Tina Teubner begeistert im Kulturhaus: Mit Melancholie zu mehr Lebensfreude

Sprachunterricht im Kreißsaal und Burnout im Mutterleib

Tina Teubner und Ben Süverkrüp: Zwei großartige Musiker begeistern mit virtuosem Spiel, Gesang, Melancholie und Heiterkeit.  J Foto: Schmidt

Achim - Von Ingo Schmidt. Zum zweiten Mal nach 2015 hatte das Kulturhaus Alter Schützenhof (Kasch) am Sonntagabend in seiner Veranstaltungsreihe „Statt ins Bett ins Kabarett“ die großartige Chansonnette und Kabarettistin Tina Teubner zu Gast. Gemeinsam mit ihrem kongenialen Bühnenpartner Ben Süverkrüp am Flügel präsentierte die Rheinländerin ihr aktuelles Programm vor ausverkauften Rängen.

In „Wenn Du mich verlässt, komm ich mit“ seziert sie gekonnt gesellschaftliche und persönliche Verstrickungen, die unser Leben selten zum Vorteil beeinflussen. Die Musikkabarettistin spannt dabei den Bogen facettenreich zwischen Melancholie und Witz, nimmt beispielsweise die partnerschaftliche Beziehung, elterliche Erziehung und das Älterwerden ins Visier.

Ihr zentrales Stilmittel ist klar und kraftvoll das Chanson, indem sie ihr Publikum über die „Leiden der Nörgler“, „notorische Lebensphasen-Checker“ in „traurigen Liedern über die Heiterkeit“ zu mehr Lebensfreude leiten möchte. Die Traurigkeit in der Welt halte wenig Pointen bereit und die kritischen Worte einer Kabarettistin bilden schlechte Voraussetzungen für einen lustigen Abend, aber dennoch verlebten die 150 Gäste im Blauen Saal eine überaus heitere Zeit: Im Dialog mit Ben Süverkrüp deckte Tina Teubner zahlreiche Widersprüche auf und schwadronierte über Erziehungswahn vieler Eltern, der in extremen Fällen zu mehrsprachigem Unterricht im Kreißsaal führe und schon im Mutterleib Burnout verursache. „Dem gegenüber sollen sich Kinder zu Individuen entwickeln, aber auf keinen Fall von anderen unterscheiden“, kritisierte die 51-Jährige. Feng Shui in Vollendung erkennt sie dagegen in Managern, die bei Wellness und Yoga bis tief in ihren großen Zeh hinein lauschen, um anschließende Massenentlassungen besser verkraften zu können. „Noch vor wenigen Jahrzehnten wurden Menschen belächelt und als Verlierer der Gesellschaft abgestraft, wenn sie meditativ den Sinn des Lebens suchten“, bemerkt Teubner süffisant.

Als Schabrackendämmerung bezeichnet sie das wehleidige Gebaren älterwerdender Menschen. „Lassen Sie sich beim Spazieren im Park kein schlechtes Gewissen von hechelnden und schwitzenden Joggern einimpfen“, erklärt sie und fordert Gelassenheit. „Hätte die Evolution gewollt, dass Menschen durch den Park rennen, hätte sie dort mehr Löwen eingesetzt – aber dort stehen nun mal Bänke.“ Man solle das Alter akzeptieren, den Leistungsthron verlassen und andere draufsetzen.

Tina Teubner möchte ihr Publikum aufrütteln und ihre Botschaft tritt klar hervor: Ein wahrhaftiges Leben ist besser als ein optimiertes. („Ich scheiß auf ein vernünftiges Leben.“) / Die Lebenszeit ist begrenzt – macht das Beste draus. / Man kann sein Leben nicht verlängern, man kann es nur vernichten (Zitat: Roger Willemsen).

Ihr Programmtitel „Wenn Du mich verlässt, komm ich mit“ fordert sinnbildlich dazu auf, trotzig der Alltags-Tristesse und Ungerechtigkeit in der Welt entgegenzutreten, den Augenblick zu packen und eine Revolution der Lust und Poesie zu starten.

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