Selbstversuch auf dem Elektro-Fahrzeug

Segway-Touren: Rollend auf den Spuren der Stadtmusikanten

Nach der Pause am Alten Markt geht es weiter: Udo Hollwedel aus Bremen und die anderen Teilnehmer steigen wieder auf.

Achim - Von Lisa Duncan. Was hatte ich mir bloß dabei gedacht? Leicht verschlafen steige ich morgens mit meinem Becher Kaffee in der Hand aus dem Auto und finde auf dem Parkplatz an der Badener Pfingstwiese bereits ein kleines Grüppchen vor.

Es regnet, einige haben sich schon Fahrradhelme umgeschnallt. Modisch gesehen äußerst fragwürdig, aber Sicherheit geht vor. Unser Guide Alex erklärt, worauf es ankommt. „Zum Fahren nach vorne lehnen, zum Bremsen nach hinten“, sagt er und wippt auf den zwei Rädern mit dem Haltegriff in Bauchhöhe ein wenig vor und zurück. Segway-Touren mit Gästeführung bietet seit rund einem Jahr die Achimer Tourist-Info in Kooperation mit der „Time to Team GmbH“ aus Springe an – und ich bin freiwillig, sozusagen im Selbstversuch, dabei.

Veranstalter Alex von „Time to Team“ bei der Einweisung.

Ein wenig mulmig wird mir schon, als ich den ersten Teilnehmer auf dieses merkwürdige Gefährt steigen sehe. „Auch wer schon mal gefahren ist: Bitte nicht übermütig werden“, sagt Alex. „Konzentriert euch, haltet Abstand und achtet auf den Weg. Und nun an die Männer: Auch Rückwärtsfahren sollte man vermeiden.“ Während jeder noch eine Kurzeinweisung bekommt, stelle ich mich lieber hinten an und unterhalte mich mit einem Ehepaar aus Oyten. „Ich will endlich losfahren!“, sagt Ute Grosse Hülsewiesche, und ihr Mann Ernst fügt hinzu: „Zuletzt waren wir in Oslo mit dem Segway unterwegs, das war geil.“ Ein Teil der Tour habe durch eine Skater-Anlage geführt. „Wir sind auf Half-Pipes gefahren.“ So nennt man die Kuhlen, auf denen Skater waghalsige Tricks vollführen. Bei der Vorstellung allein wird mir schwindelig. Dabei stehe ich noch mit beiden Beinen auf dem Boden.

Als ich an die Reihe komme, kann ich mich nur im Schneckentempo vorwärts bewegen. Statt das Gewicht über die Beine nach vorne zu verlagern, lehne ich mich versehentlich zurück. Die Quittung kommt sofort: Hilfe, das Ding fährt rückwärts! Geistesgegenwärtig stoppt Alex meine Irrfahrt. Zaghaft drehe ich eine Runde auf dem Parkplatz – aber mutiger bin ich dabei noch nicht. Das müssen auch andere Mitfahrer bemerkt haben. Einer ruft mir zu, ob er mal Anschwung geben soll. Sehr witzig.

Dabei sind wir noch im Trainingsmodus: Erst im zweiten Schritt werden die Geräte, die mit Strom fahren, auf eine Geschwindigkeit von maximal 20 km/h umgestellt. Daher auch die Teilnahmevoraussetzungen: mindestens 15 Jahre alt muss ein Segway-Fahrer sein und einen Mofaführerschein besitzen. Nach oben hin gibt es keine Altersgrenze. „Man sollte stehen können und sich einigermaßen fit fühlen“, sagt Alex.

Dann kommt die erste Hürde: Der „Hubbel“ am Hang. Wie soll ich denn da rüberkommen? Ich will absteigen, aufgeben, umdrehen und nach Hause fahren. Mit Engelsgeduld zieht mich Alex geradezu den Hügel hinauf. Nach einer gefühlten Ewigkeit bin ich endlich drüber. Geschafft! Ich merke, wie die Angstblockade sich löst und ein Gefühl des Schwebens sich einstellt. Der kindliche Spieltrieb ist geweckt. „Jetzt bloß nicht übermütig werden!“, denke ich mir und lasse das Panorama am Weserufer an mir vorbeiziehen.

Erster Halt am Ölhafen: Die Teilnehmer müssen ihr Gefährt festhalten, damit es nicht von allein weiterfährt. Manfred Drees (Mitte) nutzt seinen Fuß als „Stopper“.

Erster Stopp am Ölhafen. Ich steige ab und schiebe den Segway-Personal-Transporter ein Stück, der daraufhin aufheult. „Schieben mag er nicht“, mahnt Alex. Während Gästeführer Manfred Drees etwas über Klaus Störtebeker erzählt – angeblich stammt der Seeräuber nämlich ursprünglich aus Baden – versuche ich, mich mit dem Gedanken anzufreunden, dass die Tour noch mindestens anderthalb Stunden geht – ein Ausstieg zwischendrin scheint nicht möglich.

Als weitere Stationen folgen der Yachthafen in Uesen und die St. Laurentius-Kirche. Dorthin geht es ein ganzes Stück durch die Marsch, vorbei an Hirtenhaus und Streuobstwiese. Einige Passanten werfen uns abschätzige Blicke zu. Wirkt man wegen der erhöhten Fahrweise arrogant? Oder ist es bloß Neid? Alex erzählt, dass die Leute mittlerweile weniger befremdlich auf Segways reagieren. „Wenn man mit einer Gruppe unterwegs ist, geht es.“ Wie aufs Stichwort rollen wir an einem Hundehalter vorbei, der uns offen feindselig entegenruft: „Das brauchen wir jetzt hier nicht auch noch!“

Im Bauernviertel angekommen, weiß Drees wieder einige Anekdoten zu erzählen. Etwa, dass der Pastor sich im Haus mit der Nummer 10, gegenüber der Kirche, das einst eine Gaststätte war, manchmal schon vor der Sonntagsmesse den ein oder anderen genehmigte.

Weiter geht es über Kopfsteinpflaster zum Alten Markt. Ich fühle mich mittlerweile so sicher, dass ich beim Fahren fotografiere. Bis zum Stopp beim Honigkuchenmacher „Rieke“. An der schmucken Fassade sei einwandfrei dokumentiert, dass die Bremer Stadtmusikanten nur bis nach Achim kamen, erzählt Gästeführer Drees gerade. Auch „Hexentreppe“ und „Hollenstraße“ seien auf die vier tierischen Musikanten zurückzuführen. Da wird Mitfahrer Udo Hollwedel aus Bremen plötzlich übermütig. Nur ein kleines Stück rückwärts gerollt und den Lenker zu weit gedreht, muss er von seinem Segway abspringen. Einen Unfall hat er gerade noch verhindert.

Panorama am Weserradweg. - Fotos: Duncan

Letzte Station: Die Achimer Windmühle. Am Eingang des Galerie-Holländers wartet abschüssiges Kopfsteinpflaster. Ein Kinderspiel: Einmal beherzt nach vorne gelehnt und schon bin ich oben. Das fällt auch Marion Kendel nun nicht mehr schwer. Vor einigen Jahren musste sie eine Segway-Tour nach wenigen Minuten abbrechen. „Die haben keine Einweisung gemacht, ich bin rückwärts gefahren und konnte nicht mehr bremsen.“

Über Stock und Stein rollt die Gruppe wieder zurück nach Baden. Volle Fahrt voraus, genieße ich den Blick über die Flusslandschaft. Plötzlich hält eine Mitfahrerin inne und zeigt amüsiert auf den Balkon einer Villa am Weserhang: Ein riesiger Cockerspaniel späht mit den Pfoten auf der Brüstung zu uns herab. Oder schaut das Tier nur einer streunenden Katze nach? Egal. Nach gut zwei Stunden ist die Tour geschafft – und die acht Teilnehmer haben sie ohne Nasenbluten oder Knochenbrüche überstanden.

Weitere Infos und Anmeldung: www.stadtmeister-touren.de

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

60 Jahre Mercedes 300 SL Roadster

60 Jahre Mercedes 300 SL Roadster

Prinz Harry und Meghan Markle turteln in Toronto

Prinz Harry und Meghan Markle turteln in Toronto

Verden verleiht 59 goldene Ehrenamtskarten

Verden verleiht 59 goldene Ehrenamtskarten

Wenn sich die weißen Gassen leeren: Santorin im Oktober

Wenn sich die weißen Gassen leeren: Santorin im Oktober

Meistgelesene Artikel

Lutz Spendig mit „KletterLetter“ in „Die Höhle der Löwen“

Lutz Spendig mit „KletterLetter“ in „Die Höhle der Löwen“

Erzieherinnen überall begehrt: 13 entscheiden sich für Achim

Erzieherinnen überall begehrt: 13 entscheiden sich für Achim

„Unser Dorf hat Zukunft“: Emtinghausen, Sehlingen und Eitze vorn

„Unser Dorf hat Zukunft“: Emtinghausen, Sehlingen und Eitze vorn

Einigung mit Amazon bis Jahresende?

Einigung mit Amazon bis Jahresende?

Kommentare