„Spaß bis zum letzten Moment“

Andreas Hein-Köcher geht nach 29 Jahren beim Trägerverein des Kasch in Ruhestand

Andreas Hein-Köcher vor gesammelten Plakaten seiner Reihe „Statt ins Bett ins Kabarett“. - Foto: ldu

Ahim - Von Lisa Duncan. Eine Achimer Institution im Wandel: Mehr als ein Vierteljahrhundert gibt es das Kasch an der Bergstraße 2 – und einer seiner Gründerväter, Andreas Hein-Köcher, steigt jetzt aus. „Es hat Spaß gemacht bis zum letzten Moment, aber es ist notwendig. Ich möchte nicht zum Bremsklotz werden“, sagt der 63-Jährige.

Beruflich hatte sich Hein-Köcher vor vielen Jahren auch etwas anderes vorgestellt, denn ihm war nicht klar, dass Kultur selber machen mit so viel Bürokratie verbunden sein würde. „Ich bin zum Teil Verwalter geworden.“ Das gipfelte im Jahr 2012, als dem Kulturhaus Alter Schützenhof eine Betriebsprüfung des Finanzamts ins Haus stand. Mit dem Ergebnis, dass der Trägerverein eine Mehrwertsteuerrückzahlung von 300 000 Euro, gerechnet auf mehrere Jahre städtische Förderung, leisten sollte. „Das hätte das Kasch mit einem Strich erledigt“, erinnert sich Hein-Köcher. Doch es ging gut, unter anderem durch das Eingreifen der Politik.

Im Kontrast brauchte es viel Vorlauf, bis das Kasch zum ersten Mal seine Türen öffnete. Bei einigen Kommunalpolitikern stießen Hein-Köcher und seine Mitstreiter nicht gerade auf Gegenliebe mit der Idee, in Achim einen Raum zu schaffen, der Kultur für alle bieten sollte. Mit dem Wahlspruch „Kultur ist, wie der Mensch lebt“ wollte man sich bewusst vom bürgerlichen Elitedenken abheben.

1978 kam Hein-Köcher, der damals an der Hochschule Ottersberg Kunsttherapie und -pädagogik studierte, familiär bedingt nach Achim, und sah schnell die Potenziale: „In dieser überschaubaren Kleinstadt wurde Politik plötzlich greifbar.“ Er engagierte sich für das Kommunale Kino, das damals noch keine eigene Spielstätte hatte, sondern abwechselnd im Corso- und Odeon-Kino gastierte. Das Corso-Kino zeigte damals unter anderem billig produzierte Softpornos. Beim Einlass musste der damals 20-Jährige bisweilen Kunden, die das Lichtspieltheater vorzugsweise mit hochgeschlagenem Kragen betraten, mit einem Hinweis auf das Programmkino enttäuschen.

So kristallisierte sich heraus, dass eigene Räume notwendig sein würden. Das Programm sollte im Sinne der Soziokultur nicht nur Kino, sondern auch Ausstellungen und Diskussionsrunden, umfassen. Hein-Köcher und seine Mitstreiter, darunter auch Wolfgang Griep und Simone Stobbe, suchten Kontakt zu Bremer Zentren und Bürgerhäusern und ließen sich konzeptuell beraten.

Nach anfänglicher Ablehnung kam im Jahr 1986 der Ratsbeschluss, dass es in Achim ein Kulturhaus geben sollte. Die Form des Vereins erschien am besten geeignet, denn damit waren die Kulturschaffenden unabhängiger von der Stadtverwaltung. 1990 bezog der Verein sein Domizil an der Bergstraße.

Raum für Kunst und Kaninchenzüchter

Das Kasch sollte nicht nur ein Raum sein, der Besucher am Projekt Theater teilhaben lässt. Auch Vereine und Gruppen, die kein eigenes Vereinsheim hatten, sollten sich hier treffen können. So gelang das Kunststück, dass in diesem Haus der Automobilclub und Kunstausstellungen, Jugendfeten und Alfred Rabes Seniorentanzkreis koexistierten. Lange Jahre leitete Manfred Rinn, Vorsitzender des Kaninchenzuchtvereins, den Trägerverein des Kasch. „Das war kurios und hat wunderbar funktioniert. Er selbst sagte: Ich habe von Kultur keine Ahnung, aber es muss sein.“ Klar übernahmen sich die „jungen Wilden“ in den Anfangsjahren mal, etwa mit dem Party Movement Achim, das zu Festen mit mehr als 1000 Gästen lud.

Nach und nach entwickelte das Kasch diverse Veranstaltungsreihen, etwa „Statt ins Bett ins Kabarett“, das am 14. September 1990 seine Geburtsstunde erlebte mit einer Bandbreite „von Comedy bis ernsthaftes Theater“. Die Rockmusik-Schiene bestimmte in der Stadt zunächst „Miau e.V.“, der Trägerverein des „Dröönläänd“. Der heute eher für Techno bekannte Club bot damals Probe- und Auftrittsmöglichkeiten für junge Bands. Als 1993 Silke Thomas und Susanne Groll dazu kamen, änderte sich das. Unter dem Label „Haste Töne“ laufen im Kasch Konzerte, und Dennis Meinken initiierte den Jugendbandwettbewerb „Local Heroes“ und die „Offene Bühne“.

Hein-Köcher, dessen Abschlussarbeit an der Kunsthochschule sich mit Karikaturen befasste, lag neben der Kunst die Satire am Nächsten. Das Bedürfnis, seinem Unmut eine Stimme zu verleihen, spürt er auch bei den heute jungen Leuten. Für ihn ein Zeichen, dass die kritischen Geister nicht ausgestorben sind: „Wenn sich eine Gesellschaft kein Kabarett mehr leistet, weiß man, dass da etwas nicht stimmt.“ Neben Idealismus spielte auch Eitelkeit ein wenig mit hinein: „Das war mir in der Arbeit wichtig: Das Gefühl, man entdeckt jemanden mit.“ Zum Beispiel Marc-Uwe Kling, dessen Humor der frühen Jahre Hein-Köcher mit „anarchisch und bitterböse“ umschreibt. Und mit Jochen Malmsheimer pflegt er seit Jahren eine enge, kollegiale Verbindung.

Das Kabarett gehört mit seinen Abonnenten („ein Fachpublikum von etwa 60, Altersdurchschnitt höher“, so Hein-Köcher) zu den Selbstläufern. Künftig übernimmt Silke Thomas diese Aufgabe, Ausstellungen werden erst mal zurückgefahren. Der Generationenwechsel, der sich mit der Anfang 30-jährigen Franziska Faust angedeutet hatte, ist nun erst mal vom Tisch. Die Bremerin kehrt nicht aus der Babypause zurück. Mit Maike Seyfried, die Achimern vom Kunstverein bekannt sein könnte, gesellt sich nun immerhin ein neues Gesicht zum Trägerverein.

Und was wird nun in seinem eigenen Theater gespielt? Darüber hat sich Hein-Köcher noch keine Gedanken gemacht: „Der Vorhang ist noch zu.“ Vorstellen könnte er sich, mal wieder mit spitzem Bleistift Karikaturen zu zeichnen und die acht Monate und drei Jahre alten Enkel zu bespaßen. Ehrenamt? Politik bleibt für Hein-Köcher ein Thema, er würde sie aber nicht mit Ratsarbeit gleichsetzen. „Da schon eher Fahrer beim Bürgerbusverein.“

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