Interview mit Waldbauer Heinrich Luttmann und Jäger Jürgen Luttmann

Rehe – die Wildschweine des Waldes?

Heinrich Luttmann und Jürgen Luttmann beim Besuch in der Achimer Redaktion. - Foto: Duncan

Achim/Landkreis - Die Niedersächsischen Landesforsten haben gefordert, die Wildpopulation in den Wäldern deutlich zu reduzieren, um die Bäume vor Verbiss zu schützen. Um dieses Ziel zu erreichen, sollen die Jäger ihre Abschusszahlen erhöhen. Das Achimer Kreisblatt sprach dazu mit den Brüdern Jürgen Luttmann, Vorsitzender der Jägerschaft des Landkreises Verden, und Heinrich Luttmann, Vorsitzender des Forstverbandes für den Kreis Verden.

Was halten Sie als Jäger von der Forderung „Wald vor Wild“?

Jürgen Luttmann: Von dieser Forderung halte ich gar nichts. „Wald und Wild“ sind nämlich keine Gegensätze, sondern können nur im Einklang miteinander existieren. Das gehört meiner Ansicht nach zusammen. In Bayern ist der Konflikt vor einigen Jahren hochgekocht, weil die Vertreter beider Seiten mehr übereinander als miteinander gesprochen haben. Man kann die Problematik nur gemeinsam angehen. In Niedersachsen ist man da den Weg gegangen, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen. Hier gibt es seit 2012 eine Erklärung zum „Wald-Wild-Konflikt“, den alle mit dem Wald befassten Parteien unterzeichnet haben.

Warum brauchte es solch eine Erklärung?

J.L.: Die Erklärung ist von den Spitzenverbänden ausgegangen und soll als Richtlinie für alle Beteiligten dienen. Der Konflikt basiert darauf, dass der Waldbau als wirtschaftlicher Faktor immer wichtiger geworden ist. Gleichzeitig gab es zahlreiche Veränderungen in unserer Kulturlandschaft. Etwa die Tatsache, dass immer mehr energiereiches Futter vorhanden ist. Vor allem das Schalenwild profitiert sehr stark von dem höheren Futterangebot.

Die Landesforsten verdienen Geld mit dem Verkauf von Holz. Ist das Wild für Waldbauer geschäftsschädigend?

Heinrich Luttmann: Nur zum Hintergrund: Mein Bruder und ich sind in einem bäuerlichen Familienbetrieb aufgewachsen. Wir waren zwei Schwestern und vier Brüder. Da gehörte es zur Bewirtschaftung dazu, auch einen Jagdschein zu erwerben. Wie in jedem Betrieb geht es auch darum, wirtschaftlich zu arbeiten. Das hat nichts mit Profitinteressen zu tun. Ich finde „Wald vor Wild“ genauso blöd wie die umgekehrte Formel „Wild vor Wald“, denn beides gehört zusammen. Es hat sich im Laufe der Zeit viel verändert: Früher war Wald ein Zuschussgeschäft. Vor 25 Jahren machte man 600 DM Verlust pro Hektar Wald. 

Der Ertrag kam über die Jagd. Denn das Wild existierte noch in großen Populationen. Der Wald ist hier im Landkreis nach dem Ersten Weltkrieg durch Heide-Aufforstungen entstanden. Zunächst gab es überwiegend Kiefernwälder. Die Kiefer gedeiht auch auf den nährstoffarmen Böden der Heidelandschaft. Zudem kann das Wild an diesen Bäumen keine Schäden anrichten. Ende der 70er-Jahre gab es dann Wiederaufforstungen nach Sturmschäden. Man machte Versuche mit anderen Baumarten, etwa Douglasien, Roteiche und Lärche. Heute setzt man auf ertragreiche, stabile Mischwälder, die aber auch anfällig für Schäden durch Wildverbiss sind. 

Eine Möglichkeit für deren Anlage ist Naturverjüngung (Sichern des Waldbestands durch angeflogene oder aufgeschlagene Saat), eine andere besteht darin, Setzlinge (etwa dreijährige Bäumchen) zu pflanzen und mit Wildschutzzäunen zu schützen, aber das ist auch ein hoher Kostenfaktor. Das kann 5.000 bis 10.000 Euro Kulturbegründungskosten pro Hektar Wald bedeuten. Vielen Jägern ist mittlerweile klar, dass sie eine Entschädigung für Feldschäden zahlen müssen, aber es ist noch nicht so weit ins Bewusstsein eingedrungen, dass bei einer zu hohen Wildpopulation auch Schaden im Wald entsteht. Die schlimmsten Schäden sind die, die man gar nicht sieht, nämlich dann, wenn der gesamte Sämling mit einem Biss verzehrt wird.

Die Forderung nach höheren Abschusszahlen bedeutet aber umgekehrt mehr Arbeit für Sie, oder?

J.L.: Als Arbeit würde ich es nicht bezeichnen. In den letzten 30 bis 40 Jahren hat sich am Wald aber sehr viel verändert. Mein Bruder hat vergessen zu erwähnen, dass der Holzpreis natürlich auch gestiegen ist, so dass sich mit dem Holzverkauf auch mehr Geld verdienen lässt. Und von der Wildseite kommt erschwerend hinzu, dass ein größeres Nahrungsangebot besteht. Das sind etwa die Maisfelder, aber auch im Wald wachsende Sträucher mit Him- oder Blaubeeren. Deren Wachstum wird durch das heute übliche Kalken der Bäume, um die Versauerung des Waldbodens (durch Stickoxide aus der Industrie) zu verhindern, begünstigt.

Wer gibt die Abschusszahlen vor?

J.L.: Der Jagdbeirat auf Landkreisebene. Der besteht aus Vertretern der Jägerschaft, der Jagdgenossen, der Landwirte, der Naturschutzverbände, der Forstwirte und der Landesforsten. Die Revierpächter müssen im Frühjahr ihre Bestände melden, die auch von den Grundstückseigentümern noch einmal bestätigt werden.

Wieviel war das im Landkreis Verden 2016?

J.L.: 2016 wurden 2200 Stück Rehwild (davon ein Drittel im Straßenverkehr) getötet, außerdem 750 Stück Damwild und etwa 300 Stück Schwarzwild. Dabei werden die Wildbestände über die Muttertierbestände geregelt. Man kann ein Reh nicht einfach „abknallen“, sondern das Schießen verläuft nach ethischen Regeln. Zudem muss sich die Jagd den heutigen Gegebenheiten anpassen. Der Jagdbeirat ist dazu da, um Stellen zu erkennen, wo es kritisch werden könnte und um rechtzeitig einzugreifen. 

Das haben wir im Südkreis sehr gut hinbekommen, wo wir viel zu hohe Damwildbestände in den letzten Jahren deutlich reduziert haben. Das ist uns vor allem durch Anpassung der Jagdmethoden, mittels revierübergreifender Anrührjagden, gelungen. Mit dieser Methode kann man die einzelnen Tiere relativ genau erkennen und gezielt „entnehmen“. Das sind alles Lebewesen. Darum weigern wir uns auch, so etwas wie „Schwarzwildbekämpfung“ zu betreiben. Wir müssen zu hohe Wildbestände scharf bejagen, aber immer unter Einhaltung unserer ethischen Regeln.

Wieviel Waldgebiet gibt es im Landkreis?

H.L.: 6 000 Hektar Privatwald mit knapp 500 Eigentümern. Dazu kommen die in öffentlicher Hand befindlichen Landesforsten mit etwa 1 000 Hektar.

Welche Wildarten richten Schäden im Wald an?

H.L.: Vor allem Rehwild und Damwild. Schwarzwild wirkt sich eher positiv auf den Waldbestand aus. Es „verwundet“ den Boden, so dass sich Samen schneller einnisten können und der Wald besser wächst. Das Verständnis dafür, dass Reh- und Damwild reduziert werden müsste, um Waldschäden einzudämmen, wächst bei Jägern, aber nicht so schnell, wie es wünschenswert wäre. Es müsste allen klar sein, dass Reh- und Damwild genauso am Wald zu Schaden gehen wie Schwarzwild in der Agrarwirtschaft. Ich war kürzlich bei einem Verwandten in Brandenburg. Dort sind die Rehe stärker und gesünder, weil es weniger davon gibt. Mit überhöhten Wildbeständen tut man auch dem Wild keinen Gefallen.

Was tun Sie als Jäger, um ihre Kollegen zu sensibilisieren?

J.L.: Ich versuche auf Versammlungen darauf hinzuweisen, dass es nur funktionieren kann, wenn es ein Miteinander mit Land- und Forstwirten gibt. Denn alle eint ein gemeinsames Ziel: Die Natur nachhaltig zu nutzen. Das versuchen wir auch mit Veranstaltungen wie den Verdener Waldjugendspielen zu vermitteln. 

Damwild richtet auch in den Wäldern des Landkreises Verden Schäden an. - Foto: Dr. Friedrich Köhler

Einmal im Jahr nehmen daran 1 200 Kinder an drei Tagen im Verdener Stadtwald teil. Den jungen Leuten soll verdeutlicht werden, dass es kein Frevel ist, der Natur etwas zu entnehmen, aber es muss nachhaltig geschehen. Würden wir den Wald nicht als Kulturlandschaft nutzen, würden wir heute noch in Höhlen leben.

Welchen Einfluss könnte die Wiederansiedlung des Wolfes in den Wäldern Niedersachsens haben?

J.L.: Bevor der Wolf nennenswert in Wildbestände (mit Ausnahme des Muffelwildes) eingreift, wird er so viel Einschränkungen an den Lebensgewohnheiten in unserer Kulturlandschaft bringen, dass er von den Menschen nicht mehr akzeptiert wird.

H.L.: Wald und Feld werden insgesamt mehr Schäden bekommen, weil das Wild, um sich selbst zu schützen, sich zu Großrudeln zusammenrotten wird. Der Wolf ist kein Tier, das in Niedersachsen heimisch ist. Die Tiere, die wir jetzt hier haben, sind aus Sibirien eingewandert und gehören nicht hierher.

Lässt sich der Konflikt lösen?

J.L.: Es wird von den Verbänden vorgelebt, dass sich alle gemeinsam an einen Tisch setzen. Dass sich ein Bewusstsein für Waldschutz bei allen Jägern einprägt, passiert nicht von heute auf morgen. Wir sind auf einem guten Weg, aber es gibt noch einiges zu tun.

H. L.: Hardliner gibt es auf beiden Seiten. Aber alle, die in Sachen Wild und Wald Verantwortung tragen, wollen das Problem einvernehmlich regeln.

ldu

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