Paukenschlag zu später Stunde

Achimer CDU-Chef Puls tritt überraschend zurück

Da war die Stimmung noch gut: der frisch gewählte Vorstand der Achimer CDU mit dem Noch-Vorsitzenden Martin Puls (7.v.r.).
+
Da war die Stimmung noch gut: der frisch gewählte Vorstand der Achimer CDU mit dem Noch-Vorsitzenden Martin Puls (7.v.r.).

Achim – Am Ende einer vielstündigen Doppel-Sitzung mit zwei Wahlmarathons für den Vorstand und die Kandidatenkür für die Stadtratswahlen, als alle mit einem Schlusswort des Dankes, guten Wünschen für den Nachhauseweg und aufmunternden Worten für den nun anstehenden Wahlkampf rechneten – da ließ Martin Puls die Bombe platzen: Er trete mit sofortiger Wirkung von seinem Amt als Stadtverbandsvorsitzender der CDU zurück, teilte er der verdutzten Runde im Gasthaus Zur Linde mit.

Und das, obwohl er bei den Vorstandswahlen im ersten Teil des Donnerstagabends gerade erst wiedergewählt worden war.

Doch da liegt der Hase im Pfeffer: Das Ergebnis der Wiederwahl war bescheiden. Der 50-Jährige hatte als einziger Kandidat lediglich 27 Ja-Stimmen bekommen, aber 10 Voten gegen sich, bei zwei Enthaltungen. „Unbefriedigend“ nannte er dieses Ergebnis in seiner gestern veröffentlichten Rücktrittserklärung. Die anderen Kandidatinnen und Kandidaten für den Vorstand bekamen derweil durchweg Ergebnisse im hohen 90-Prozent-Bereich, sodass Puls’ Ergebnis umso auffälliger war.

Bereits zuvor hatte er von der Mitgliederversammlung eine Abfuhr kassiert: Martin Puls wollte, dass die CDU aus der Parteikasse 25 Euro pro Vorstandsmitglied für eine gesellige Zusammenkunft spendiert, also rund 500 Euro Zuschuss jährlich für eine Weihnachtsfeier beim Italiener oder dergleichen – als Dank für die geleistete Arbeit. Doch dieses Ansinnen kam bei den meisten Teilnehmern nicht gut an. Es sei nicht gut, zwischen Mitgliedern und Vorstand zu unterscheiden., hieß es. Karl-Heinz Lichter gab zu bedenken, dass die Satdtratsmitglieder mit ihren Sitzungsgeldern zwar die Parteikasse füllten, aber dann nicht unbedingt bei solch einem gesellschaftlichen Ereignis dabei seien. Nicht alle Stadtratsabgeordneten sind auch im Vorstand. Geld aus der Kasse sei lieber für einen guten Wahlkampf zu verwenden. Am Ende standen 10-Ja-Stimmen 17 ablehnenden Voten gegenüber (7 Enthaltungen).

Selbst diese beiden Ereignisse, schlechtes Wahlergebnis und Zuschussverweigerung für die Vorstands-Weihnachtsfeier, wäre für Puls noch zu verkraften gewesen, wie er am Freitag auf Nachfrage sagte. „Ich hätte vielleicht ein Bier drauf getrunken und gesagt: Ist in Ordnung, ist halt so.“

Der negative Höhepunkt sei dann aber im zweiten Teil des Abends die Aufstellung der Kandidaten für die Stadtratswahl gewesen. Puls in seiner Rücktrittserklärung: „Bei der Nominierungsveranstaltung entschied man sich, die parteilose Bürgermeisterkandidatin (Nadine Fischer, d.Red.) auf Platz 1 der Liste des Wahlbereichs Achim-West zu setzen und mich von diesem Platz auf Platz 2 zu verschieben. Grundsätzlich ist es für mich nicht nachvollziehbar, eine Liste einer Partei von einer Person anführen zu lassen, die nicht Mitglied dieser Partei ist und das Wahlprogramm zwar gelesen, aber nicht mit erarbeitet hat.“ Er hingegen habe mindestens 100 Stunden in die Erarbeitung des Programms gesteckt, so Puls gegenüber dieser Zeitung.

Überhaupt sieht der selbstständige Versicherungsfachmann seine Arbeit als zu gering geachtet an in der Partei: „Mit diesen drei Entscheidungen haben mir zu viele der anwesenden Mitglieder verdeutlicht, dass sie mich zwar notgedrungen als Vorsitzenden akzeptieren, aber die geleistete Arbeit anders als ich bewerten.“

Dabei habe es unter seiner Führung einige Erfolge gegeben, unter anderem einen „Turnaround“ bei der Anzahl der Mitglieder, die nachhaltige Senkung des Altersdurchschnitts und die Einbindung vieler neuer und junger Leute in die Parteiarbeit. Doch das hat Puls zufolge offenbar nicht gereicht. Denn es seien nicht genügend junge Mitglieder akquiriert woren, „so dass die Älteren, die zwar keine Ämter mehr ausüben, dennoch aber mitentscheiden wollen und über ein langjähriges innerparteiliches Netzwerk verfügen, ihren Machterhaltungsdrang noch immer erfolgreich ausüben können“.

Bei der Versammlung am Donnerstag fand in die Schockstille hinein als erstes der Ehrenvorsitzende Rüdiger Dürr wieder Worte. Er bat, unterstützt von anderen, Martin Puls, diese Entscheidung noch einmal zu überdenken. Dieser Zeitung sagte Dürr, am Wochenende stünden etliche Gespräche an, Puls noch einmal umzustimmen und vom Rücktritt vom Rücktritt zu überzeugen. Doch darauf will sich Puls nicht einlassen. „Das ist unwiderruflich.“ Er wolle sich aber beim nun anstehenden Wahlkampf weiter für seine Partei einsetzen, wenn auch in reduzierter Form als als Stadtverbandsvorsitzender. Denn: „Wir haben eine tolle Truppe.“

Wie es an der Spitze der Partei weitergeht, war am Freitag noch unklar. „Wir müssen uns jetzt erstmal schütteln“, sagte einer von Puls’ Stellvertretern, Jürgen Striedieck.

Kommentar von Philipp Köster:

CDU-Kreisgeschäftsführer Adrian Mohr hatte die Achimer Christdemokraten schon mal auf den Wahlkampf eingestimmt, der „schönsten Jahreszeit“, zitierte er Konrad Adenauer. Er hatte Nadine Fischer als gute personelle Alternative zum jetzigen Bürgermeister bezeichnet und die Schulpolitik der linken politischen Fraktionen mit deren Forderung nach einer Oberstufe für die IGS aufs Korn genommen. Doch den Start in die „schönste Jahreszeit“ hat sich die Achimer CDU selbst vermasselt. Zur absoluten Unzeit demontiert sie ihren Stadtverbandsvorsitzenden gleich auf dreifache Weise: Sie wählt ihn widerwillig wieder, versagt ihm einen lächerlich geringen Zuschuss für geleistete Arbeit des Vorstands und zieht ihm auch noch die parteilose Nadine Fischer auf der Wahlliste zum Stadtrat vor, ohne dass das offenbar im Vorfeld mit ihm abgesprochen war.

Puls spricht von einem „Machterhaltungsdrang“ der Älteren in der Partei. Mit den jungen und frisch eingetretenen Mitgliedern scheint er gut auszukommen. Die CDU Achim hat offensichtlich ein Generationenproblem.

Zumindest haben es einige Altgediente in Kauf genommen, dass ihr motivierter und engagierter Stadtverbandsvorsitzender derart bloßgestellt wird wie am Donnerstagabend geschehen, übrigens ohne einen eigenen Kandidaten aus dem Hut zu zaubern. Ohne Not schießt sich die CDU zum Wahlkampfauftakt selbst ins Knie.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Tränen bei Joker Gregoritsch: Österreich schreibt Geschichte

Tränen bei Joker Gregoritsch: Österreich schreibt Geschichte

EM-Drama in Kopenhagen: Dänen-Star Eriksen kollabiert

EM-Drama in Kopenhagen: Dänen-Star Eriksen kollabiert

Fußball-EM mit Show vor Italien-Türkei eröffnet

Fußball-EM mit Show vor Italien-Türkei eröffnet

Löw-Stars vor EM: Kroos-Warnung und Sorgen um Hofmann

Löw-Stars vor EM: Kroos-Warnung und Sorgen um Hofmann

Meistgelesene Artikel

Verdener  Gastronom Sven Sottorff querschnittsgelähmt

Verdener Gastronom Sven Sottorff querschnittsgelähmt

Verdener Gastronom Sven Sottorff querschnittsgelähmt
Impfmarathon in der Achimer Moschee

Impfmarathon in der Achimer Moschee

Impfmarathon in der Achimer Moschee
Buss in Ottersberg: Erweiterungskurs Nordost

Buss in Ottersberg: Erweiterungskurs Nordost

Buss in Ottersberg: Erweiterungskurs Nordost
Etelsen: Vergessenes Essen sorgt für Feuerwehreinsatz

Etelsen: Vergessenes Essen sorgt für Feuerwehreinsatz

Etelsen: Vergessenes Essen sorgt für Feuerwehreinsatz

Kommentare