St. Laurentius-Kirche wird historisierend restauriert

Schlaue alte Bausubstanz

Bauforscher Jens Kotte erläutert Besuchern die unterschiedlichen Möglichkeiten der Kirchenrestaurierung – auch Restaurator Gerd Belk (4.v.l.) hört zu. Bei der St. Laurentiuskirche wird nun an der Südseite ein ganz anderer Weg eingeschlagen als etwa bei der bereits 2015 restaurierten Nordfassade (s. Foto). - Foto: Duncan

Achim - Von Lisa Duncan. Sie gehört zu den ältesten Gebäuden in Achim: Die St. Laurentiuskirche, die um 1300 erbaut worden sein soll. Zurzeit ist die Südseite des Gotteshauses mit Gerüsten bedeckt. Wie bereits berichtet, wird sie gerade restauriert. Das sei keinesfalls mit einer modernen Haussanierung vergleichbar, erklärt Restaurator Gerd Belk: „Wenn die Netze fallen, werden Sie nicht viel Veränderung sehen.“

Wie das? Das Konzept des Fachmanns aus Fulda sieht vor, die Spuren der einzelnen Umbau- und Sanierungsphasen sichtbar zu lassen. Im Auftrag der Achimer Kirchengemeinde und des Amtes für Bau- und Kunstpflege Verden der ev.-luth. Landeskirche Hannover wird der Experte bis Ende August daran arbeiten. Kostenpunkt für die Landeskirche: 350 000 Euro. Belk verwendet dazu alte Baustoffe, die mutmaßlich weitaus länger halten als etwa Beton. Dies alles war Inhalt einer Präsentation mit anschließendem Rundgang an der Kirchenfassade. Beides stieß am Montagabend auf reges Zuschauerinteresse.

Vorab erklärte Jutta Behrendt, Leiterin des Amtes für Bau- und Kunstpflege, den Paradigmenwechsel in der Denkmalpflege: weg von der Renovierung, hin zur Erhaltung historischer Substanz. Jens Kotte, führte aus, welche Planungsschritte und Analysen der Restaurierung vorangegangen waren. Kotte absolviert zur Zeit ein Volontariat im Denkmalschutzamt in Hamburg und war im Auftrag des Bauforschers Dr. Holger Reimers aus Schleswig-Holstein an den Planungen beteiligt. „Wir finden heraus, worüber Schriftquellen keine Aussage machen“, skizzierte er seine Kernaufgabe als Bauforscher.

Die Kirche sei wegen ihrer vielen Bauphasen besonders interessant. Sie reichen vom späten 12. Jahrhundert, als Turmsockel und Kirchenschiff entstanden, bis zur Turmsanierung in den 2000er-Jahren. Facettenreich stelle sich die bereits 2015 sanierte Nordseite dar: Während unten Feldsteine verarbeitet sind, finden sich weiter oben plötzlich nur noch Backsteine. Sogar die Herkunft der Ziegel habe sich feststellen lassen: Sie kamen per Schiff über die Weser aus der Gegend von Porta Westfalica. Zudem war die Nordwand der Kirche früher vermutlich nicht steinsichtig, sondern verputzt.

Restaurator Gerd Belk strebt an, die alte Bausubstanz wie in einem Freiluftmuseum zu erhalten: „Wir wollen Geschichte nicht mit einer Kelle Mörtel wegwischen.“ So sei es an der Nordfassade der Kirche bereits geschehen.

Darum hat Bauforscher Reimers die für die Substanzerhaltung verbleibende Süd- und Ostfassade in drei Sanierungszonen eingeteilt, mit zunehmender Eingriffsintensität: Die Farbe Rot steht für „Tabuzonen“, Gelb sind die „Reparaturzonen“ markiert und Grün kann und soll als „Eingriffzone“ auch verändert werden.

Die Rekonstruktion der in den einzelnen Epochen verwendeten Baumaterialien sei vergleichbar mit dem Schälen einer Zwiebel, so Belk: „Wir wollen alles im überlieferten Zustand erhalten – dazu gehören auch die Sanierungen aus den 60er-Jahren.“ Die „hässlichen Zementausbesserungen“ werden mit Farbe retuschiert, um die Substanz nicht zu zerstören.

Ein erstaunlicher Werkstoff, der lange beim Bau der St. Laurentius-Kirche eingesetzt wurde und an vielen Stellen immer noch hält, ist Sand-Kalk-Mörtel. Ähnliches Material, das nun auch zum Einsatz kommen soll, fand Gerd Belk in Sandgruben im Umfeld von Achim. Ein Punkt, der im Publikum Fragen zur Haltbarkeit aufkommen ließ. „Nach jetzigem wissenschaftlichem Kenntnisstand dürfte es auch wieder 500 Jahre halten“, lautete Belks Antwort. Er forderte die Zuschauer auf, das Ganze mal mit aus Beton gefertigten Autobahnbrücken zu vergleichen. „Die müssen alle 30 Jahre neu gemacht werden.“ Nicht zu vergessen: Die Menschen im 12. Jahrhundert bauten noch in einem sehr viel geruhsameren Tempo. „Die hatten Zeit. Am Tag wurden höchstens drei Lagen gemauert.“ Denn der Mörtel aus Kalk und Sand sei vermutlich erst nach 120 Tagen richtig fest geworden, schätzt Belk.

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