Rückblick auf ein „herrliches Leben“

Martha Schimarajef in verschiedenen Lebensphasen: Mit ihrer Schwester Alice (Bild links), als junge Frau bei der Arbeit im Rübenfeld (Mitte) und an ihrem 90. Geburtstag vor wenigen Tagen.
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Martha Schimarajef in verschiedenen Lebensphasen: Mit ihrer Schwester Alice (Bild links), als junge Frau bei der Arbeit im Rübenfeld (Mitte) und an ihrem 90. Geburtstag vor wenigen Tagen.

In Polen geboren und Anfang 1945 mit dem Treck geflohen, gelangte Martha Schimarajef, damals noch Fetter, nach Achim-Baden, wo sie noch heute lebt. Am 16. Dezember feierte sie ihren 90. Geburtstag und nahm diesen zum Anlass, auf ihr „herrliches Leben“ zurückzublicken. Wir drucken ihre Erinnerungen und Gedanken, die ihre Tochter Dagmar Iris Kanigin aufgezeichnet hat, in zwei Teilen ab.

Achim-Baden – „Wie oft ich wohl in diesen vielen Jahren hier „Am Sonnenhang“, früher hieß es „Am Mühlenberg“, den Hang in den Garten an der Badener Mühle, hinauf- und wieder hinabgestiegen bin? Mit Kindern im Bauch, auf dem Arm, an der Hand, bei Eis und Schnee, sengender Hitze, mit Körben voll Wäsche, geerntetem Gemüse oder Kannen voll Wasser. Da dürfen die Gelenke schon ‘mal knacken.

Ich schaue umher. Bei Marlies ist noch alles still, Yvonne sitzt auf ihrem gemütlichen Sofa in der Küche bei einer Tasse Tee und schaut schmunzelnd auf ihr Handy, Wule und Marvin mussten heute Morgen schon früh zur Arbeit. Mit vier Generationen leben wir hier. Keiner bemerkt meinen Aufstieg heute Morgen.

3 000 Einwohner zählte die Gemeinde Baden damals, als ich mit Anfang 20 hier auf dem sandigen Boden des Hangs begann, meine Wurzeln vorsichtig tastend, auszubreiten, um mit diesem Stückchen Land eine arbeitsreiche, aber zufriedenstellende Freundschaft zu schließen. Aber bis dahin hatte ich in meinem Leben bereits turbulente und anstrengende Jahre durchlebt.

An einem Dienstag wurde ich 1930 in Cyców, einem kleinen Dorf im jetzigen Polen, das etwa 50 Kilometer von Lublin und je 40 Kilometer von der Grenze zur Ukraine und zu Belarus entfernt liegt, als viertes Kind in eine Landwirtsfamilie hineingeboren. Endlich mal ein Mädchen! Unsere Schwester kam zum Glück im Februar 1932 als Verstärkung zur Welt. Aber im Spätsommer war Mama auf einmal nicht mehr da – plötzlich gestorben.

Etwas später, ich muss fünf gewesen sein, packten wir Hab und Gut, eben das, was wir mitnehmen konnten, auf Wagen und machten uns auf den Weg zur Weichsel. Von dort fuhren wir auf dem Flussweg über Warschau nach Thorn. Das war ein Erlebnis! Ich sah Schwäne und so viele Seerosen im mäandernden Flussbett, wie nie mehr danach. Ein paar Tage waren wir unterwegs. Städte passierte das Schiff, alles war aufregend und beeindruckte mich sehr.

Unser Ziel war Golub. Dort waren wir zunächst auf einem Hof untergebracht, während unser Vater über Land fuhr, um nach einem geeigneten Hof zu suchen, den wir kaufen wollten. Unsere Stiefmutter blieb bei uns. Wir Kinder mussten natürlich immer mithelfen, oft kilometerlange Wege in Holzschuhen zurücklegen, das schweißt zusammen. Siegi, Ottchen, Ewald, Alice und ich, wir hielten zusammen, gegen den Rest der Welt. Von dem, was sich dort abspielte, bekam ich als Kind nicht viel mit.

Ein bisschen unterernährt und dünn war ich, fand die Frau von der Fürsorge und sorgte dafür, dass ich für ein paar Wochen bei einem kinderlosen Ehepaar Berliner Luft schnappen konnte und auch noch satt zu essen bekam. Oft denke ich an die entbehrungsreichen sechs Wochen zurück, unterwegs im Treck, von Januar bis Anfang März 1945, mitten im kalten Winter. All diese Erfahrungen haben mich geprägt, mich gelehrt, achtsam mit den Dingen umzugehen. Das Wissen, wie wir uns selbst versorgen, Nahrung zubereiten, fermentieren, konservieren, einwecken haben wir alle gelernt – na, ja, die Jungs nicht. Aus allem noch etwas herzustellen, verarbeiten, was da ist, keine Lebensmittel zu verschwenden oder gar wegzuwerfen, heute nennt sich das ,nachhaltig wirtschaften’.

Ich kenne die Zeiten noch gut, als wir, zu Fuß, die Milch beim Bauern in der Milchkanne holten, und selbstverständlich hatten wir Einkaufstaschen und Beutel für den Transport unserer Einkäufe dabei. ,Paulmützen’ für die Schüsseln, eine gelbe Wertstofftonne hätten wir in einem Jahr nicht voll bekommen. Selbstverständlich bewahrten wir das Geschenkpapier auf, nachdem wir das Geschenk vorsichtig ausgepackt hatten, bügelten die Schleifenbänder auf, was mir schon einmal den Spott meiner Enkel eingebracht hat, weil ich es beibehalten habe. Was Marthchen gelernt hat, vergisst Martha nimmermehr. Bei uns war dieser Lebensstil, der bei jungen Menschen jetzt modern ist, auch Greta Thunberg sei Dank, aus der Not heraus geboren. Keiner bekam neue Anziehsachen, solange die alten noch passten und nicht auseinanderfielen, und auch das Flicken, Stopfen, Häkeln und Stricken, Schuhe reparieren waren Fähigkeiten, die wir können mussten. Spaßeshalber würde ich gerne mal meinen ökologischen Fußabdruck messen lassen.

Wir waren vernetzt, halfen einander. Was blieb uns übrig? Wir mussten zusammenhalten, als Geflüchtete unter Hiesigen. Das sicherte unsere Existenz, und wir lernten dabei Anpassungsfähigkeit, Durchhaltevermögen und ,einmal öfter aufstehen, als zu fallen’. Das kommt mir jetzt zugute, in dieser verrückten Zeit. Es gab schlimmere Phasen.

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