Kabarettist Rating kämpft sich wortgewandt durch deutsche Schlagzeilen

Rudeljournalismus statt Lügenpresse

Mit einem kleinen Stapel Zeitungen ausgerüstet, transportierte Kabarettist Arnulf Rating den Wahnsinn unserer Welt auf die Kasch-Bühne im ausverkauften großen Saal. - Fotos: Schmidt

Achim - Mit Arnulf Rating betrat ein absoluter Hochkaräter der deutschen Kabarettszene am Sonntagabend die Bühne im Kulturhaus Alter Schützenhof (Kasch). Mit dem aktuellen Programm „Rating Akut“ feuerte der 65-Jährige im großen Saal ein Satire-Feuerwerk ab, das seinen Gästen kaum Zeit zum Luftholen ließ.

Rasant und provokant entlarvt er in bissigen Kommentaren anrüchige gesellschaftliche Verflechtungen, deutet auf politische Missstände und menschliche Verfehlungen: Banken-, Griechenland- und Flüchtlingskrise oder Syrienkrieg, Pressefreiheit und Horror-Clowns – kaum ein Thema lässt er dabei außen vor.

Rating hatte neben allerhand Zeitungen weitere Protagonisten im Gepäck: Alt-68er und Journalist Karl-Heinz sowie Hausmeister Kalkowski aus Oer-Erkenschwick hießen sie. Aber zuerst musste das Publikum im ausverkauften großen Saal die Nachricht von Schwester Hedwig empfangen, dass dies die letzte Veranstaltung im Kasch sein würde: Guido Groll, dynamischer, flexibler und hochmotivierter Immobilienbeauftragter der Til-Schweiger-Stiftung, wolle im Kasch Flüchtlinge der „Zweiten Welle“ unterbringen. Die Immobilie steigere Rendite und Mehrwert seiner Stiftung und bringe Geld in die Stadtkasse. Darüber sei Rating so in Rage geraten, dass sie ihn vorsichtshalber ruhig gespritzt habe.

Unbedingt müsse der neue Zustrom besser funktionieren als der erste. „In Sachsen kann man schließlich keine Flüchtlinge mehr unterbringen“, gab die Krankenschwester zu bedenken, „dann kämen sie von einem Kriegsgebiet ins nächste.“ Der Argwohn in den Ostgebieten sei allerdings unverständlich, erfuhren die Zuhörer: Die Einwohner tragen T-Shirts aus Bangladesch, Leggins aus Indien und ein Brett vorm Kopf, vom schwedischen Möbelkonzern aus sibirischer Randfichte gezimmert – von Unterfremdung könne daher gar keine Rede sein.

Schließlich stand Rating aber als Rating vor seinen Gästen und erklärte, er könne die ganze Aufregung um die Kölner Silvesternacht gar nicht verstehen. „Neu bei den 500 sexuellen Übergriffen ist doch nur, dass sie vor der Domtür stattgefunden haben und nicht dahinter“, stichelte der Wahl-Berliner.

Und die größte Völkerwanderung sei doch sowieso die Abwanderung der Leser von den Zeitungen, und das sei auch gar kein Wunder. Um dies zu untermauern, hatte Rating einen ganzen Koffer voll Zeitungen dabei. Beispielhaft präsentierte er anhand der Schlagzeilen den allgemeinen Wahnsinn unserer Medienwelt. So titelt ein Blatt: das „Armutsrisiko für Reiche sinkt“ und ein anderes: „Gewichtszunahme in Süddeutschland“.

Angesichts solcher Themenwahl könne von Lügenpresse keine Rede sein, eher von Rudelpresse. „Zeitungen dienen heute nur noch der Anzeigen-Umfeldgestaltung, und etwa 200 reiche Leute bestimmen, was geschrieben wird“, giftete Rating.

Von einer bösen Erfahrung berichtete anschließend Journalistenfreund Karl-Heinz, der investigativ die niederen Interessen der Rüstungskonzerne offenlegte. „Krieg ist der Motor einer gigantischen Industrie“, kritisierte der Reporter menschenfeindliches Gewinnstreben. „Mit fingierten PR-Maßnahmen werden Kriegseinsätze legitimiert. Angefangen bei George Bush bis hin zum Mutterland des Drohnenkrieges: Deutschland.“ Über Ramstein würden alle US-amerikanischen Drohnen-Operationen im Nahen Osten ausgeführt, und auch Sigmar Gabriel sei nicht so gewichtig, dass er einen Leopard-Panzer hinter sich verstecken könne. Aber keiner wolle solche Geschichten lesen, musste Karl-Heinz vom Chefredakteur erfahren und fand sich redaktionell im Gartenteil der Wochenendausgabe verortet, wo er künftig blumig über Mist schreiben muss.

Ratings Spektrum war beeindruckend groß und nur durch schnelles Reden, konnte er diese Themenvielfalt an einem Abend bewältigen. Ganz nebenbei erfuhren die Zuhörer, dass sie in einem Gottesstaat leben, mit Predigern aus dem Nahen Osten: „Der Bundespräsident ist ein ehemaliger Pastor aus Rostock und die Kanzlerin eine Pfarrerstochter aus Templin.“

Warum ist ein Achimer Kreisblatt eckig und wie kommt unser Öl unter den Sand der Saudis? Mit solchen Fragen und ähnlichen beschäftigte Rating sein dankbares Publikum und „huschte“ damit durch den Abend.

Dann schließlich wich er dem Feldbett, warf Bonbons in die Sitzreihen mit den Worten: „So, das waren drei Zugaben“, und verabschiedete sich mit den besten Wünschen für einen schönen Lebensabend. - sch

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