„Viele Veränderungen im Bankwesen“

Sparkasse lässt Neubau am Kreisel platzen

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Der geplante Neubau am Gieschen-Kreisel ist vom Tisch.

Achim - Die Kreissparkasse Verden wird das geplante Gebäude am Gieschen-Kreisel in Achim nicht bauen. Das teilte Dr. Beate Patolla, Sprecherin des Geldinstituts, am Freitag mit. „Bis auf Weiteres“ will die Sparkasse die bisherige Geschäftsstelle in der Fußgängerzone betreiben. Damit ist das Vorhaben der Stadt, an diesem zentralen Standort gegenüber vom Rathaus mit Hilfe eines Investors Läden zu schaffen, zumindest für längere Zeit torpediert. Was zur Folge hat, dass ein wesentlicher Baustein der von Rat und Verwaltung verfolgten Innenstadtbelebung wegbricht.

Die bisherigen Entwürfe für ein Sparkassengebäude am Kreisel sind nach Patollas Angaben endgültig vom Tisch. Vorgesehen war an diesem Eingangstor der Stadt ein vorzeigbarer Bau mit Kundenhalle samt großem Selbstbedienungsbereich, Beratungsräumen und Versammlungssaal sowie ober- und unterirdischen Parkplätzen mit einem Kostenvolumen im siebenstelligen Bereich. Doch das 2016 von der Kreissparkasse angeschobene Großprojekt stand schon länger auf der Kippe.

„Die Kostenexplosion im Bausektor zwingt uns, diese Pläne bis auf Weiteres zurückzustellen. Wir können es weder unseren Kunden noch unseren Mitarbeitern gegenüber vertreten, ein Vorhaben umzusetzen, das in der derzeitigen Situation nicht wirtschaftlich erscheint“, erklärte Vorstandsmitglied Matthias Knak bereits im Dezember 2018. „Wir werden prüfen, ob wir ein schlichteres Gebäude bauen können“, kündigte er im April 2019 an.

Doch nun geht offenbar nichts mehr, und der Vorstand sah sich gezwungen, die Reißleine zu ziehen. Von hohen Baukosten und fehlenden Handwerkern ist in der Pressemitteilung der Sparkasse allerdings kaum noch die Rede. „Viele Veränderungen im Bankwesen“ führt Knak jetzt als Hauptgrund für das Platzen des Projekts an.

„In der digitalen Welt verändern sich die Bedürfnisse und Wünsche der Kunden rasant. Heute ist nicht absehbar, wie das Bankgeschäft der Zukunft aussehen wird. Wir sind überzeugt, dass der Bedarf an Gebäude, Raum und Technik in ein paar Jahren anders sein wird. Deshalb halten wir es nicht für ratsam, heute in Stein zu meißeln, was übermorgen vielleicht obsolet ist“, erläutert Knak die Entscheidung.

Die Geschäftsstelle der Kreissparkasse bleibt am alten Standort in der Fußgängerzone.

Fachleute erwarteten, dass der Bedarf an Bargeld und persönlichen Dienstleistungen rund um das Girokonto weiter zurückgeht. Daneben spielt auch die langanhaltende Niedrigzinsphase eine Rolle. „Die Errichtung eines repräsentativen Neubaus passt nicht in eine Zeit, in der wir unseren Kunden keine Zinsen mehr auf ihre Spareinlagen zahlen“, betont Knak.

Das Geldinstitut setzt weiterhin auf den alten Standort, wo jedoch erheblicher Sanierungsbedarf besteht. Deshalb haben laut Patolla bereits „erste notwendige Verschönerungsmaßnahmen“ der Geschäftsstelle an der Obernstraße 51 begonnen. Das Immobilien-Center behält seinen Sitz an der Obernstraße 33.

Das Firmenkundengeschäft für den Nordkreis soll künftig personell wie räumlich sogar erweitert und von der Weserstadt aus gesteuert werden. „Achim ist ein wichtiger Standort der Kreissparkasse Verden. Und das wird auch in Zukunft so bleiben“, versichert Vorständler Knak.

Und was passiert mit dem der Kreissparkasse gehörenden Grundstück am Gieschen-Kreisel? Wenn die Bauarbeiten an den Wohngebäuden an der Apfelwiese abgeschlossen sind, soll es „vorerst Grünfläche“ werden. „Perspektivisch wird auf diesem Grundstück ein neues Gebäude entstehen“, sagt Knak. Ein Vertrag mit der Stadt Achim sehe eine Bebauung bis 2023 vor. Abweichungen davon müssten mit den Verantwortlichen im Rathaus „eng abgestimmt“ werden.

Ob und in welchem Ausmaß dort eventuell doch noch ein Sparkassengebäude errichtet wird, „ist jedoch offen“. Was denn nun? Eventuell seien in einem Neubau an der Stelle auch andere Nutzungen möglich, ließ sich Sprecherin Patolla auf Nachfrage entlocken.

Knak hatte die Nachrichtenbombe am Donnerstagabend im Achimer Rathaus in einem Gespräch mit dem Bürgermeister und den Fraktionsvorsitzenden hochgehen lassen. Die überraschten Stadtvertreter reagierten auf die neue Entwicklung am Freitag auf Nachfrage dieser Zeitung mehr als verärgert.

„Stinksauer“ sei er, sagte Bürgermeister Rainer Ditzfeld. Der von der Sparkasse am Kreisel geplante kreisförmige Bau wäre seiner Ansicht nach ein „perfektes Gebäude“ an der Stelle gewesen. Und die Altimmobilie hätte sich laut Ditzfeld hervorragend geeignet, um dort Läden zu schaffen und damit die Innenstadt zu beleben. Der Planungsausschuss des Rates werde am 28. Januar über das weitere Vorgehen in der Sache beraten.

„Sehr, sehr ärgerlich“, entfuhr es SPD-Fraktionschef Herfried Meyer. „Die Eintrittsadresse unserer Stadt sollte nicht lange als Brache dastehen.“ Der Vorstand der Kreissparkasse habe offensichtlich viel zu lange an dem großen, teuren Neubau festgehalten, anstatt dieses Vorhaben abzuspecken. „Das ist unprofessionell.“

„Schlecht für die Innenstadtentwicklung“, urteilte CDU-Fraktionsvorsitzende Isabel Gottschewsky. Das sah auch ihre Grünen-Kollegin Silke Thomas so. Ihre Fraktion sei nun gegen einen „reinen Zweckbau“ am Kreisel. Wolfgang Heckel sprach von einer „großen Enttäuschung für Achim“. Hans Baum (FDP) war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Kommentar zum Thema: Schlag ins Kontor der Stadt

Von Michael Mix.

Die Achimer Innenstadt ist nicht mehr zu retten. Diese Einschätzung von Beobachtern hat durch die Entscheidung der Kreissparkasse Verden, keinen Neubau am Kreisel zu errichten, neue Nahrung erhalten. Denn Läden können nun am alten Standort des Geldinstituts nicht verwirklicht werden. Die Sparkasse, die längst ihr ganzes Geschäftsmodell in Gefahr sieht, hätte besser von Anfang an einen kleineren Neubau planen sollen anstatt der Stadt vollmundige Versprechungen zu machen und jahrelang eine Hinhaltetaktik zu verfolgen. 

Wie wichtig dem Institut unter kommunaler Aufsicht der Standort Achim tatsächlich ist, wird sich noch zeigen. Die Stadt mit dem Bürgermeister an der Spitze muss es nun rasch schaffen, an anderer Stelle in der Fußgängerzone moderne, einladende Einkaufsflächen hinzubekommen. Sonst läutet das Sterbeglöcklein für die dahinsiechende Innenstadt schneller als gedacht.

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