Sprachlernklassen stellen Situationen pantomimisch dar

Angst vorm Anfassen: Viele denken an Gewalt

Theaterpädagoge Boris Radivoj leitet die Sprachlernklassen an, Alltagssituationen mit dem Mittel der Pantomime darzustellen. - Foto: Mix

Achim - „Ihr habt Angst, da gibt es wirklich nichts zu lachen“, weist Boris Radivoj den einen oder anderen Jugendlichen an, seine Mimik zu überprüfen. „Ja, so sieht das gut aus!“, lobt der Theaterpädagoge aus Bremen Sekunden später und leitet zur nächsten Szene über. Die beiden Sprachlernklassen der Liesel-Anspacher-Schule stellen in dieser Woche Alltagssituationen dar ohne die Sprache zu benutzen – mit dem Mittel der Pantomime.

Denn ein Großteil der 10- bis 17-Jährigen, die aus Polen, Syrien, Irak, Afghanistan und dem Sudan stammen, habe in der Heimat kein Englisch gelernt und müsse deshalb hier erst mühsam alphabetisiert werden, erläutert Lehrerin Nicole Nunes-Raimundo. Pantomime sei da ein passendes Angebot. „Jeder kann mitmachen, ohne sprechen zu müssen oder lesen und schreiben zu können.“

Für junge Menschen, die zum Teil eine lange Flucht hinter sich haben und erst seit wenigen Monaten in Deutschland sind, könne verbale Kommunikation ganz schön anstrengend sein, weiß die Pädagogin, die die beiden Sprachlernklassen an der Hauptschule zusammen mit ihrem Kollegen Jesko Rossmann leitet. Mitunter seien Schülerinnen und Schüler übereifrig. „Gerade Syrer, die schon länger hier sind, wollen Anfängern immer alles übersetzen.“

Aber auch beim darstellenden Spiel in Form von Mimik und Gestik kommen die Erfahrungen im Herkunftsland zum Tragen. „Viele haben Probleme, sich anfassen zu lassen, sie bringen das gleich mit Gewalt in Verbindung“, klärt Nunes Raimundo auf. Schläge nur anzudeuten und nicht wirklich zuzuschlagen, falle nicht wenigen schwer.

In den Ländern, aus denen die Kinder zusammen mit ihren Familien geflüchtet sind, herrsche meist alles andere als Recht und Ordnung, oft genug seien die Bürgerinnen und Bürger sogar der Willkür staatlicher Organe ausgeliefert. „Viele fanden es spannend, Polizisten in für sie ungewohnt positiver Weise darzustellen, etwa in dem sie Obdachlosen helfen und nicht draufhauen.“

Und Jungs aus Afrika oder Asien in den Sprachlernklassen müssten sich erst daran gewöhnen, dass Frauen hier gleichberechtigt seien. „Gut, dass Boris auch Situationen darstellen lässt, in denen Mädchen das Sagen haben, etwa als Lehrerin.“

Jeden Tag vier Stunden übt Boris Radivoj, unterstützt von Diana Hanopulos, Theaterpädagogin an der Schule, mit den jungen Leuten. „Sie sind sehr aufmerksam. Da ist viel Spielfreude“, lobt er die Schülerinnen und Schüler. Lerneffekte stellen sich gewissermaßen nebenbei ein. Pantomime schule das Körpergefühl, die Ausdauer und die Konzentration, sagt Radivoj, der 1969 als siebenjähriger Junge zusammen mit seinen Eltern aus Jugoslawien nach Deutschland kam, also selbst Migrationserfahrung mitbringt.

„Es macht Spaß“, sagen die Syrerinnen Larasia und Zainab. „Und es wird hier keiner ausgelacht“, freut sich Lehrerin Nunes Raimundo.

Und auch darüber, dass die Akteure morgen vor der ganzen Schule auftreten. „Die Aufführung im Forum bietet den meist traumatisierten Kindern wichtige Erfolgserlebnisse.“ - mm

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