Ein Chefarzt spricht

Patientenwille hat Priorität bis zum Ende

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Widmeten sich auf der Veranstaltung im Kasch einer schwerwiegenden Thematik: Dr. Peter Ahrens, ärztlicher Direktor der Aller-Weser-Klinik in Verden (links) und Gerhard Zieseniß von der Achimer Bürgerstiftung. 

Achim - Ganz oben stehe beim Arzt der Wille des Patienten oder dessen „mutmaßlicher Wille“, wenn es um schwerwiegende Entscheidungen gehe, betonte Dr. Peter Ahrens. „Sie selbst bestimmen, welche Behandlung für Sie in Frage kommt, außer in akut lebensbedrohlichen Situation“, hatte zuvor auch Gerhard Zieseniß von der Achimer Bürgerstiftung dem Publikum im voll besetzten Blauen Saal des Kasch klargemacht.

Eine Frau hatte nämlich Befürchtungen geäußert, dass sie sich durch Unterzeichnen einer Patientenvollmacht wegen darin enthaltener Festlegungen schon jetzt entmündigt vorkomme.

All das greife jedoch erst, wenn der oder die Betreffende „nicht mehr bei Sinnen ist“, verdeutlichte der Mediziner. Da sich zudem Lebenseinstellungen durch schwere Erkrankungen deutlich ändern können, sollten auch Vollmachtsinhalte regelmäßig überprüft und gegebenenfalls abgeändert werden.

„Am besten sonntags beim Kaffee beraten“

Dr. Ahrens ist ärztlicher Direktor der Aller-Weser-Klinik in Verden und auch Palliativmediziner. Auf Einladung der Bürgerstiftung widmete er sich der Thematik Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht und Fragen dazu wie „Wer entscheidet alles für mich?“ oder „Brauche ich das wirklich?“. Zieseniß, Spezialist in Sachen Vorsorgevollmacht und Autor eines Ratgebers, ging besonders auf diesen Bereich ein.

Nichts vorher zu regeln sei auf jeden Fall schlecht, macht er gleich klar. Wenn gar nichts zur Bevollmächtigung für den Fall des Falles festgelegt sei, würden Betreuer von Gerichts wegen eingeteilt, die dann auch Verfügungsgewalt im finanziellen Bereich hätten. Es gebe zudem schon Betreuungsfirmen, wo jeweils nach Aktenlage ohne nähere Kontakte zum Patienten entschieden werde, was an Betreuungsaufwand erforderlich sei.

Allerdings sei fachliche, vor allem juristische Beratung Rat beim Erstellen der Vollmacht sinnvoll. Bei manchen auch im Netz kursierenden Formularen sei äußerste Vorsicht geboten, da wichtige Punkte oft fehlten.

Am besten bei einer Tasse Kaffee besprechen 

Am besten ließen sich solche Angelegenheiten und andere Regelungen über letzte Dinge im familiären oder auch engen Bekanntenkreis bei einer Tasse Kaffee am Sonntagnachmittag besprechen, riet Zieseniß. Selbstverständlich sollte der oder die künftig vielleicht Hilfebedürftige nur Bevollmächtigte aussuchen, zu denen absolutes Vertrauen besteht – gerade auch in Geldangelegenheiten. Um alle Abmachungen und Regelungen bei Bedarf auch für den Bevollmächtigten rasch zur Hand zu haben, empfehle es sich im Übrigen, Ordner anzulegen.

In heutigen Patchworkfamilien sei es oft schwierig, einvernehmliche Lösungen zu finden, wusste Dr. Ahrens. Da seien dann die Ex-Frau, die aktuelle Gefährtin, Kinder aus der ersten Ehe und andere Partner samt persönlichen Spannungen mit im Spiel. Sich Zeit zu nehmen, um Einigkeit herzustellen, sei somit wichtig, aber „in 99 Prozent aller Fälle“ gebe es auch keinen unmittelbaren Zeitdruck.

Wenn gemäß Verfügung und in Übereinkunft mit dem Patienten lebensverlängernde Maßnahmen abgelehnt werden, bedeute dies nicht, dass die medizinische Behandlung eingestellt werde, erläuterte der Verdener Mediziner noch. Die ärztliche Verpflichtung, Schmerzen zu lindern, Atemnot und Angstzustände zu bekämpfen, gelte weiterhin.

Aktive Sterbehilfe sei in Deutschland zum Glück verboten. In den Niederlanden, wo sie möglich ist, gebe es schon ein Umdenken, weil diese aktive Hilfe häufig aus problematischen Gründen gesucht werde: von schwer depressiv Erkrankten zum Beispiel oder mit dem Argument „ich will der Familie nicht länger zur Last fallen“.

Passive Sterbehilfe etwa durch Abschalten von Beatmungsgeräten, Stoppen der künstlichen Ernährung oder Absetzen der Dialyse in schweren Fällen ohne Aussicht auf Besserung sei jedoch auch in direkter Absprache mit engen Angehörigen möglich. „Meine Mutter würde das nicht wollen“, hört der Arzt in solchen Fällen, oder der Krebs-Patient selber lehnt eine fünfte Chemotherapie ab. Nicht selten gehe es den Betreffenden nach Rückfahren der Behandlung sogar eine Zeit lang besser, und sie schliefen dann friedlich ein, so der Chefarzt.

Irgendwann erlösche die Lebenskerze für jeden, und das müsse auch im Familienkreise mal offen angesprochen und akzeptiert werden. 

 la

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