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„Sicheren Hafen“ gefunden, Perspektive für vor Krieg geflüchteten Studenten fehlt

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Von: Michael Mix

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Großherzige Geste: Erhard und Petra Dunker haben jetzt nicht nur ihre Söhne Kofi und Bayo an ihrer Seite sowie Austauschschülerin Paulina zu Gast, sondern auch Emmanuel und Victory.
Großherzige Geste: Erhard und Petra Dunker haben jetzt nicht nur ihre Söhne Kofi und Bayo an ihrer Seite sowie Austauschschülerin Paulina zu Gast, sondern auch Emmanuel und Victory. © Mix

Achim – Der Krieg in der Ukraine hat für viele Menschen dramatische Folgen. Tausende verloren bereits infolge des Feldzugs der russischen Streitkräfte ihr Leben oder erlitten zum Teil schwerste Verletzungen, körperlicher und seelischer Art. Zudem stehen Millionen plötzlich ohne Wohnung, sicheres Einkommen und / oder berufliche Perspektive da. Letzteres gilt für die aus Afrika, aus Nigeria, stammenden Geschwister Victory und Emmanuel, die Anfang März aus der Ukraine geflohen sind und nach einer Odyssee durch halb Europa bei Familie Dunker in Achim Zuflucht gefunden haben.

„Beide mussten ihr Studium abbrechen. Uns geht es darum, dass sie eine Perspektive für ihr weiteres Leben haben“, schicken Erhard und Petra Dunker, die als Kind 16 Jahre in Nigeria gelebt hat, dem Gespräch mit dieser Zeitung im Beisein ihrer Schützlinge voraus.

Ihrem Nachwuchs eine gute Zukunft zu ermöglichen, war das Ansinnen der Eltern von Victory und Emmanuel gewesen. Geboren und aufgewachsen in der nordnigerianischen Stadt Kano, sollten zwei ihrer vier Kinder nach der Schulzeit sich in Europa die Grundlage für ein auskömmliches Leben verschaffen können. „Der Vater, ein Ingenieur, hat beide zum Studium in die Ukraine geschickt“, erzählt Petra Dunker. „Dort ist es günstiger als anderswo in Europa. Und an den Universitäten wird wie in Nigeria Englisch gesprochen“, ergänzt ihr Mann. Victory, heute 24, landete vor fünf Jahren im westukrainischen Ternopil und studierte dort Medizin, um Kinderärztin zu werden. Ihren jüngeren Bruder Emmanuel (22) verschlug es nach Ivano Frankiwsk nahe Lwiw. „Er will Ingenieur für Öl und Gas werden und ist mit dem Studium fast fertig, nur noch die Bachelor-Arbeit fehlt“, schildert Erhard Dunker.

Der Krieg hat den jungen Nigerianer und seine Schwester jäh ausgebremst. „Der Flughafen von Ivano Frankiwsk wurde zerbombt“, erzählt Emmanuel. Nach Stunden im Keller habe die Universität den Studierenden zur Flucht geraten. „Mit dem Taxi bin ich nach Lwiw und dann weiter in Richtung polnische Grenze gefahren. Das war teuer.“ Wegen seiner dunklen Hautfarbe habe er in keinen Bus oder Zug einsteigen dürfen. „Nach der Taxifahrt ist er 24 Kilometer gelaufen und hat anschließend nachts acht Stunden lang bei Minusgraden an der Grenze gestanden“, schaltet sich Petra Dunker, die hervorragend Englisch spricht, in das Gespräch ein. Mit Bussen schaffte es der 22-Jährige dann über Krakau und Warschau nach Berlin. Die Fahrt von der polnischen nach der deutschen Hauptstadt sei mit Hilfe einer Menschenrechtsorganisation, die sich für Schwarze und Farbige einsetze, zustande gekommen, weiß die Achimerin. In Berlin habe Emmanuel bei einem Freund seines Vaters gewohnt – und sah dort seine Schwester wieder.

„Victory wollte erst gar nicht von Ternopil weg, bis sie Flieger hörte und Feuer am Horizont sah“, berichtet Petra Dunker. Gemeinsam mit ihrer Mitbewohnerin, einer Studentin aus Ghana, habe sie sich dann auf den Weg Richtung rumänische Grenze gemacht. In einem Bus hätten sie Platz gefunden, „sie mussten aber auch Stunden zu Fuß gehen“. Die Afrikanerinnen fuhren danach mit Zügen über die Stationen Bukarest und Budapest nach Berlin, wo Victory ihren Bruder Emmanuel in ihre Arme schließen konnte, während ihre Mitbewohnerin weiter nach München reiste.

Und dann kam die weltoffene, gastfreundliche Familie Dunker ins Spiel. „Meine beste Freundin rief mich aus Nigeria an und fragte mich, ob wir den Kindern ihres früheren Fahrers einen sicheren Hafen bieten können“, erwähnt die Zahnärztin, selbst vierfache Mutter, das Weichen stellende Telefonat bei der Geschichte. Klar könnten Victory und Emmanuel zu ihrer Familie, die inzwischen in der nigerianischen Hauptstadt Abuja wohnt, zurückkehren. „Doch sie sollen möglichst nicht ohne Abschluss kommen und wollen das auch gar nicht, weil der Vater zigtausend Euro in ihr Studium gesteckt hat“, erklärt Petra Dunker.

Sie und ihr Mann zögerten nicht lange. „Wir haben beide am 7. März nachts um 1 Uhr am Bremer Hauptbahnhof abgeholt und zu Hause gleich groß gegessen“, blickt Erhard Dunker auf das einen Monat zurückliegende Ereignis zurück. Das aus dem Kriegsgebiet geflüchtete Geschwisterpaar sei lediglich mit „kleinem Gepäck“ angekommen, „sie hatten jeweils nur eine kleine Tasche mit einem Laptop drin und die Klamotten, die sie am Leib trugen, dabei“. Den Großteil ihres Hab und Guts einschließlich der Möbel mussten Victory und Emmanuel in ihren Wohnungen in der Ukraine zurücklassen. „Der Eigentümer will aber nun weiter dafür Miete kassieren“, zeigen die Dunkers ein Folgeproblem von Krieg und Flucht auf. Die Sachen von Victory und ihrer früheren Mitbewohnerin seien inzwischen alle in ein Zimmer geräumt worden, sodass die Zahlung nun geringer ausfalle. Vermutlich werde jede unzerstörte, halbwegs sichere freie Unterkunft im vom Krieg gezeichneten Land benötigt. „Die Nachfrage nach Wohnraum in der Westukraine ist bestimmt groß, weil viele aus dem Osten dorthin flüchten.“

Familie Dunker hat ihre Türen und Herzen weit geöffnet, um Emmanuel und Victory vorübergehend eine Bleibe, Erholung von erschütternden Erlebnissen und einen Übergang in eine hoffentlich gute Zukunft zu bieten. Und das, obwohl ihr Haus auch schon vorher recht voll war. Denn die Söhne Bayo (21) und Kofi (19), die wie ihre älteren Geschwister Kio und Binta afrikanische Namen von ihren Eltern erhalten haben, wohnen noch dort, außerdem beherbergen die Dunkers ein Jahr lang die mexikanische Austauschschülerin Paulina (19). Die jungen Leute erleichtern den beiden Kriegsflüchtlingen, die sich ein Zimmer teilen, andererseits die Eingewöhnung im neuen Umfeld.

Und das reagiert weit über die Multi-Kulti-Familie hinaus vielfach vorbildlich. „Wir erfahren eine Welle der Hilfsbereitschaft“, freut sich Petra Dunker. So habe ein Bremer Friseur Victory kostenlos Zöpfe geflochten. „Und beim Einkaufen von Wäsche für die beiden im Achimer NKD-Markt gab es Prozente“, fügt Erhard Dunker dankbar hinzu. Außerdem habe sich die junge Frau im Kleidermarkt von Terre des Hommes umsonst eine Jacke aussuchen dürfen. Und auch der Bekanntenkreis zeigt sich spendabel. „Eine Patientin von mir hat Geld gespendet“, erzählt Petra Dunker lächelnd.

Ihr Ehemann, der früher als Techniker arbeitete und nun Rentner ist, lobt darüber hinaus die Ausländerbehörde beim Landkreis Verden, die sich „bei den Anträgen sehr kooperativ und sehr unkompliziert“ verhalten habe. Das Gleiche gelte für die Stadt Achim. Dr. Matthias Raby wiederum habe die beiden Gäste mittlerweile zweifach gegen Corona geimpft. Aber es sei noch mehr passiert, sagt Erhard Dunker. „Uwe Scholz, Chef der Sanitärfirma Lindhorst, hat Emmanuel nun sogar ein Praktikum verschafft.“ Und darüber hinaus ein besonderes Erlebnis. „Ich war am Sonntag beim Werder-Spiel im Weserstadion, tolle Atmosphäre“, schwärmt der junge Mann und zeigt zum Beweis ein Foto auf dem Handy vor. Victory, wissen die Eheleute, würde unterdessen gerne bei einer Kinderärztin hospitieren. Beide gingen ihnen im Haushalt sehr zur Hand, hebt die Achimer Familie hervor, die unter dunkererhard5@gmail.com zu erreichen ist.

„Eine Perspektive, dass sie ihren Abschluss machen könnten, wäre natürlich das Beste“, betont Petra Dunker. Sie hätten deshalb schon Kontakt mit der Bremer Uni aufgenommen. „Aber das Erlernen der deutschen Sprache wäre eine hohe Hürde.“ In den Niederlanden zum Beispiel, überlegen die Gasteltern, kämen Victory und Emmanuel, auch mit Englisch weiter. „Aber vielleicht“, hoffen alle, „ist in einigen Monaten ja die Rückkehr in die Ukraine möglich“.

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