Spaziergang durch den Stadtwald und Debatte über die Fällaktion

Stadt verletzt ihre Prinzipien

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Nach mehr als einem Jahrhundert jähes Ende im Landschaftsschutzgebiet Schraderberg.

Achim - Von Manfred Brodt. Entsetzt und empört waren die meisten, die am Dienstag zusammen mit dem Ratsausschuss für Wirtschaft, Stadtentwicklung, Umwelt und Verkehr zwei Stunden lang durch den Achimer Stadtwald gingen, um sich anzusehen, wie die Stadt und das Forstamt bei ihrer Fällaktion zur Verkehrssicherungspflicht und Waldpflege vorgegangen sind.

Sie sahen zahlreiche gefällte uralte Eichen, die keinen Schaden, sondern nur den Makel hatten, dass sie nicht mindestens vier Meter Abstand zum Waldrand hatten. Gefällt wurden sie, weil sie angeblich auf ein Haus fallen könnten, auch wenn ein solches gar nicht in der Nähe steht. Andererseits ist zum Beispiel eine marode Kiefer im Vier-Meter-Streifen stehen geblieben, die auf ein neu entstehendes Haus krachen könnte.

Die Umweltbeauftragte Marion C. Rusch begründete die Rodung: „Der Wald ist im Laufe der Jahre den Häusern näher gerückt.“ Nabu-Kreisvorsitzender Bernd Witthuhn aus Baden hielt dagegen: „Der Wald war schon da. Die Häuser sind dem Wald näher gerückt.“

Verärgert waren die Spaziergänger, dass bei manchen Bäumen Äste nur ab einem Meter und nicht direkt am Stamm abgesägt worden sind. Erklärung des Försters Udo Papenheim und der städtischen Umweltbeauftragten Marion C. Rusch: Man wollte so vermeiden, noch länger teureres Gerät wie den Hubwagen einsetzen zu müssen.

Dass Totholz verrottet und der Wald sich weitgehend selbst überlassen und nicht wie ein Wohnzimmer aufgeräumt wird, wie der Förster erläuterte, konnte nachvollzogen werden, aber nicht in diesem Ausmaß mit einer Unzahl liegen gebliebener Stämme und Äste.

Umweltbeauftragte

keine Forstwirtin

Verwaltungsvizechef Bernd Kettenburg bekannte freimütig: „Die Qualität der Arbeit ist nicht optimal“ und „Frau Rusch ist Biologin und nicht Forstwirtin“.

Interessanter als die in der öffentlichen Debatte schon angesprochenen Punkte waren ganz neue Erkenntnisse: So verriet die Umweltbeauftragte der Stadt, Marion Rusch, dass bei den angekündigten 116 gefällten Bäumen alle Bäume in dem freigemachten Vier-Meter-Streifen gar nicht mitgezählt sind.

Bei einem Umfang des Stadtwaldes von fünf Kilometern ist so bei einem gerodeten Streifen von vier Metern eine Fläche von zwei Hektar in dem waldarmen Achim frei von Bäumen gemacht worden. Nennenswerte Aufforstung an anderer Stelle gibt es dafür nicht.

Abgesehen von dem Streit in der Sache war besonders aufschlussreich, dass die Stadt Achim mit dem Vorgehen gegen ihre eigenen Grundsätze verstoßen hat, was besonders Joachim Schweers (Grüne) und der sonst so moderate Ausschussvorsitzende Werner Meinken (SPD) anprangerten.

Nämlich schon 2011 hatte der Umweltausschuss des Stadtrats beschlossen, dass auch kleinere städtische „Pflegeaktionen“ im Stadtwald vorher im Ausschuss zu besprechen sind. In der Ära des Bürgermeisters Kellner ist das auch geschehen.

Diesmal aber war das laut der Umweltbeauftragten aus zeitlichen Gründen nicht möglich, da die Stellungnahme des Gutachters der Landwirtschaftskammer erst kurz vor der geplanten Fällaktion eingegangen sei.

Noch gravierender sind aber die inhaltlichen Grundsätze, die der Ausschuss 2014 beschlossen hatte: „Die Grenzbäume werden nur entfernt, wenn von ihnen eine Gefahr ausgeht. Störende Bäume (Schattenwurf, Laub) bleiben am Waldrand stehen. Überhängende Äste werden in der Zeit vom 1.10. bis 1.2. eines jeden Jahres auf Antrag der Anlieger entfernt.

Die Verkehrssicherheit an den Rettungswegen und zum Waldrand....wird durch den Förster und anschließende Maßnahmen hergestellt. Die Verkehrssicherheit an den Waldrändern zum Baugebiet Steubenkaserne sowie an den Einrichtungen im Stadtwald (Waldkindergarten, Dirtpark, Stationen am Naturerlebnispfad) wird durch die Kontrolle des zertifizierten Baumkontrolleurs der Landwirtschaftskammer Niedersachsen und anschließende Maßnahmen hergestellt.“

Also alles andere als ein Freifahrtschein für eine Fällaktion bis vier Meter.

Karlheinz Lichter (CDU) stellte fest, dass das damals kein rechtsverbindlicher Beschluss des Stadtrats oder Verwaltungsausschusses geworden war. Das soll nun nachgeholt werden, und die Stadtverwaltung soll und will in kommenden Jahren auch so verfahren.

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