Pflegeelterngruppe trifft sich im Kasch / Austausch unter Gleichgesinnten

„Wir sind eine öffentliche Familie“

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Dörte Kröger leitet den Gesprächskreis für Pflegeeltern im Kasch.

Achim - Wer sich eines Kindes auf unbestimmte Zeit annimmt, hat es nicht leicht: Die gesetzlichen Bestimmungen sind kompliziert, die finanziellen Hilfen gering und der Kontakt mit den biologischen Eltern oft schwierig. In einem Gesprächskreis können Betroffene all diese Probleme mit Gleichgesinnten besprechen. In Achim bietet der Verein Pivke (Eltern und Freunde der Pflege- und Adoptivkinder im Landkreis Verden) zur Selbsthilfe eine Pflegeeltern- und Adoptivelterngruppe, die sich unter Leitung von Dörte Kröger einmal die Woche im Kulturhaus Alter Schützenhof (Kasch) trifft.

Paare, die sich für ein Pflegekind entscheiden, täten dies meist aus einem zuvor gehegten Kinderwunsch heraus, berichtet die Achimer Pflegemutter Maria Carlson*, die regelmäßig zu den Treffen kommt. Das sei bei ihr anders gewesen. Sie überlegte gemeinsam mit ihrem Partner: „Warum nicht einem Kind, das es braucht, ein Zuhause geben?“ „Oft kommen die Pflegekinder auch aus dem sozialen Netz, das ist dann die sogenannte Verwandtenpflege“, ergänzt Dörte Kröger.

Dabei sind die Voraussetzungen, die man für eine Pflegschaft erfüllen muss, relativ umfangreich. Die Paare müssen gemeinsam Kurse besuchen und viele Gespräche mit dem Jugendamt führen – auch in den eigenen vier Wänden. Durch diese Maßnahmen sollen die Eltern für die besonderen Umstände sensibilisiert werden. Denn die Kinder haben oft keine leichte Geschichte hinter sich. Sie sollen nicht in ihrer Herkunftsfamilie aufwachsen, weil das Jugendamt dort eine Gefährdung des Kindeswohls sieht.

Kröger selbst ist Sozialarbeiterin und hat eine Weiterbildung zur Kinder- und Jugendtherapeutin absolviert. Hauptberuflich bietet sie auch Trainings für Kinder in sozialen Brennpunkten an. Sie weiß: „Oft ist schwer vorhersehbar, was passiert, wenn Kinder aus ihrem sozialen Umfeld herausgerissen werden.“ Darum versuche das Jugendamt, die Kinder so lange wie möglich in den Ursprungsfamilien zu lassen.

Durch die wechselnden Bezugspersonen tragen alle Pflegekinder „ein Päckchen“, was sich manchmal in Verhaltensauffälligkeiten äußere. Kröger fügt hinzu: „Manchmal sind die Pflegeeltern auch nicht über alles informiert, zum Beispiel Vorerkrankungen oder, dass das Kind eine Zeit lang gehungert hat. Das ist bitter, wenn die Pflegeeltern sonst anders hätten reagieren können.“

Als Pflegeeltern erhalte man wenig psychologische Unterstützung, findet Carlson, deren Pflegekind zurzeit den Kindergarten besucht. „Aber wir nutzen den Raum der Selbsthilfegruppe gut und sind an den Problemen dran“, sagt sie. „Auch wenn man nicht immer von sich selbst erzählt, wird viel gespiegelt und man kann sich das raussuchen, was auf die eigene Situation passt.“

Ein klassisches Problem, an dem die Gruppe arbeitet: Die Kontakte zu den leiblichen Eltern. Dem werde mittlerweile von offizieller Seite ein höherer Stellenwert beigemessen. „Kontakt zu den leiblichen Eltern wird als wichtig für die Identitätsbildung der Kinder gesehen“, erklärt Dörte Kröger. Gleichzeitig erfordere es einen schwierigen Spagat seitens der Pflegeeltern. „Unser Wunsch ist es, den Kontakt zu halten, die Frage ist, was zumutbar ist“, so Maria Carlson. Wie sehr dieser von den biologischen Eltern gewünscht werde, sei sehr unterschiedlich – von zweimal im Monat bis hin zu gar nicht.

Ein häufiges Thema ist zudem der Umgang mit Behörden. Die Frequenz der Behördenkontakte reiche von einmal im Jahr bis alle drei Monate. „Wir sind schon eine öffentliche Familie“, findet Elsbeth S. Wer ein Pflegekind hat, muss sich zudem für vieles Genehmigungen holen. Das gilt etwa für ärztliche Untersuchungen, Auslandsfahrten, Kindergarten- und Schulbesuch oder das simple Eröffnen eines Sparbuchs. Kurzum: „Alles, was über das Alltägliche hinausgeht.“

Auch über Vorurteile, mit denen sie konfrontiert sind, reden die Pflegepersonen. „‘Ihr macht das doch wegen des Geldes‘ – das habe ich schon häufiger gehört“, berichtet Carlson. „Ein 400-Euro-Job würde mir mehr einbringen“, sagt sie – um eine Einschätzung zu vermitteln und ergänzt: „Ich glaube nicht, dass irgendwer das machen kann, wenn er nicht mit Herzblut dabei ist.“ Wo Gefühle eine Rolle spielen, sind auch Ängste mit ihm Spiel. Was ist etwa, wenn die Mutter entscheidet, dass sie ihr Kind zurück haben will? Dörte Kröger hat schon Fälle erlebt, wo die Kinder nach Jahren wieder aus den Pflegefamilien herausgenommen wurden.

Kontakt zum Gesprächskreis ist möglich über E-Mail: d.kroeger.langwedel@freenet.de

ldu

*Name von der Redaktion

geändert

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