Poetry-Slammer Dalibor Markovic zeigt Achimer Schülern die Vielfalt der Lyrik

Reime aus dem Denkofen

Mit einer Geräusche-Übung tritt Dalibor Markovic in Interaktion mit den Schülern.
+
Mit einer Geräusche-Übung tritt Dalibor Markovic in Interaktion mit den Schülern.

Achim - Von Lisa Duncan. Poesie und Lyrik in der Schule zu vermitteln ist schwierig. Noch schwieriger scheint es, Jugendlichen sogar Lust darauf zu machen, dass sie in eigenen Worten Verse dichten. Ein vielversprechendes Experiment wagte gestern das Gymnasium am Markt (Gamma) mit einem außergewöhnlichen Gast: Poetry-Slammer Dalibor Markovic trug Texte vor und gab den Schülern eine Einführung in die Kunst des Gedichteschreibens.

Zunächst erfüllt noch Stimmengewirr den Blauen Saal des Kulturhauses Alter Schützenhof (Kasch), als Markovic am Donnerstagmorgen die Bühne betritt. Aber es dauert nicht lange, und der 39-Jährige hat sein junges Publikum an der Angel: Seiner kontrollierten Stimmdynamik mit überraschenden Wortwendungen kann sich der Zuhörer schwer entziehen. Und dazu liefert er, wie von einer Klang erzeugenden Maschine, gleich die passenden Beats mit. Beatboxen heißt die Technik, mit der sich mit dem Mund sogar ein Schlagzeug nachahmen lässt. Und der Künstler unterstreicht die Töne auf der Bühne wie ein routinierter Illusionist, indem er seine Hände ständig in Bewegung hält – als würden sie ein unsichtbares Gerät bedienen.

Ob das Gedichte schreiben schwer sei, hätten ihn Zuhörer oft gefragt. Die Antwort verpackt er in einige Verse, die wie ein Backrezept aufgebaut sind. Die Zutaten: „Schwerst- und Maßarbeit, die Gesellschaft, sowie etwas Lüge und Trick“. Gut vermengt kommen die Zutaten zusammen in den Denkofen. „Wann es fertig ist? Wenn wir es dem Besuch kredenzen und der sagt: Hm, ein Gedicht.“

Dalibor Markovic, gebürtig aus Frankfurt am Main, begann als Beatboxer und Rapper. Ein Musikstil, der zu Markovics Schulzeiten noch wenig verbreitet war: „Auf dem Schulhof gab es von 700 Schülern zehn, die Rapmusik hörten“, erzählt der Lyriker.

Nach dieser Vorstellung und einigen Kurzgedichten mutet Markovic seinem Publikum längere Texte zu, zum Beispiel eine Trilogie über veraltete Medien. Den Auftakt bildet die Langspielplatte und ein Gedicht über zensierte Rapmusik. Gekonnt spielt Markovic durch das Auslassen von Worten mit der Vorstellungskraft der Zuhörer. Und bei der danach rezitierten Langversion stellt sich heraus: Statt multiple Orgasmen zu beschreiben, lässt der Poet einen Behindertenhelfer von seiner Arbeit erzählen.

Markovics Verse enden alle mit überraschender Pointe, ob er nun auf charmante Weise bekennt, dass er in der Welt der klassischen Literatur auch heute nicht zuhause ist oder sich über gesellschaftliche Entwicklungen ergeht. Dabei streift er etwa thematisch den Selbstporträt- oder „Selfie“-Wahn („Die Angst in meinen Augen retouchier‘ ich am Computer noch zu Mut“).

Markovics Publikum sei „größtenteils über 30 Jahre alt, aber auch studentisch“. So habe er das Programm für diesen Vormittag auch auf die jüngere Klientel abgestimmt. „Ich versuche, die Schüler langsam an meine Gedichte heranzuführen, in dem Wissen, dass ich ihnen später etwas zeige, woran sie knabbern müssen.“

Organisatorin Mirjam Phillips hatte den Autoren auf dem „Poetry on the Road“-Festival in Bremen „entdeckt“. „Ich fand es klasse und habe ihn gefragt, ob er zu uns in die Schule kommen würde.“ Die Englisch- und Spanisch-Lehrerin nennt sich literaturbegeistert und möchte Autorenlesungen im Gamma etablieren. Zuvor hatten auf ihre Initiative schon Krimi-Autor Klaus-Peter Wolff und Poetry-Slammer Bas Böttcher die Schule beehrt.

Mit 25 angemeldeten Schülern überstieg die Nachfrage für den anschließenden Workshop das Angebot. „Poetry Slam war allerdings vielen kein Begriff“, erzählt Phillips. Die 17-jährige Laura Schröder hat noch nie ein eigenes Gedicht verfasst, aber sich immerhin vorher auf „Youtube“ einen Auftritt von Markovic angeschaut. Kein Vergleich allerdings zum Live-Erlebnis: „Es ist schon erstaunlich, wie man so viel mit der Stimme machen kann.“

Mit dem erfahrenen Dichter geht es dann schnell ans Werk. „Wir werden uns vom Babystadium bis jetzt vorarbeiten“, erläutert der 39-Jährige und weist die Schüler zum Aufwärmen an, Geräusche in Endlosschleife von sich zu geben. „Irgendwas Bescheuertes, du fängst an.“ „Ed Hardy, Ed Hardy, Ed Hardy...“, spricht der so Herausgeforderte, bis seine Stimme in einem Orchester aus rhythmisch fauchenden, quakenden, lachenden Jugendlichen untergeht.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Finanzamt Verden muss 62 636 Flächen neu bewerten

Finanzamt Verden muss 62 636 Flächen neu bewerten

Finanzamt Verden muss 62 636 Flächen neu bewerten
Halterin aus Morsum ärgert sich über freilaufende Hunde

Halterin aus Morsum ärgert sich über freilaufende Hunde

Halterin aus Morsum ärgert sich über freilaufende Hunde
An der Autobahn 27: Ein Blechpfeil und bei Rot über die Ampel

An der Autobahn 27: Ein Blechpfeil und bei Rot über die Ampel

An der Autobahn 27: Ein Blechpfeil und bei Rot über die Ampel
Fastfoodketten planen Mehrwegsysteme

Fastfoodketten planen Mehrwegsysteme

Fastfoodketten planen Mehrwegsysteme

Kommentare