Protestaktion wegen Corona-Lockdown

Achimer Tätowierer zeigen Haut ‒ und wurden nun erhört

Tätowierer zeigen Haut: Rudi und Cat Hagens vom Mechanic Ink Studio Achim beteiligen sich am Social-Media-Protest gegen den Lockdown.
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Tätowierer zeigen Haut: Rudi und Cat Hagens vom Mechanic Ink Studio Achim beteiligen sich am Social-Media-Protest gegen den Lockdown.

Mit freizügigen Bildern haben sich einige Tätowierer für Lockerungen in ihrer Branche stark gemacht. Nun rückt die Öffnung ihrer Betriebe in greifbare Nähe.

Update vom 4. März: Im Rahmen der stufenweisen Lockerungen, auf die sich Bund und Länder geeinigt haben, werden auch die körpernahen Dienstleistungen erwähnt. Unter anderem Tätowierer können demnach unter strengen Hygiene-Auflagen ab dem 8. März wieder öffnen, in Niedersachsen muss das Land diese Corona-Regelung aber noch umsetzen und will dies auch zum Ende der Woche tun.

Ursprungsmeldung vom 3. März: Achim – Bilder, die unter die Haut gehen, sind normalerweise ihr Metier. Doch jetzt tragen einige Tätowierer ihre eigene Haut auf den Markt, besser gesagt: auf die Social-Media-Plattformen. Unter dem Hashtag „#ihrmachtuns nackt“ protestieren sie mit freizügigen Fotos gegen den lang anhaltenden Corona-Lockdown. In diesem Sinne zeigen auch Cat und Rudi Hagens vom Mechanic Ink Studio in Achim nackte Tatsachen.

Das Ehepaar ließ sich im Namen der bundesweiten, von Tätowierer Dawid Hilgers angestoßenen Kampagne von einem professionellen Fotografen ablichten, dabei nur das Nötigste verdeckt von einem selbst beschriebenen Pappschild. Als sie das Ergebnis Anfang der Woche auf Facebook stellten, war die Resonanz groß: „Nach einem Tag hatten wir 115 Likes“, so Rudi Hagens.

Die Protestaktion, an der sich bereits Hunderte beteiligt haben, prangert in erster Linie die späte Auszahlung der Corona-Hilfen an. „Es ist ein stiller Protest“, erläutert Hagens, warum sie diese Ausdrucksform gewählt haben. Cat und Rudi Hagens würden vor allem gerne wieder arbeiten. Sie können nicht verstehen, warum Friseursalons seit dem 1. März wieder öffnen dürfen, Tätowier-Studios jedoch nicht. „Wir haben höhere Hygienestandards als so manche Arztpraxis“, sagt Rudi Hagens. „Ein Politiker begründete es mit den Worten, dass ein Friseurtermin nach der schweren Zeit wie eine Streicheleinheit für die Seele sei“, zitiert der 45-Jährige und fügt ironisch hinzu, dass ihn das als Glatzkopf nicht direkt anspricht. „Sich im Tattoo-Studio Corona zu holen, ist unmöglich“, ergänzt Cat Hagens.

Lange vor Corona hätten OP-Masken im Mechanic Ink Studio zum Alltag dazugehört. Zudem sei es üblich, dass die Tätowiererin oder der Tätowierer nicht nur vor dem ersten Nadelstich, sondern auch während einer Sitzung, die bis zu sechs Stunden dauern kann, Hände und Gummihandschuhe desinfiziert beziehungsweise wechselt. „Und zwar auch jedesmal bei Verlassen des Raumes“, erklärt Cat Hagens. Wände, Fußböden und weitere Flächen müssen abwisch- und desinfizierbar sein. Auch die Haut der Kunden werde zuvor gründlich desinfiziert. „Eine Tätowierung ist wie eine Schürfwunde, das birgt ein Risiko für Entzündungen“, fährt die 39-Jährige fort.

„Friseure“, so Cat Hagens, „dürfen in jedem Salon zwei bis vier Kunden haben. Dabei sind die meist flächenmäßig nicht größer als wir.“ Wenn ein Kunde sich im Mechanic Ink Studio tätowieren lässt, befinden sich dort ihr zufolge maximal vier Leute, „durch Wände getrennt“.

Zeitweise, während der Lockerungen von Mai bis einschließlich Oktober, durfte das Tattoo-Studio unter Einhaltung weiterer Hygieneregeln wieder Kunden in seinem Geschäft an der Straße Zum Achimer Bahnhof 15 empfangen. „Aber bis das wieder anlief, hat es auch gedauert“ – zumindest bis die Laufkundschaft Notiz davon nahm, so Rudi Hagens. „Ich kann es den Leuten nicht mal übel nehmen, dass sie ihr Geld jetzt nicht für Schönheit und Tattoos ausgeben wollen.“ Denn viele stünden infolge der Corona-Krise vor einer ungewissen Zukunft.

Um neue Kunden zu gewinnen, ist die Teilnahme an Tattoo Conventions, wie man die Branchen-Messen nennt, nützlich. Doch auch diese sind 2020 bis auf wenige Ausnahmen ausgefallen.

Die Hagens kennen einige Berufskollegen, die ihr Geschäft schließen mussten, weil die Corona-Hilfen der Bundesregierung nicht ankamen. Davon machte das Achimer Ehepaar übrigens keinen Gebrauch: „Zum Glück sind wir nicht auf Hilfe angewiesen. Wir sind durch Rücklagen finanziell abgesichert. Und unser Vermieter hat zugesagt, dass er uns unterstützt.“ Im ersten Lockdown habe er sogar ganz auf die Miete verzichtet.

Anders geht es dem Geschäftspartner, der aus Ungarn stammt und dort im Oktober seine Zelte abgebrochen hat, um nach Achim zu ziehen. Er habe nun keinerlei Einkünfte, darum unterstützen ihn Cat und Rudi Hagens finanziell, die nebenbei noch drei Kinder zu versorgen haben. Dazu kommen laufende Kosten, die von den Stadtwerken Achim und dem Finanzamt ohne Verzögerung eingefordert werden. Zudem müssten nach dem langen Lockdown sämtliche Tätowierfarben entsorgt und neu gekauft werden.

„Wir wollen keine Almosen, wir wollen arbeiten dürfen – oder zumindest ein Datum haben, wann es wieder losgeht“, betont das Ehepaar. „Es geht nicht nur um das Wirtschaftliche, sondern um Kunst und Spaß“, so Rudi Hagens, der auch die Gespräche mit den Kunden vermisst. Am liebsten wäre den Geschäftsinhabern der 1. April. Den erzwungenen Leerlauf nutzen sie, um den Laden zu renovieren – und neue Ideen zu entwickeln. Im Februar hätte das Mechanic Ink Studio seinen dritten Geburtstag gefeiert. Eine Feier würden die beiden gerne nachholen und auch ihre Charity-Aktionen fortführen: Sie sammeln Geld für Diabetiker und gegen sexuelle Gewalt an Kindern. „Wir kommen wieder“, wollen sie ihren Kunden signalisieren.

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