Bürgerinitiative „Keine Windräder am Bultensee“

Umweltzerstörung im Namen des Klimaschutzes?

Werner Martin und Stephan Hagemann mit einem vorläufigen Modell der Forschungsstation. In dem Pfahlbau soll in Kooperation zwischen Bremer Schulen und dem Landesbehindertenverband die Wasserqualität am Bultensee untersucht werden. - Foto: Duncan

Oyten/Osterholz - Der Bau eines rund 160 Meter hohen Windrads in einem Landschaftsschutzgebiet am Bultensee, das die Bremische Bürgerschaft als Vorranggebiet für Windenergieanlagen ausgewiesen hat, steht weiter in der Schwebe. Noch.

Das schreibt die Bürgerinitiative „Keine Windräder am Bultensee“ ihrem hartnäckigen Engagement zu. Sechs Stellungnahmen versendete die Organisation jüngst an das Bremer Gewerbeaufsichtsamt und den Bausenator. „Damit wir über die Ferienzeit nicht vergessen werden“, sagt Werner Martin, Gründungsmitglied aus Oyten, dessen Haus am Bultensee liegt.

Aus Sicht der Bürgerinitiative sprechen zahlreiche Gründe dagegen, auf diesem Gebiet ein Windrad zu errichten. Zunächst einmal sei die Fläche ein Landschaftsschutzgebiet, und liege im Überschwemmungsgebiet der Wümme. Zahlreiche Vogelarten, etwa der Weißstorch, nutzen sie als Nist-, Brut- und Nahrungsrevier. Zudem würde der Bau einer Windenergieanlage eine massive Lärmbelästigung für die Anwohner bedeuten. Die sind durch die Nähe zur Autobahn 27 ohnehin schon stark beansprucht. 

Durch aktuell vorgenommene Baum- und Strauchrodungen an der A27 habe sich das Lärmproblem noch verstärkt. Darüber hinaus diente der Bultensee mit seinem Badestrand einst als ein beliebtes Naherholungsgebiet. Und zu guter Letzt plant eine Initiative dort eine Forschungsstation zur Untersuchung der Wasserqualität, von Kleinstlebeformen und Organismen. Dieses Projekt soll in Kooperation mit Treffpunkt Natur und Umwelt (TNU), der Bremer Gesamtschule Ost (GSO) und dem Landesbehindertenverband Bremen auf die Beine gestellt werden.

Forschungsstation für Blinde vs. Windrad

Stephan Hagemann, ebenfalls in der Bürgerinitiative „Keine Windräder am Bultensee“ engagiert, möchte bereits seit 2012 den gemeinnützigen Verein „Bultensee“ gründen. Dessen Ziel ist es, den See als Ausflugsziel wiederzubeleben. Außerdem ist angedacht, die Schirmherrschaft für die Forschungsstation zu übernehmen. Durch den möglichen Bau des Windrades ist das inklusive Projekt aber erst mal auf Eis gelegt. Eine Fortsetzung der Planungen sei dann aussichtslos, da die Blinden auf ihr Gehör angewiesen sind und dieses durch die Lärmbelästigung des Windrads beeinflusst wird. Die Sponsoren hätten für den Fall, dass das Windrad gebaut wird, ihren sofortigen Rückzug angekündigt. Hagemann spricht gar von einem „Schlag ins Gesicht für die Behinderten, die ohnehin am Rande der Gesellschaft stehen“.

Zudem bringe der Bau eines einzelnen Windrades keine gute CO2-Bilanz. „Zunächst einmal die ganze Logistik für den Aufbau, dann der Rückbau nach 20 Jahren“, so Hagemann. Als ehemaliger Lkw-Fahrer kennt er sich aus und hat selbst Windkraftflügel gefahren („Mein längster Transport betrug 68 Meter.“)

All diese Aspekte trug der Verein am Montagnachmittag bei einem Politschnack mit dem Bürgerschaftsabgeordneten Mustafa Güngör und der Bundestagsabgeordneten Sarah Ryglewski (beide SPD) vor. „Die Frage ist wirklich, ob man in Lärm belastete Stadtteile noch zusätzlich ein Windrad bauen muss“, äußerte sich Ryglewski. Ihr Fazit: Sie wolle den Anwohnern keine leeren Versprechungen machen, aber dafür sorgen, dass sich ein Vorgang, in dem der Ausbau erneuerbarer Energien in solch unverhältnismäßiger Weise vorrangig gegenüber Naturschutzaspekten und Bürgerwillen behandelt werde, nicht anderswo wiederhole. Zudem will Güngör bei der nächsten Bürgerschaftssitzung am 23. September eine Große Anfrage zum Thema Windrad am Bultensee stellen.

Werner Martin fügt hinzu, dass der Bausenator Joachim Lohse (Bündnis 90/Die Grünen) dem Investor, dem „Energiekontor“ aus Bremen, offenbar bereits mit einer Vorgenehmigung ein Anrecht auf den Bau des Windrades eingeräumt habe. „Ich stelle mal als Frage in den Raum, ob der Senator nun aus Angst vor Regress-Ansprüchen dieses Bauvorhaben unbedingt durchdrücken möchte“, spekuliert Hagemann. Ihm zufolge könne es das Land Bremen gut und gerne 7 Millionen Euro kosten, sollte der Investor sich zurückziehen.

In diesem Zusammenhang bringt Stephan Hagemann einen anderen Fakt ins Spiel: Viele Bürger schließen sich zu Genossenschaften zusammen, um Windenergieanlagen als Geldanlage zu nutzen. Eine dieser Genossenschaften, die Bürgerenergie Bremen (Begeno), nahm von dem Vorhaben Abstand, sich finanziell an dem geplanten Windrad am Bultensee zu engagieren – wegen Naturschutzbedenken. - ldu

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