Jan Plewka spricht im Interview über Wurzeln und Idole / Morgen Konzert im Kulturhaus Alter Schützenhof in Achim

Wie Werder, Lennon und Rio Reiser sein Leben prägten

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Selig-Frontmann Jan Plewka (l.) spielt mit Gitarrist Marco Schmedtje morgen im Kulturhaus.

Achim - Jan Plewka kommt morgen nach Achim. Begleitet wird der Musiker, der dem Publikum als Sänger der deutschen Rockband Selig bekannt sein dürfte, von dem Gitarristen Marco Schmedtje. „Between the Bars“ heißt das Programm, das die beiden im Kulturhaus Alter Schützenhof (Kasch) spielen werden – eine Mischung aus eigenen Songs und gut erprobten Cover-Versionen. Im Interview mit unserer Redakteurin Lisa Duncan sprach der Barde über das neue Selig-Album, Helden der Kindheit und seine Achimer Wurzeln. Während des Gesprächs hielt er sich im Tonstudio in Berlin auf.

In der Pressemitteilung zu Ihrem Tourprogramm heißt es „das Publikum bestimmt, was gespielt wird“. Wie hat man sich das vorzustellen?

Jan Plewka: Wir schreiben Lieder auf einen Zettel, dann geht ein Hut rum und es wird einzeln gezogen. Das ist ein Riesenpotpourri von Sachen, auch ziemlich emotionales Zeug, das wird spannend. Mit dabei sind sowohl eigene Songs, allerdings nicht von Selig, sondern von Marco und mir, und die Lieder aus den Rio-Reiser- und Simon-and-Garfunkel-Programmen.

Mit letzteren sind sie ja schon mehr als zehn Jahre erfolgreich auf Tournee. Wie kam das zustande?

J.P.: Ja, die Rio-Reiser-Tour läuft jetzt schon seit elf Jahren. Das war damals im Deutschen Schauspielhaus, als Tom Stromberg dort Intendant war. Der wollte unbedingt, dass ich einen Rio-Abend mache. Und ich hab erstmal nein gesagt. Das ist ja, als wenn man Gott spielen würde. Dann haben wir mit der Band ein paar Lieder probiert und es hat funktioniert. Simon and Garfunkel ist später dazu gekommen mit derselben Crew. Das war zuerst eine Schnapsidee, aber es hat sich dann zu einem superschön inszenierten Konzert entwickelt. Und jetzt machen wir das zu zweit. Was kann es schöneres geben als mit dem besten Kumpel durch die Lande zu touren und diese alten Songs zu spielen?

Als nächstes geht es ja erstmal nach Achim. Was verbinden Sie mit dieser Stadt?

J.P.: Ich kenne Achim, mein Vater ist dort aufgewachsen. Der hat im örtlichen Fußballverein gespielt, im TSV Achim. Eines Tages kam ein Headhunter vorbei, der ihn als Talent entdeckt hat und für Werder Bremen haben wollte. Hätte er das gemacht, dann wäre er jetzt vielleicht Werder-Trainer. Aber vielleicht auch gut so: Sonst wäre ich wahrscheinlich nie geboren worden und mein Vater hätte sich so eine Spielerfrau angelacht.

Und wieso hat er es nicht gemacht?

J.P.: Meine Großmutter wollte das nicht. Sie hat gesagt: Der soll was anständiges lernen. Mein Vater hat in Achim übrigens auch mal John Lennon getroffen als der gerade an der Ueser Brücke Einstellungen für den Film „How I won the War“ gedreht hat. Lennon stand da direkt am Wasser und mein Vater nur 50 Zentimeter von ihm entfernt. Da hat er ihn kurz angeschaut und gelächelt.

Sie haben auch in etlichen Filmen mitgespielt und bei Soundtracks („Knockin‘ on Heaven‘s Door“, „Die Welle“) mitgewirkt. Gibt es schauspielerische Elemente in Ihren Bühnenshows?

J.P.: Bloß nicht! Ich würde das eher so beschreiben: Da sitzen zwei Typen auf der Bühne und singen Lieder, daneben eine Flasche Wein und eine Kerze. Das ist dann auch schon der ganze Zauber. Die Magie wird sich während des Konzerts entwickeln.

Mit Selig hatten Sie in den 90er-Jahren einige Hits, dann vor etwa fünf Jahren das Comeback. Was macht die Band jetzt?

J.P.: Wir nehmen gerade das erste Lied für das neue „Selig“-Album auf.

Wie heißt der Song? Ist es ein Liebeslied?

J.P.: Einen Titel gibt es noch nicht. Nein, es ist ein sehr düsteres Lied, sehr poetisch, fast politisch. Da ist alles drin: Ich habe versucht, das Gefühl zu transportieren über die Ausbeutung der Welt, den Kapitalismus, die Erderwärmung.

Das klingt jetzt ziemlich nach Rio Reiser... Hat sie das Spielen seiner Songs beeinflusst?

J.P.: Das kann schon sein. Rio, das war ja mein Held schon seit Kindheitstagen. Mit 14 Jahren habe ich zum ersten Mal Ton-Steine-Scherben gehört.

Im Film „Liebeslied“ spielen Sie die Hauptrolle und haben den Soundtrack geschrieben. Darin erkrankt ein Familienvater an Parkinson und weiß nicht, wie er den Kontrollverlust über den eigenen Körper verkraften soll. Wie im Musical fangen die Protagonisten in den emotionalen Passagen an zu singen. Das gelingt erstaunlicherweise kitschfrei.

J.P.: Ich weiß, es klingt erstmal widersprüchlich, aber ich liebe Herausforderungen. Ich mag gerne Dinge angehen, die zunächst unmöglich erscheinen. Ich hab mich zur Vorbereitung intensiv mit dieser teuflischen Krankheit auseinandergesetzt, bin in Selbsthilfegruppen gewesen und habe Kranke getroffen. Das war eine heftige Zeit.

Haben Sie privat einen Bezug zu der Krankheit?

J.P.: Nein, vorher hatte ich immer gedacht, Parkinson und Alzheimer gehören zusammen und, dass man nur im Alter erkranken kann. Aber jeder hat sein eigenes Parkinson, das durch Medikamente individuell eingestellt werden muss. Das Schlimmste ist, dass diese Krankheit bisher weitgehend unerforscht bleibt, weil die Pharmakonzerne nichts daran verdienen können.

Haben Sie schon mal daran gedacht, eine Bühnenversion daraus zu machen?

J.P.: Nein, das wäre dann Kitsch!

Und wie sieht es mit Ausflügen in andere musikalische Genres aus? Zum Beispiel haben sie gerade mit Olli Schulz, Nils Koppruch und anderen eine Kinderlieder-Platte gemacht.

J.P.: Ja, das war eine schöne Geschichte: Wir hatten uns zur Aufgabe gestellt, Kinderlieder zu schreiben, die auch Erwachsene mögen. Außerdem habe ich in Elfriede Jelineks Inszenierung Schuberts „Winterreise“ gesungen und den „Papageno“ aus der Zauberflöte, die in der Berliner U-Bahn aufgeführt wurde. Ich könnte mir gut vorstellen, im klassischen Fach wieder was zu machen. Wo wir wieder bei den Herausforderungen wären.

Weihnachten und Silvester ist ja die Zeit der Jahresrückblicke. Wie sieht ihr persönlicher aus?

J.P.: Ich hatte, ehrlich gesagt, ein ganz mieses Jahr. Da bin ich so froh, dass ich die Musik habe, das ist die beste Therapie!

Karten für morgen, 20 Uhr, gibt es im Kasch oder unter www.kasch-achim.de:

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