ARCHÄOLOGISCHE AUSGRABUNGSORTE / VERSTECKTE ZEITZEUGEN – Teil 4: Früher Handel in Holtorf

Römische Münze in Germanenhand

Einer der kostbarsten Funde war diese sogenannte Fünfkopffibel des 5./6. Jahrhunderts aus Mitteldeutschland.
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Einer der kostbarsten Funde war diese sogenannte Fünfkopffibel des 5./6. Jahrhunderts aus Mitteldeutschland.

Holtorf-Lunsen – Wo heute Mais auf einem Acker wächst, befanden sich während der römischen Kaiserzeit Bootslandeplätze germanischer Händler. Per Tauschhandel sorgten sie vor rund 2000 Jahren dafür, dass Waren über weite Entfernungen in die Norddeutsche Tiefebene gelangten, genauer: zwischen Holtorf und Lunsen. Darunter auch besonders kostbare Gegenstände wie eine römische Münze und eine Silberfibel. Ans Licht gebracht wurden sie durch Ausgrabungen von Imke Brandt vom Niedersächsischen Institut für historische Küstenforschung in Wilhelmshaven in Kooperation mit der Verdener Kreisarchäologie.

Erste Hinweise entdeckte 2008 der inzwischen verstorbene Hobbyarchäologe Gerald Neumann aus Grasberg. Bis jetzt arbeiten die Forscher an deren Auswertung. Denn Neumanns Pionierarbeit zog weitere Kreise: Ganz in der Nähe des Flusslaufs, einem vollständig verlandeten Alt-arm von Aller oder Weser, hat es auch eine Siedlung mit einer Eisenschmiede gegeben.

Vor etwa 2000 Jahren lebten in Holtorf und Lunsen, die heute zur Samtgemeinde Thedinghausen zählen, germanische Stämme. Aus dieser Zeit waren bis 2008 nur einige wenige Fundstellen mit alten Münzen bekannt. „Das hat sich mit Gerald Neumann schlagartig geändert“, erinnert sich Kreisarchäologin Dr. Jutta Precht. „Er war emsig und hatte ein wahnsinnig gutes Gespür.“ Was dazu führte, dass allein aus der genannten Epoche um die 20 wichtige Entdeckungen allein auf sein Konto gehen. Darunter Metallfunde und Scherben, einschließlich besagte Fibel aus vergoldetem Silber (5./ 6. Jahrhundert). Fibeln waren die Vorläufer heutiger Knöpfe und Reißverschlüsse. Des Weiteren fand er eine römische Münze mit dem Konterfei der Gattin von Kaiser Marc Aurel, genannt Faustina die Jüngere. Er ließ sie nach ihrem Tod im Jahr 176 n. Chr. prägen.

Gerald Neumann teilte der Kreisarchäologie so regelmäßig Funde mit, dass Jutta Precht mit der Auswertung kaum hinterherkam: „Mir wurde klar: Das schaffe ich gar nicht bis zur Rente.“ Für die Ausgrabung in Holtorf-Lunsen bekam die Kreisarchäologin aber bald Unterstützung. Uwe Märtens, ebenfalls Amateur-Archäologe aus der Wesermarsch, stellte Kontakt zu besagtem Wilhelmshavener Institut her. Dort widmete sich eine Archäologin ein ganzes Jahr lang nur Neumanns Funden aus Holtorf-Lunsen. Auch Bodenkundler, Münzkundler und Geologen wurden hinzugezogen. Ermöglicht wurde die intensive Forschungsarbeit durch eine seltene Ehre, nämlich die Aufnahme in das Förderprogramm Pro Niedersachsen des Ministeriums für Wissenschaft und Kultur.

Die römische Münze warf eine zentrale Frage auf: Wie kamen die Germanen in den Besitz dieses Zahlungsmittels? Laut Jutta Precht gibt es drei Möglichkeiten: „Ein Geschenk der Römer, um sich die Germanen gewogen zu machen, die Beute eines Überfalls der Germanen auf die Römer oder der Lohn für den Dienst, den ein Germane als römischer Legionär abgeleistet hatte.“ Letzteres geschah nicht selten, denn den Germanen eilte ein Ruf als gute Reiter voraus. Für die Germanen zählte indes allein der Metallwert der Münze, denn die Geldwirtschaft hatte in dieser Region noch nicht Einzug gehalten. „Aber Metall war ein begehrter Rohstoff“, betont Precht.

Die Fibel stammt aus einer viel jüngeren Epoche. Sie zeigt ebenfalls Handelsbeziehungen, wenn auch nicht so weitreichende.

Dank Neumanns genauer Dokumentation – von den ältesten zu den jüngsten Funden – ließ sich zudem nachweisen, dass es am Flusslauf eine Siedlung gegeben hat, die im Laufe der Jahrhunderte eine Wanderungsbewegung vollzog. Geophysikalische Messungen der Wissenschaftlerin Imke Brandt wiesen einen Flusslauf nach, dessen Position sich verändert hatte. Brandt untersuchte, wo sich Siedlungen und Flussarme befanden.

Bei einer weiteren Ausgrabung an Ort und Stelle entdeckten die Archäologen, dass die Siedler über Schmiedeöfen für die Eisenverarbeitung verfügten. Nach zehn Jahren Laien-Forschung und zwei wissenschaftlichen Grabungskampagnen ist laut Precht zudem gewiss: „Da unten ist noch mehr verborgen.“ Das bleibt aber vorerst, wo es ist: „Für kommende Generationen“, so Precht. Denn künftig könnte die Wissenschaft andere, noch effizientere Methoden entwickeln.

Offene Fragen bleiben. Etwa, wo genau die Bootsanlegestelle war. „Sie hatten wahrscheinlich eine flache Uferstelle, wo sie mit ihren Booten angelandet sind. Dort haben sie ihre Waren ausgebreitet, damit die Leute einkaufen konnten“, skizziert Precht das Setting. Unklar ist auch, woher die germanischen Händler kamen. Das Wilhelmshavener Institut will zudem herausfinden, von welchem Fluss der Altarm stammt – von der Aller oder von der Weser. Die Käufer lebten in einer Handwerkssiedlung, in der Eisen verarbeitet wurde. Wie waren die anderen Höfe in der Region strukturiert? Gab es auch welche, die sich eher auf Bronzeverarbeitung oder Landwirtschaft verstanden? Und wie war das Verhältnis der Siedlungen zueinander?

Jedenfalls bilden die Entdeckungen von Gerald Neumann den jüngsten Nachweis für internationale Kontakte in der Region, vor allem zum Römischen Reich. Ebenso ermöglichen sie es, die Siedlungslandschaft zur römischen Kaiserzeit näher zu beleuchten.

Von Lisa Duncan

Hobbyarchäologe Gerald Neumann war der Entdecker der Fundstelle in Holtorf-Lunsen.

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