Filmpremiere: Jugendliche stellen sich und ihr Leben mit der Religion vor

Persönlicher Blick auf den Islam

Die Mitwirkenden beim Film, vor und hinter den Kulissen (1. Reihe, v.l.): Hümeyra Gündogan, Hilal Akan, Betül Ekici, (2. Reihe, v.l.): Kübra Özsoy, Regula Selbmann, Büsra Yoldas, Süheda Coban, Esma Coban, Hamza Yorgun, Timo von den Berg und Halid Yorgun. - Fotos: Duncan

Achim - Von Lisa Duncan. Selbstbewusst blickt die junge Frau in die Kamera und erzählt von ihrem Leben. Die Achimerin ist 19 Jahre alt und besucht die 12. Klasse des Cato-Bontjes-van-Beek-Gymnasiums, wo sie als Schülervertreterin gewählt wurde. Und: Büsra Yoldas ist Muslimin. Darum trägt sie das Kopftuch, als sichtbares Bekenntnis zu ihrem Glauben. So beginnt der Film „Jung, gläubig, aktiv – das Leben junger Muslime in Achim“, der am Montagabend im Kulturhaus Alter Schützenhof (Kasch) Premiere hatte. Dabei stieß die Vorstellung mit anschließender Fragerunde auf so reges Interesse, dass die Sitzplatzreihen ergänzt werden mussten.

Was den Islam angeht, hatte Büsra Yoldas, die in einer muslimischen Familie aufwuchs, auch ihre Zweifel, schildert der Film weiter. „Mit 13, 14 habe ich Religion als Störfaktor wahrgenommen.“ Denn sie habe gemerkt, dass sie als Kopftuchträgerin oft schrägen Blicken ausgesetzt sei und wollte als Teenager nicht anecken. Doch irgendwann sei der Zeitpunkt gekommen, wo sie sich aus eigener Überzeugung für ihre Religion entschieden habe – und sie stellt heute fest: „Für meine Mitschüler ist das Kopftuch egal.“ Hamza Yorgun erzählt: „Glaube ist für mich die Hoffnung, ein besserer Mensch zu werden“. Wenn er in der Moschee bete, sei das ein gutes Gefühl, nur allein mit sich und Allah/Gott zu sein.

Einen proppenvollen großen Saal erlebte das Kasch am Montagabend.

So persönlich erzählen sechs Jugendliche, die sich im Kulturverein für Achimer Muslime (Kamu) engagieren, in der Dokumentation aus ihrem Alltag. Dass sie sich dabei selbst filmen, wird ebenfalls transparent. Gemeinsam mit Timo von den Berg von der Freiwilligenagentur der Stadt Achim und Regula Selbmann vom Weser-Aller-Bündnis für Demokratie und Zivilcourage in Verden haben sie ihre Idee realisiert. Für den finanziellen Teil half das Förderprogramm „Demokratie Leben“ des Bundesfamilienministeriums. Den Schnitt übernahm die Achimer Firma Creaclick.

Der Zuschauer begleitet die Jugendlichen in die Schule, den Kulturverein, auf die Baustelle der Achimer Moschee und in die Fatih-Moschee in Bremen. Letztere verfügt nicht nur über ausreichend Gebetsmöglichkeiten, sondern auch über ein Jugendlokal, inklusive Spielkonsole.

„Der Islam steht im Vordergrund“, erklärt Halid Yorgun die Zielsetzung der Jugendarbeit bei Kamu. Doch es gehe auch darum, die Jüngeren „in die Gesellschaft zu integrieren“. Mit anderen Worten: Werte vermitteln, damit sie nicht, durch Drogen oder ähnliches, auf die schiefe Bahn geraten, sondern sich für die Gemeinschaft einsetzen. Der Film deutet Möglichkeiten an: Im Willkommenscafé für Flüchtlinge in Achim-Nord sieht man die jungen Leute mit Geflüchteten sprechen und Spiele spielen. Und der Zuschauer lernt auch Hümeyra Gündogan kennen, die ein Praktikum in den Waldheim Werkstätten absolviert, wo sie Menschen mit Behinderung betreut.

„Schritt für Schritt haben sich die Vorurteile aufgebaut, und Schritt für Schritt können wir sie nur wieder abbauen“, erklärt Hilal Akan – und zitiert damit einen Teil aus einem Gedicht, das die Poetry-Slammerin zum Auftakt der Filmpremiere vorgetragen hat. Sie wolle Jugendliche motivieren, ähnliche Projekte zu realisieren.

Bürgermeister Rainer Ditzfeld findet ähnliche Worte bei seiner Ansprache: „Ich bin stolz darauf, dass wir in Achim den ersten Schritt tun. Und ich würde mich freuen, wenn der Film von hier aus an die Schulen geht und zunächst in Achim und später vielleicht im ganzen Landkreis gezeigt wird.“ Zudem wünsche er den Darstellern, dass die Dokumentation im Internet Verbreitung finde.

Obgleich die Diskussionsrunde zum Schluss eher kurz ausfiel, gab es eine interessante Anregung aus dem Publikum: Man hätte Nicht-Muslime als Akteure der Dokumentation zu Wort kommen lassen können. Dies sei im ersten Versuch schwer umsetzbar gewesen, doch man könne es sich für ein künftiges Filmprojekt gut vorstellen, fanden die jungen Filmemacher übereinstimmend.

Doch vielleicht ging es erstmal genau darum, eine andere Perspektive der sonst üblichen entgegenzusetzen? „Es wird viel über Muslime geredet, aber selten wird ihnen zugehört“, fasst Regula Selbmann vom Kooperationspartner WABE zusammen.

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