Ratsausschuss diskutiert

Wegenetz am Ellisee: Route am Rand und Runder Tisch als Rettung

+
Das Naturschutzgebiet am Ellisee wird künftig wohl ein kleineres Wegenetz als bisher bieten.

Achim - Wohl weniger Wege als bisher werden künftig durch das Naturschutzgebiet „Sandtrockenrasen Achim“ führen. Denn die Europäische Union hat das Areal rund um den Ellisee, wie berichtet, zum besseren Schutz für seltene Pflanzen und Tiere als Flora-Fauna-Habitat ausgewiesen.

Zugleich weigern sich dortige Grundstückseigentümer, ihre privaten Flächen für mögliche öffentliche Pfade durch das Gebiet zu öffnen. Der Ratsausschuss für Wirtschaft, Stadtentwicklung, Umwelt und Verkehr beauftragte am Dienstagabend nach kontroverser Diskussion die Stadtverwaltung, mit der unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Verden ein „Alternativwegekonzept Ellisee“ abzustimmen.

Trotz intensiver Gespräche sei es nicht gelungen, Eigentümer für die ursprünglich gewünschten Routen zu gewinnen, bedauerte Steffen Zorn, Leiter der Bau- und Planungsabteilung im Rathaus. Relevante private Grundstücke könnten daher weder gekauft noch gepachtet werden. Um dennoch „ein für die Öffentlichkeit einigermaßen akzeptables und genehmigungsfähiges Wegenetz“ zu schaffen, solle nun ein alternatives Konzept zum Tragen kommen.

„Es erlaubt den Durchlauf des Gebiets zumindest in allen Hauptrichtungen“, sagte Zorn. Die Pfade vom Bierdener Friedhof aus und von der Ecke In den Bergen / Bierdener Mühle wären weiterhin begehbar. Es würde auch nach wie vor die „Erlebbarkeit“ der Natur auf zwei Rundwegen ermöglichen. Dabei könnten der Lebensraumtyp „Alte bodensaure Eichenwälder auf Sand mit Stieleiche“ und die Düne am Webersee erhalten bleiben.

Um diesen Plan zu verwirklichen, müsste die Stadt einige verfügbare Flächen pachten oder kaufen. Diese, merkte Zorn an, könnten später auch genutzt werden, um dort Ausgleich für an anderer Stelle in Achim wegfallende Landschaft zu schaffen.

Sollte die Genehmigungsbehörde in Verden das Alternativwegekonzept absegnen, müsste die Stadt für den Kauf von drei Grundstücken rund 11 000 Euro investieren. Die jährlichen Pachtzahlungen würden sich nach Angaben der Verwaltung auf rund 1 300 Euro pro Jahr belaufen. Weitere 8 000 Euro kämen einmalig für die Herstellung der Wege hinzu.

Die Vertreter der Fraktionen im Ausschuss bewerteten das Konzept unterschiedlich. Nicht einverstanden damit zeigte sich Annameta Rippich. Die Jäger müssten in dem Gebiet auch weiterhin ihr Jagdrecht ausüben können. Die zum Teil neue Wegeführung würde das kaum zulassen, bemängelte die CDU-Frau. „Um zu einer konstruktiven Lösung zu kommen“, schlug Rippich vor, getreu dem erfolgreichen Vorgehen beim Streit um das Befahren der Achimer und Bierdener Marsch auch jetzt einen Runden Tisch mit allen Beteiligten einzuberufen.

Vize-Verwaltungschef Bernd Kettenburg sah darin keinen Sinn. Die Stadt habe doch bereits mit allen Eigentümern in dem Gebiet gesprochen, zu dem jetzt gefundenen Konzept gebe es deshalb praktisch keine Alternative. Dennoch befürwortete der Ausschuss am Ende mit knapper Mehrheit Rippichs Antrag, in dieser Angelegenheit einen Runden Tisch einzuberufen.

Petra Geisler (SPD) schüttelte den Kopf über die Argumentation der Christdemokratin im Hinblick auf die Jäger. Diese seien verantwortungsbewusst und kämen sicherlich auch mit den neuen Routen durch ihr Jagdrevier zurecht, zeigte sich Geisler überzeugt. „Die achten doch auf Spaziergänger und schießen nicht auf diese.“

Rund 20 000 Euro für das neue Wegenetz auszugeben, hielt Marco Vagt (CDU) für zu viel. Und wer, fragte er, sorge für die Unterhaltung der Strecken, beseitige Müll und die Hinterlassenschaften von Hunden? Natürlich könnten Bauhofmitarbeiter und Polizei dort mal nach dem Rechten schauen, aber ansonsten sei das Areal mit einem Wald gleichzusetzen, hieß es aus der Verwaltung.

Volker Wrede (CDU) sprach sogar von „rausgeworfenem Geld“. Es sei unsinnig, am Ellisee neue Pfade zu schaffen und zu markieren. Wrede: „Jeder wird den Weg gehen, den er gehen will.“

Werner Meinken (SPD) stellte fest, dass Spaziergänger künftig „nicht mehr mittig durch das Gebiet laufen können“. Der Ausschussvorsitzende hielt es jedoch für machbar, einen Weg an der Nordseite des heideähnlichen Geländes anzulegen und damit ein „Naturerlebnis am Rand“ hinzubekommen. Eine Position, die von der Mehrheit des Gremiums unterstützt wurde.

„Wir drängen Mitbürger aus Erholungsflächen raus“, kritisierte Hans Baum (FDP). Die EU-Richtlinie in Sachen Flora-Fauna-Habitat und die Haltung der meisten Eigentümer stellten unter dem Strich „keine zufriedenstellende Lösung für alle Beteiligten“ dar.

Peter Bartram sah das ganz anders. Der Staat müsse doch eingreifen, wenn schützenswerte Güter in Gefahr seien, äußerte der Grüne. In diesem Fall gelte es, seltene Pflanzen und Tiere vor menschlichem Einfluss zu bewahren.

Eine Haltung, die Michael Heckel noch toppte. „Ist das Gebiet am Ellisee denn für Achim der Central Park, in dem jeder spazieren geht?“, fragte der WGA-Mann und ließ die Antwort gleich folgen. Es gebe doch ausreichend andere Naherholungsflächen vor der Tür, auch in Bierden, sagte Heckel und unterstrich: „Wir haben genug Grün in der Stadt. Müssen wir jetzt noch da durchgehen?“

Beifall gab es dafür nicht. Der Ausschuss stimmte nach einigem Hin und Her noch dafür, bei grünem Licht für das Alternativkonzept dessen Akzeptanz nach zwei Jahren zu überprüfen. In diesen Prozess sollten die Beteiligten – die untere Naturschutzbehörde als Aufsichtsbehörde, die Stadt, der Landschaftswart für Achim und die Polizei – eingebunden werden.

Kommentar: Artenschutz beginnt vor der Haustür

Von Michael Mix.

Silbergras und Heuschrecken, die im Naturschutzgebiet am Ellisee siedeln, sind nicht gerade populär. Wenn es um Pflanzen und Tiere wie Enzian und Tiger ginge, wären ganz andere Emotionen im Spiel. Aber Artenschutz beginnt vor der Haustür, bei jedem Einzelnen. Menschen zerstören durch ihre Eingriffe und Lebensweise die Natur mehr, als sie sich regenerieren kann. 

In welchem Ausmaß, hat erst in der vergangenen Woche ein UN-Bericht zur weltweiten Artenvielfalt aufgezeigt. Von den geschätzt acht Millionen Tier- und Pflanzenarten ist etwa eine Million vom Aussterben bedroht. Und dieses Sterben geht immer schneller. Seit 1900 sind die Arten, die auf dem Land leben, um mindestens 20 Prozent zurückgegangen. In den Feuchtgebieten ist es noch viel dramatischer. „Wir müssen den Verlust unserer natürlichen Umgebung verlangsamen“, sagt der Leiter der Untersuchung, der britische Umweltforscher Robert Watson „Es geht ans Eingemachte, bis hin zur Änderung unseres Lebensstils.“ 

Um kleine und große Tiere sowie Pflanzen, die Nahrungsketten bilden und in vielfacher Hinsicht ökologisch äußerst wichtig sind, zu retten, bedarf es politischer Beschlüsse. Doch ohne die Einsicht der Menschen vor Ort geht es nicht. Insofern hat Michael Heckel mit seinem Redebeitrag einen wertvollen Denkanstoß geliefert.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Theater im Gymnasium am Wall

Theater im Gymnasium am Wall

Vissel-Freitag

Vissel-Freitag

Reckless Roses in Bassum-Osterbinde

Reckless Roses in Bassum-Osterbinde

Der Weg zum Mond: Vor 50 Jahren landeten die ersten Menschen

Der Weg zum Mond: Vor 50 Jahren landeten die ersten Menschen

Meistgelesene Artikel

„Fast & Furious“ mit Ferkel: Tier stürzt auf A1 aus Transporter und überlebt

„Fast & Furious“ mit Ferkel: Tier stürzt auf A1 aus Transporter und überlebt

„Alles mit den Augen“: Martin Grigat erfüllt sich seinen Traum vom eigenen Buch

„Alles mit den Augen“: Martin Grigat erfüllt sich seinen Traum vom eigenen Buch

Überholmanöver endet mit Unfall: Auto touchiert Traktor und kollidiert mit Baum 

Überholmanöver endet mit Unfall: Auto touchiert Traktor und kollidiert mit Baum 

Kommentare