Konzert im Kulturhaus Alter Schützenhof

Ton, Steine, Scherben mit alten Bühnenkrachern in Achim

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Bassist Kai Sichtermann, einer der Ur-Scherben, schlägt heute ruhigere Töne an. Anstelle des – textlich beschworenen – Zauberlandes brannte im Kasch der Kronleuchter. - Foto: Hägermann

Achim - Von Bernd Hägermann. Das spärliche Licht und die gediegene Bühnenausstattung mit Stehlampe und Plüsch verriet nichts vom rebellischen Charme der Ton Steine Scherben. Deren kleine Welt lag nach dem Tod von Rio Reiser in Trümmern.

Genauso wie die vieler Fans. Unvergänglich sind einige Lieder von Reiser, unbestreitbar ist sein Einfluss auf viele Singer/Songwriter deutscher Prägung. Wer sich durch die Radiolandschaft zappt, hört Beispiele zuhauf.

Ton Steine Scherben ohne Leitfigur? Kaum vorstellbar. Aber in einer Zeit, in der Retro schick ist und Rentnerbands durch die Gegend touren, als gäbe es für alles eine Erklärung, drücken sogar ehemals Weitsichtige die Rückspultaste und setzen auf den Faktor Nostalgie.

Gymmick ersetzt Rio Reiser am Mikrophon

Zwei Ur-Scheiben, Kai Sichtermann und Funky K. Götzner, machten vergangenen Freitag im Kulturhaus Alter Schützenhof (Kasch) Station. Als Reiser-Ersatz mit dabei war Gymmick, laut Ankündigung ein charismatischer Songpoet aus dem fränkischen Nürnberg, der stimmlich dem Original so nahe kommen soll wie niemand sonst. Das könnte als vergiftetes Kompliment verstanden werden, ist aber tatsächlich ein treffliches Lob.

„Wir müssen hier raus“, „Laß uns ein Wunder sein“, „Schritt für Schritt ins Paradies“, „Allein machen sie dich ein“, „Ich will ich sein“, „Keine Macht für Niemand“ – allesamt Stücke von „Ton Steine Scherben“. Bekannte und weniger bekannte Titel. Einige davon wurden im Blauen Saal des Kasch gespielt.

Galliger Protest mit lyrischer Qualität

Im Berlin der 1970er und 80er-Jahre war die Band musikalisches Sprachrohr der Hausbesetzer-Szene. Stilistisch bedienten die Scherben sich beim Rock, nahmen den Punk vorweg und den Folk ernst.

Mit der Zeit wurde die Fangemeinde der Band, die dank Rio Reiser über den galligen Protest nicht die lyrische Qualität vergaß, immer größer. Dazu bei trugen grandiose Livekonzerte und die Ausstrahlung Reisers, dessen Gemütszustände zwischen zerbrechlich und unverletzlich schwankten. Das bewirkte schöpferische Räusche. Dauerhaft war das nicht gesund. Der Künstler starb früh.

Rio Reiser war mehr als Gesang. Seine Texte sind heute von beklemmender Aktualität. Bei Reiser brennt das Zauberland, es stürzt der Turm ein; er war genauso Held wie Bowie und poetisch häufig ganz nahe bei Brecht. Und dabei wollte Reiser, der es nicht leicht hatte mit sich und anderen, nur eines: „Ich sein.“

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