnehmer in die Hand nehmen und als Anlass nehmen können, etwas über sich zu erzählen oder von der Seele zu reden.

„Ich bin nur hier, um meine Frau herzufahren“, habe einer gesagt, als er zum ersten Mal die Gruppe besuchte. „Dann bekam er die Kerze in die Hand, fing an zu erzählen und hörte 45 Minuten nicht wieder auf“, erinnert sich Stefanie Gebers. Inzwischen verlasse er die Gruppentreffen nie mehr ohne eine Umarmung und ein „Danke“ auf den Lippen.

Manchmal werden Gebers und Flato auch beratend tätig, wenn es sich aus der jeweiligen Situation ergebe. Ein Paar kam erst durch Nachfragen auf den Gedanken, die Großeltern zur Beerdigung ihres Sternenkindes mitzunehmen, und war hinterher froh darüber

„Das fördert die Erinnerungskultur in der Familie und kann im Nachhinein Kraft geben“, stellt Gebers fest.

Programm

Der Fachtag am 21. Oktober beginnt um 10 Uhr mit einem Fachvortrag von Birgit Rutz. Die Sterbe- und Trauerbegleiterin von „Hope’s Angel“ informiert zur Begleitung von Eltern bei Fehlgeburt, Stiller Geburt und Neugeborenentod. Das Programm setzt sich am Nachmittag fort mit Workshops. Workshop I unter Leitung von Birgit Rutz ist offen für Betroffene und Begleiter und umfasst Erfahrungsaustausch, einen medizinischen Abriss und weitere Punkte. Workshop II richtet sich an Betroffene. Kerstin Flato und Stefanie Gebers klären über Rechte und Möglichkeiten der Trauerarbeit für Sterneneltern auf.

Anschließend werden die Ergebnisse der Workshops dargestellt und bewertet. Verbindliche Anmeldungen zur kostenlosen Veranstaltung nimmt Heike Hansmann, Leiterin der Kontaktstelle Selbsthilfe, noch bis zum 30. September entgegen. Sie ist erreichbar unter Tel. 04231/937974 oder per E-Mail unter selbsthilfe.verden@evlka.de.

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