Schicksale eines Buchautors, Blutsbruders und Flüchtlings bewegen Schüler

Lebenswege zwischen dem Paradies und der Hölle

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Gebannt lauschten die Gymnasiasten am Markt den bewegenden Lebensgeschichten von den Blutsbrüdern Michael und Benjamin sowie Marcus.

Achim - Von Manfred Brodt. Vordergründig kam gestern mit dem Ex-Basketball-Profi, Buchautor und Ritterhuder Lehrer Michael Jentzsch ein Prominenter an das Gymnasium am Markt. Hintergründig ging es jedoch um das aktuelle Schwerpunktthema „Afrika“ an der Schule und um drei Lebenswege, die ganz anders sind als die der Schüler.

Michael Jentzsch schilderte die in seinem Bestseller „Blutsbrüder“ erzählte eigene Lebensgeschichte und die seines liberianischen Blutsbruders Benjamin.

Mit seinem Vater, der eine Anstellung bei einer Radiostation in Liberia bekam, war er scheinbar ins Paradies gekommen, in eine traumhafte Landschaft mit exotischen Tieren, Früchten und Gewohnheiten. Mit dem schwarzen Ben, der bis dahin noch nie das Haus eines Weißen betreten hatte, schloss er Blutsbrüderschaft mit blutigen Daumen wie einst Winnetou und Old Shatterhand.

Die Brüder sollten bald auseinander gerissen werden. Michaels Familie musste im Rahmen einer Evakuierung aus dem zum Terrorstaat gewordenen Liberia Hals über Kopf nach Deutschland zurückkehren und konnte Ben nicht mitnehmen. Der wurde unter dem blutigen Diktator Taylor Kindersoldat, hielt das aber nur wenige Monate aus und sagte: „Ich kann das nicht machen. Das zerstört mich.“ Ihm gelang die Flucht in ein Unicef-Lager in der Elfenbeinküste.

14 Jahre lang hörten die Blutsbrüder nichts voneinander, bis Michael Jentzsch durch eine ähnliches Schicksal in dem Film „Tränen der Sonne“ so aufgewühlt wurde, dass er nach dem verschollenen Blutsbruder suchte und eine Prämie für seine Entdekung aussetzte. Und tatsächlich meldete sich Ben aus dem afrikanischen Staat mit den unzähligen Opfern und berichtete: „Ich bin gelernter Flüchtling und froh, dass meine Kinder noch ihre Handgelenke haben und meine Frau nicht vergewaltigt worden ist.“ Das Abhacken von Armen und Händen gehörte nämlich zum Tageswerk der Terrorbanden.

Die Blutsbrüder kamen wieder zusammen und verfassten das gemeinsame Buch, von dem Bens Familie heute wesentlich lebt. Mittlerweile hat sie auch die Seuche Ebola überstanden.

Ähnlich, aber anders der dritte Lebensweg, der des 24-jährigen Liberianers Marcus Acolatse, der ihn gestern den Marktgymnasiasten der Klassen 8 bis 11 in der Turnhalle schilderte. Im liberianischen Bürgerkrieg hatte er seine Eltern verloren und wurde als Kind zum Straßenverkäufer. Auf der Suche nach einem besseren Leben wanderte er nach Guinea, kam auf einem Lkw nach Niger und erreichte nach längerem Aufenthalt in einem Arbeitslager in Niger Libyen, das dann aber auch im Bürgerkrieg versank. Als Schwarzer, der aus dem Niger kam, wurde er verdächtigt, zur nigerianischen Miliz des gestürzten Diktators Gaddafi zu gehören, und so versuchte er mit 850 Menschen auf einem Boot die Flucht und hatte Glück, dass er zu den 400 gehörte, die vor Tunesiens Küste gerettet wurden.

„Mit Gottvertrauen“ zog es ihn zurück nach Libyen, wo er mit seinem Talent als Maurer und Fliesenleger bei einem Hotelbau half und sich auf die versprochenen 5000 Euro freute.

Doch die bekam er nicht. Statt dessen setzte ihn der Bauherr mit Waffengewalt in ein mit 200 Menschen gefülltes Schlauchboot auf die weite Reise. Die italienische Marine fischte sie vor Sizilien aus dem „Massengrab Mittelmeer“.

Nach einem Jahr Nichtstun und allerlei unschönen Erlebnissen im sizilianischen Flüchtlingslager schlug sich Marcus nach Deutschland durch und kam über das Aufnahmelager Braunschweig nach Ritterhude, wo er heute in der ersten Fußallmannschaft spielt und Trainer der A-Jugend ist.

„Zum ersten Mal fühle ich mich glücklich unter Menschen, die nicht nach meinem Leben trachten. Dankeschön Deutschland“, sagte er unter dem Applaus der vielen Schüler, die da vielleicht erkannt hatten, dass sie es sind, die im Paradies leben.

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