Vegane Stadion-Wurst bleibt Vision 

"Die Schlitzohren“ über Weltpolitik, Werder und Achim

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Die „Vereinigten Achimer Ultras“ auf dem Weg zur nächsten Schlacht im Stadion. Die angebotene vegane Wurst stößt auf eher zurückhaltendes Interesse.

Achim - Von Ingo Schmidt. Alle zwei Vorstellungen ausverkauft: Örtliches Kabarett ist nach wie vor sehr gefragt. „Die Schlitzohren“-Truppe aus Achim präsentierte im zehnten Jahr ihr achtes Programm mit dem Titel „Anpfiff – wir schaffen das“.

Fußball und Freiheitsrechte – passt das zusammen? Ja, den „Schlitzohren“ gelang im Kasch eine ergreifende Mélange dieser weltbewegenden Themen. Aber nicht reibungslos: Mit einer Panne begann die erste Aufführung am Sonnabend, als zur Begrüßung der falsche Werder-Song ertönte. Das Publikum spürte davon nichts, aber die Darsteller reagierten irritiert.

Wieder gefasst nimmt das Kabarett-Ensemble die Fan-Kultur ins Visier. Die Gruppe „Vereinigte Achimer Ultras“ will Opa für ihre Zwecke gewinnen. „Fußball ist heute Gemeindearbeit“, argumentiert ein Aktivist. Der Opa will eigentlich nicht, er liebt Lyrik und zitiert „Fußball“ von Joachim Ringelnatz.

Aber letztlich wandelt sich im Sog der Ultras auch bei ihm der Fußballwahn zur Fußballwut. Mit Baseball-Schlägern und Farbe bewaffnet taucht die Gruppe eine Pinkelschnecke am Hauptbahnhof in Grün und Weiß. Ihre Gewaltbereitschaft verteidigt sie mit Stress im Berufsalltag: „Immer freundlich bleiben, das geht gar nicht“, erklärt ein Fan.

Indes philosophieren zwei Stadionwürmer über Ethik im Sport und fordern im Hinblick auf Werders aktuellen Hauptsponsor ein „fleischloses“ Stadion. Auf den vollen Rängen versucht inzwischen die mobile Wurstverkäuferin ihre vegane Wurst an die Fans zu bringen, die sogenannte „Stadionstange“ – mit mäßigem Erfolg: „Der Senf schmeckt super!“

Anschließend bittet Hans Hermann Hille um Verständnis für Spielermillionäre, denn gegenüber den Milliardären seien diese auch nur „arme Würstchen“.

Nach der Pause folgt ein dramaturgisch starker Teil: Zwei Engel nehmen die Zuschauer mit in den Himmel. Ein neuer Berater werde erwartet, der mit frischen Ideen gegen rechte Blender vorgehen soll – in Zigarrenrauch gehüllt erscheint Fidel Castro, der auch aus dem Jenseits heraus seine gewaltbetonte Revolution fortführen will. „Man muss den Leuten nur sagen, dass sie auf die Richtigen schießen müssen“, propagiert El Presidente. Aber eine Depesche von höchster Stelle verhindert dies und verdonnert ihn zum Donnergrollen.

Nicht die Fußball-Fans, auch Weltpolitiker schaffen es in Achim auf die Bühne. 

Hans Hermann Hille singt und rezitiert „Die Gedanken sind frei“ und Marius Müller-Westernhagens „Freiheit“. Zwischendrin folgen Episoden zu den Grundrechtsartikeln: Flüchtlingsfrage, Durchleuchtung von Internet-Nutzern. Danach kommt zwei Anglern der Gedanke, Plastik gleich selbst zu essen, anstatt es umständlich mit Fischen aufzunehmen. Und im Friseursalon wird Donald Trump „zurechtgestutzt“.

Mit betont altem Inventar versucht ein Start-up mit einem „Ladengeschäft für alles“ einen Neustart in der Achimer Fußgängerzone. Und letztlich erleben Kreuzfahrt-Urlauber den „Fluch den Karibik“ – nach Luft ringend bei schlechter Sicht wegen des Rußausstoßes.

Mit Liedern, Gedichten und abwechslungsreichem Spiel zu den Themen Sport, Weltpolitik, Umwelt und Stadtentwicklung gelingt den „Schlitzohren“ wieder eine reizende Mischung, und nach den Pointen bleibt das Lachen manches Mal auch im Halse stecken.

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