Flüchtlingsbetreuer kritisieren Abschiebung

Menschen an der  Elfenbeinküste: „Sie erleben die Hölle mit Folter und Vergewaltigung“

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Die Bassenerin Sandra Kublenz (hier in Achim) kennt viele Schicksale geflohener Ivorer und warnt als Psychiaterin vor unkalkulierbaren, gesundheitlichen Risiken im Falle einer Abschiebung. 

Achim - Von Ingo Schmidt. Aktuell versendet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge Abschiebungsbescheide an geflohene Ivorer, denn ihr Herkunftsland sei inzwischen wieder sicher. Auch in Achim fanden viele Flüchtlinge aus der Elfenbeinküste bisher eine neue Heimat. Viele haben sich innerhalb der vergangenen Jahre um Spracherwerb und Arbeit bemüht. Zahlreiche Flüchtlingspaten unterstützen sie dabei im Alltag bei Arzt- oder Behördengängen, Wohnungssuche oder Antragstellungen.

Hier erleben die Flüchtlinge erstmals Respekt und ein Gefühl von Sicherheit. Derzeit reagieren Flüchtlingspaten geschockt und hilflos auf die Abschiebungsbescheide: Schließlich haben sie sich erfolgreich für Menschen eingesetzt, ihnen oft Sprache und Werte vermittelt, sie erfolgreich in Arbeit oder sogar Ausbildung gebracht.

Wirtschaftliche Gründe stünden bei den Geflüchteten gar nicht im Vordergrund weiß Sandra Kublenz, die sich seit 2015 ehrenamtlich für die Belange vieler Flüchtlinge im Landkreis einsetzt. Die Psychiaterin spricht fließend Französisch und kennt die Lebensgeschichten und Fluchtursachen: „Niemand flieht freiwillig aus seiner Heimat“, erklärt die Bassenerin, „und keiner von denen, die ich kennengelernt habe, hat je einen Gedanken daran verschwendet, nach Deutschland oder Europa zu reisen. Aber auch in ihren Nachbarländern fanden sie keine Lebensperspektive.“

Diese Menschen hätten Massaker in ihren Herkunftsländern erlebt sowie Misshandlung und Vergewaltigung am eigenen Leibe erfahren. „Praktisch jeder leidet unter den Folgen schrecklicher Ereignisse“, berichtet Sandra Kublenz und so habe sie praktisch bei jedem schwere Traumata diagnostiziert.

In Libyen zum Beispiel erlebten die Flüchtlinge die Hölle auf Erden mit Sklaverei und Missbrauch. „Und wenn sie nicht weiter ausgebeutet werden können, werden sie mit Waffengewalt in defekten Schlauchbooten auf die Reise geschickt. Viele können nachts fliehen, wenn sie die Toten begraben müssen. Dann suchen sie den Weg über die Balkanroute.“

Die Flüchtlingsbetreuerin kritisiert die Abschiebungspraxis der Behörde: Die Elfenbeinküste als sicheres Herkunftsland zu bezeichnen, sei mehr als zweifelhaft, und Trauma-Patienten an den Ort zurückzuschicken, wo sie ihr Trauma erlitten hätten, sei aus medizinischer Sicht grob fahrlässig, wenn nicht sogar lebensbedrohend. „So etwas würde hier jeder Arzt sofort verbieten“, sagt die Expertin. „Viele sind überhaupt nicht reisefähig, verletzt an Körper und Seele.“

Sandra Kublenz kann nicht verstehen, dass man den wenigen Menschen, die es bis hier schaffen, keinen Beistand leiste. Manche Menschen und auch sie hätten vielleicht schlechte Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht, aber die 40 Ivorer, die sie kennengelernt habe, seien respektvoll und verhielten sich ehrfürchtig gegenüber jedem. „Sie sind liebenswerte Menschen, die sich um Integration bemühen, schnell die Sprache lernen wollen und sich Arbeitsverhältnisse wünschen.“ Sie seien zurückhaltend höflich, gern gesehen in Chören, bei der Freiwilligen Feuerwehr oder im Freundeskreis.

„Wir würden ihnen gerne noch weitere soziale Kontakte vermitteln, aber im Moment geht jede Minute für Lehrstellensuche, ärztliche Versorgung und Sicherung einer Perspektive drauf“, bedauert Sandra Kublenz und appelliert im Namen aller Flüchtlingshelfer an eine differenziertere Abschiebungspraxis.

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