Schaufenster zur Weser

Beim Tag der Architektur stellt Manuel Reichel das „Haus F“ in Achim vor

In den Hang gebaut haben die Architekten das „Haus F“ am Weserhang in Achim.
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In den Hang gebaut haben die Architekten das „Haus F“ am Weserhang in Achim.

Achim – 130 Objekte an 55 Orten sind beim Tag der Architektur am Sonntag, 27. Juni, in Niedersachsen und Bremen zu besichtigen. Das „Haus F“ am Weserhang in Achim ist in diesem Jahr das einzige Objekt im Landkreis Verden. Der Achimer Architekt Manuel Reichel hat das Haus zusammen mit seiner Frau Anuschka Hause geplant und berichtet im Interview mit Sandra Bischoff über die Herausforderungen beim Bau des Hauses und erklärt, was ihm in seiner Stadt architektonisch gut gefällt.

Was ist das Besondere am Haus F von Anne Lasse-Falldorf und Heiko Falldorf?

Einerseits ist das Grundstück etwas ganz Besonderes. Es befindet sich in Hanglage direkt an der Weser, und man hat einen schönen Blick aufs Wasser und den gegenüberliegenden Weserstrand, weshalb wir das Gebäude komplett Richtung Weser orientiert haben. Andererseits ist das Grundstück auch eine Herausforderung für den Architekten, da eine Höhendifferenz von 13 Metern vom Straßenniveau bis zum Grundstücksende zu überwinden ist. Um einem zu starken Bruch vorzubeugen, haben wir – meine Frau Anuschka und ich – das Haus in den Hang eingeschoben. So passt sich das Gebäude der Umgebung an. Die Südseite des Gebäudes ist komplett verglast, vom Boden bis zur Decke, das heißt, man sieht keinen Sturz und auch keine Außenwand. Im Innenbereich haben wir die Lasten mit Stahlstützen abgefangen. Der Dachüberstand folgt dem Geländeverlauf mäanderförmig und dient gleichzeitig im Sommer als Schattenspender. Durch das viele Glas verschwimmt der Übergang zwischen innen und außen. Vom Wohn- und Essbereich und den Terrassen hat man ganzjährig den Blick auf die Weser. Jetzt im Sommer reduziert sich die Aussicht durch die belaubten Bäume auf ein großes Schaufenster zur Weser.

Wie lange hat es gebraucht von der ersten Idee bis zur Fertigstellung im Mai 2020?

Wir waren mit der Planung 2018 fertig, die Ideen waren relativ schnell da. Aber ich sage mal so: Ein Haus ist immer maßgeschneidert und bedeutet immer einen stetigen Entwicklungsprozess, bei dem die eine oder andere Idee hinzukommt oder auch wieder verworfen wird. Letztendlich sollte das Haus zum Beispiel doch ein bisschen größer werden und einen Raum dazubekommen. Aber lieber ein bisschen mehr Zeit investieren, bevor man nachher vor vollendeten Tatsachen steht und alles in Stein gemeißelt ist.

Viele Menschen träumen vom eigenen Haus, aber die Bebauung mit Einfamilienhäusern steht auch in der Kritik, weil diese Wohnform unter anderem zu viel Fläche verbraucht. Auch der Klimaschutz wird in diesem Zusammenhang genannt. Welche Lösung gibt es Ihrer Meinung nach?

Man kann versuchen, schöne Einfamilienhäuser zu bauen und möglichst wenig Fläche zu versiegeln. Inzwischen sind wir ja theoretisch auch so weit, nachhaltig zu bauen und sogar das Grün in die Senkrechte oder auf Dächer zu bringen. Um ressourcenschonend zu bleiben, haben wir beim Haus F eine Geothermie, also Erdwärmepumpe eingebaut. Wir nutzen dort also keine fossilen Brennstoffe. Was den Flächenbedarf angeht, ist die Grundfläche von Haus F eigentlich relativ klein, weil wir keine großen Dachschrägen haben und der Grundriss gestaffelt ist. Es heißt, man müsse innerstädtisch verdichten, was wir generell unterstützen. Zum Beispiel braucht man von der demografischen Struktur her eher Wohnungen für die alleinerziehende Mutter oder Senioren, die sich das Haus mit Garten nicht mehr antun wollen. Trotzdem, finde ich, sollte man die individuellen Wünsche des Einzelnen nicht missachten. Man kann auch Baumaterialien wählen, die zumindest in der CO2-Bilanz gut sind. Also, auch wenn ich neu baue, kann ich auch immer den ökologischen Aspekt berücksichtigen. Das ist immer mehr im Kommen und ist auch kein Hexenwerk. Denn auch schon früher hatte man Wein oder Efeu, die sich an der Hausfassade rankten. Im Sommer spendeten die Pflanzen Schatten, und im Winter konnte die Fassade die Sonnenenergie aufnehmen.

Auch in Achim ist Wohnraum knapp, ob es nun Einfamilienhäuser oder kleinere Wohnungen sind. Was kann man dagegen tun?

In Achim werden an mehreren Stellen Siedlungshäuser zurückgebaut, zum Beispiel an der Verdener Straße, um verdichteten Wohnraum zu schaffen. In Zukunft werden wir auch aufstocken, also nach oben bauen oder ältere Gebäude erweitern müssen.

Architekt Manuel Reichel

Was schätzen Sie architektonisch in Achim?

Architektur ist natürlich immer Geschmackssache. Schön ist: Wir haben noch einige alte Gebäude, derer man sich bewusst sein sollte. Nichts versprüht mehr Charme als historische Viertel. Deshalb trauere ich immer ein wenig alten Bildern von Achim nach. Aber natürlich ist es normal, dass sich eine Stadt im stetigen Wandel befindet. Wenn man aber neue Häuser entstehen lässt, muss besonders in der Innenstadt aufgepasst werden, dass Volumen und Maßstäbe in das Stadtgebiet passen. Die Gebäude dürfen nicht zu groß und sperrig werden, es sei denn sie funktionieren als Solitär. Man sollte auch nicht alte Epochen imitieren, denn jede Architektengeneration hat ihren eigenen Stil. Ähnlich wie sich Autos oder Kunst entwickeln, verändert sich auch der Zeitgeist der Architektur.

Gibt es etwas, was Sie beim Bau von Häusern gerne verbieten würden, zum Beispiel die viel kritisierten Schottergärten?

Ja, die würde ich sehr gerne verbieten lassen, auch wenn sie tatsächlich nach niedersächsischer Bauordnung bereits untersagt sind. Die dürfen eigentlich gar nicht angelegt werden, weil alle Flächen außer der angegebenen Hausgrundfläche grün zu halten sind. Aber häufig haben die Bauordnungsbehörden gar nicht die Zeit, dem nachzugehen. Statt Schottergärten sollte man eher eine Biotopvielfalt schaffen, bei der auch nicht viel Gartenarbeit anfällt und man gleichzeitig etwas Gutes für die Bienen tut. Generell finde ich, jeder soll das Traumhaus bauen, das er möchte, man sollte aber teilweise Einschränkungen im Baurecht erlassen, wie beispielsweise die Klinkerfarbe. Bei neuen Baugebieten hat man oft ein Sammelsurium von Material und Form. Wenn große Baugebiete entwickelt werden, dann könnte man zum Beispiel zumindest bestimmte Stile in festgelegten Straßenzügen bündeln, also in einem Bereich das Satteldach, in dem anderen Teil eine andere Form. Dabei geht es mir nicht um absolute Homogenität, sondern um eine grobe Ordnung im Straßenbild. Ansonsten wirkt es ein bisschen arg zusammengewürfelt. Das wäre meine Vorstellung, aber andere würden vielleicht sagen, dass sie diese Vielfältigkeit gut finden. Ich mag zum Beispiel auch die Schwarzweiß-Häuser in Uesen. Sie wirken einheitlich und sind gleichzeitig sehr individuell. Auch im Bauernviertel zum Beispiel ist man sehr stringent mit der Bauleitplanung vorgegangen. Dort war unter anderem sogar die Gaubengröße festgesetzt. Die Stadt hat also schon das Werkzeug, etwas zu gestalten.

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