Schule, Eltern und Politik verärgert

„Schrecklicher Brief“ des Landrats stößt in Achim auf Widerspruch

Die Integrierte Gesamtschule an der Waldenburger Straße wird derzeit um ein Lernhaus erweitert, das Anfang 2022 eingeweiht werden soll.
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Die Integrierte Gesamtschule an der Waldenburger Straße wird derzeit um ein Lernhaus erweitert, das Anfang 2022 eingeweiht werden soll.

Achim – Landrat Peter Bohlmann (SPD) ist mit seiner ablehnenden Haltung zu den Plänen für eine Oberstufe an der IGS Achim im Schulausschuss des Stadtrats zur Zielscheibe der Kritik geworden. Selbst Parteifreunde schüttelten über den am Dienstag vor einer Woche in dieser Zeitung veröffentlichten Vorstoß des Chefs der Kreisverwaltung den Kopf. SPD, Grüne und WGA hielten an dem Vorhaben fest.

Gleich schon in der Einwohnerfragestunde der Sitzung am Montag im Ratssaal und per Videokonferenz brachen sich Wut und Ärger über Bohlmanns Ansicht Bahn, wonach die IGS Achim nicht über ausreichende Schülerzahlen für eine Oberstufe verfüge und den IGS-Standort Oyten unnötig in Gefahr bringe.

„Ich bin entsetzt über die Stellungnahme eines SPD-Landrats zur IGS Achim“, äußerte Dorothee Danél, Elternsprecherin dieser Schule. Und woraus leite Bohlmann denn ab, dass der Landkreis die Zustimmung zur Oberstufe erteilen müsse, im Gesetz sei doch lediglich von einer „Anhörung“ die Rede.

Sie habe „mit Erschrecken festgestellt, wieviel Eltern ihre Kinder aufs Gymnasium schicken, obwohl diese dafür überhaupt nicht geeignet sind“, sagte Annika Gonnsen, Elternsprecherin für den fünften Jahrgang an der IGS. Mehr Mütter und Väter würden ihren Nachwuchs auf die Integrierte Gesamtschule in Achim schicken, wenn diese eine Oberstufe hätte, zeigte sie sich überzeugt. Die Befragung der Eltern der Fünft- bis Achtklässler an der IGS zu diesem Ansinnen habe nicht nur eine große Zustimmung dafür erbracht, sondern mit 80 Prozent auch eine hohe Rücklaufquote, „die der Landrat nicht erwähnt hat“.

Heike Jeske, Didaktische Leiterin der IGS Achim, warf Bohlmann sogar unwahre Behauptungen vor. „Alle Aussagen zu den Zügigkeiten unserer Schule sind falsch“, stellte die Lehrerin fest. So bestehe zum Beispiel der fünfte Jahrgang nicht aus vier, sondern aus fünf Klassen. Im Übrigen obliege die Bildung der Klassen nicht der IGS, sondern der Landesschulbehörde.

Zuhörer Dr. Harald Koch bemängelte dagegen zum wiederholten Mal die Baukosten für die IGS. Diese seien einst auf 3,6 Millionen Euro geschätzt worden und lägen inzwischen bei mindestens zehn Millionen. „Bei welcher Größenordnung soll das Projekt denn ein Ende haben? Es handelt sich doch um Geld der Steuerzahler“, mahnte der frühere stellvertretende Vorsitzende der FDP Achim die Entscheider.

Kochs Parteifreund Christoph Pein nahm die Art der Befragung zur Oberstufe aufs Korn. Wenn die Stadt diesbezüglich nur die Eltern der IGS-Schüler anschreibe, dann sei das erzielte positive Ergebnis doch kein Wunder, kritisierte das Ausschussmitglied. „Man hätte die Eltern von Grundschülern und Kita-Kindern einbeziehen können.“ Es sei richtig, wenn der Landrat in der Frage den gesamten Kreis ins Visier nehme.

Ähnlich äußerte sich auch Dr. Enno Lork. „Eine vierte Oberstufe im Umkreis von acht Kilometern“ neben den bestehenden Angeboten an den beiden Gymnasien in Achim und an der IGS Oyten hielt der Vorsitzende des Stadtelternrats nicht für angebracht. Verschiedene Redner warfen Lork vor, damit seine private Meinung im Schulausschuss kundzutun, aber nicht die des Gremiums zu vertreten.

„Eine Oberstufe an der IGS Achim ist unerlässlich, um den Schülern dort das Abitur zu ermöglichen“, meinte dagegen Andrea Dräger, Lehrervertreterin im Ausschuss und selbst Pädagogin an dieser Schule. Bei einem „Nein“ zu solch einem „vollständigen Angebot“ würde auch der Weggang von Lehrkräften drohen, merkte sie an.

„Die Schülerzahlenprognose, die für die Beantragung einer Oberstufe an der IGS bei der Landesschulbehörde erforderlich ist, erstellen wir gerade“, teilte Inge Möcker von der Stadtverwaltung mit. Ob der Landkreis in der Angelegenheit tatsächlich ein entscheidendes Wörtchen mitzureden hat, werde noch geprüft, antwortete Katja Luschei, Leiterin des Bildungsfachbereichs, auf Nachfrage.

„Bohlmanns Brief spiegelt nicht die Meinung der SPD-Fraktion wider“, erklärte Paul Brandt. In der Vergangenheit seien einige Schulangebote „an der Peripherie angesiedelt“ worden, tadelte der Sozialdemokrat den Landkreis, „Achim ist dagegen ein zentraler Standort“. Allgemein hänge die Höhe des Schulabschlusses immer noch zu sehr von der Bildung und dem Geldbeutel der Eltern ab, eine Gesamtschule mit ihrer „höheren Durchlässigkeit“ helfe da weiter.

„Wir halten an einer vollwertigen IGS mit einem gymnasialen Abschluss fest“, unterstrich Michael Heckel (WGA). „Unsere IGS ist definitiv groß genug, um alle Bildungsabschlüsse zu ermöglichen“, hielt Silke Thomas (Grüne) Landrat Bohlmann und dessen „schrecklichem Brief“ entgegen.

Oyten als Randlage zu bezeichnen, wie von Brandt gemacht, sei „borniert“, echauffierte sich Isabel Gottschewsky (CDU). Im Nordkreis gebe es genug Oberstufen. „Wir brauchen ja auch nicht noch mehr Akademiker, sondern mehr Handwerker.“

In Bohlmanns Brief gehe es nur um Zahlen, nicht um Menschen, bedauerte Kerstin Albes-Bielenberg. „Wir wollen Kindern eine Chance geben, auch denen, die nicht so schnell mit dem Lernen sind“, erläuterte die Leiterin der IGS Achim. Schulwechsel seien immer problematisch. „Und deshalb sind Oberstufen an den IGS in Achim und in Oyten notwendig.“

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