„Prestigeprojekt und Großmannssucht“

Interview mit Wilhelm Hogrefe (CDU) zur Amazon-Ansiedlung

Wilhelm Hogrefe, Vorsitzender der CDU-Kreistagsfraktion.

Achim - In der CDU-Kreistagsfraktion wird die von der Stadt Achim betriebene Ansiedlung eines Amazon-Logistikzentrums im Gewerbegebiet Uesener Feld zunehmend kritisch gesehen, wie CDU-Fraktionsvorsitzender Wilhelm Hogrefe dem Achimer Kreisblatt berichtet. Redaktionsleiter Manfred Brodt hat ihn interviewt.

Während Ihrer Fraktionssitzung in Baden gab es Kritik an der geplanten Amazon-Ansiedlung. Was gefällt Ihnen nicht?

Hogrefe: Wir fragen uns: Ist es wirklich richtig, so viele Nachteile hinzunehmen, um Arbeitsplätze für einfache Tätigkeiten zu schaffen, die in Kürze ohnehin durch Roboter abgelöst werden. Wir haben uns auch mit den Folgen einer zunehmenden Verkehrsbelastung für Achims Nachbargemeinden Thedinghausen, Langwedel, Oyten und Ottersberg durch ein Amazon-Werk befasst. Auch unter diesem Gesichtspunkt ist es wichtig, dass der Landkreis und die Landstraßenbaubehörde das Vorhaben intensiv prüfen, meint zum Beispiel auch der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Reiner Sterna. Noch hat der Stadtrat es in der Hand, wirklich alle Vor- und Nachteile kritisch abzuwägen. Und das sollte er auch tun,

Nun hat Bürgermeister Ditzfeld an das Land geschrieben, der Stadtrat habe seine Entscheidungskompetenz an die gemeinsame Grundstücksgesellschaft der Stadt und Kreissparkasse abgegeben.

Hogrefe: Die Auskunft von Bürgermeister Ditzfeld an das Land Niedersachsen ist schlicht falsch. Der Stadtrat hat vielmehr über den Bebauungsplan für neue Straßen in Achim-Ost zu beschließen, und da geht es eben um die gravierenden Auswirkungen auf den Verkehr. Außerdem sollte der Bürgermeister der Öffentlichkeit klar und deutlich sagen, dass es nicht die Kreissparkasse ist, die die Ansiedlung von Amazon betreibt. Für hiesige Kreditinstitute ist die Ansiedlung kleinerer Unternehmen oftmals viel nachhaltiger. Bisher hat es in dieser Hinsicht in Achim und Oyten eine kluge Ansiedlungspolitik gegeben. Viele sehr innovative kleine und mittlere Unternehmen sind angesiedelt worden. Die Finanzierung ist vorwiegend durch hiesige Kreditinstitute erfolgt, die Bauten sind durch heimische Firmen geschaffen worden, und es sind anspruchsvolle Arbeitsplätze entstanden. Inzwischen haben wir nahezu Vollbeschäftigung im gesamten Nordkreis,

Also mehr auf den Mittelstand als auf Global Player setzen?

Hogrefe: Ja, und es ist wünschenswert, mittelfristig mehr Angebote zu machen für gut ausgebildete junge Menschen. Die studieren sonst anderswo und kommen danach nicht zurück in die Heimatregion. Deshalb arbeiten der Bundestagsabgeordnete Andreas Mattfeldt und die CDU-Kreistagsfraktion an der Einrichtung einer Berufsakademie im Landkreis. Achim hat zwei Gymnasien, die inzwischen von über 50 Prozent aller Jugendlichen besucht werden. Um deren berufliche Chancen muss man sich mehr kümmern.

Haben Sie zur Amazon-Ansiedlung einen anderen Kurs als Ihre Stadtratsfraktion?

Hogrefe: In der Achimer CDU gibt es unterschiedliche Auffassungen. Beim Neujahrsempfang der CDU hat der Vorsitzende Rüdiger Dürr gesagt, noch sei nichts entschieden in Bezug auf Amazon. Ich begrüße das und finde, in einer Volkspartei ist es geradezu notwendig, über bessere Lösungen zu diskutieren.

Können Sie als Kreistagsfraktion in der Amazon-Frage denn überhaupt etwas bewegen?

Hogrefe: Der Landkreis ist für das Wohl aller Bürger im Nordkreis zuständig. Dem fühlen wir uns verpflichtet. Bisher hat Achim noch nicht den Beweis erbracht, dass die Auswirkungen auf die Verkehrssituation zu bewältigen sind. Es gibt auch keine Zusagen der Landesbehörden für eine Mitfinanzierung. Der Landkreis wird sich jedenfalls finanziell an diesem Abenteuer nicht beteiligen. Dieses offensichtliche Prestige-Projekt des Achimer Bürgermeisters zeugt von einer nicht angebrachten Großmannssucht.

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