Oscar Wilde und die „Sauerei auf der Bounty“

Matthias Schultz aus Achim baut Buddelschiffe- darunter Filmrequisiten und Museumsstücke

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Buddelschiffbauer Matthias Schultz mit einem Ausschnitt seines Schaffens, das bis dato 30 Schiffsminiaturen umfasst. 

Achim - Von Lisa Duncan. Am liebsten sind ihm Segelschiffe. Sie gelten Matthias Schultz als „Inbegriff der Ästhetik“. Selber gesegelt ist er zwar noch nie, aber dafür kennt er den Aufbau einiger der bedeutendsten historischen Schiffe in- und auswendig.

Denn der 47-Jährige, der berufsbedingt in Stuttgart wohnt und in Achim aufwuchs, baut deren Miniaturausgaben nach, und zwar detailgetreu. Buddelschiffe in jeglicher Form und Ausstattung sind seine Leidenschaft: 30 Stück hat er in den vergangenen fünf Jahren gebaut. Solange beschäftigt er sich erst mit dieser Volkskunst, die einst Seemännern die Langeweile auf langen Überfahrten vertrieb, nicht selten um den Gegenwert in der nächstbesten Hafenbar zu versaufen.

Doch die Zeiten, wo die filigranen Schiffsmodelle in der Flasche noch etwas einbrachten, seien vorbei, sagt Matthias Schultz. „Es ist definitiv ein Hobby. Geld kann man damit nicht verdienen“, sagt der ausgebildete Rundfunk- und Fernsehredakteur, der als freier Autor für Magazine aus den Bereichen Schiffsmodell und Industrie schreibt. Bevor er den Weg in die Medienbranche einschlug, studierte Schultz Kunst, Germanistik und Geschichte. Anschließend sattelte er noch ein Architekturstudium obendrauf.

Zudem ist Buddelschiffbauen ein aussterbendes Steckenpferd. Schultz schätzt, dass sich in Deutschland höchstens 100 Personen dieser Freizeitbeschäftigung widmen, davon zu 98 Prozent Männer: „Ich selbst kenne weltweit nur zwei Frauen namentlich, die das machen.“ Gleichgesinnte treffen sich in der Deutschen Buddelschiffergilde oder im Forum für historischen Schiffsmodellbau. Dessen Administrator, Daniel Fischer, hatte Schultz auch einen interessanten Auftrag eingebracht: Der Requisiteur eines Filmteams suchte jemanden, der zwei identische Buddelschiffe anfertigen konnte.

Zum Buddelschiffbauen bedarf es einer guten Vorbereitung und einer ruhigen Hand. 

Gewünscht war ein italienisches Schiffsmodell aus der Zeit vor dem 19. Jahrhundert. Für Schultz kein Problem: Er baute die „Galeotta“ in doppelter Ausführung, der nun eine kurze Einstellung in einem Hollywoodstreifen gewidmet ist. Der Film „The Happy Prince“, in dem es um die letzten Tage im Leben Oscar Wildes geht, läuft derzeit im Kino. Über das Schicksal der Requisite sei nur soviel verraten: „Das ist vielleicht das erste Schiffsmodell, das a priori gebaut wurde, um zerstört zu werden“, sagt Schultz und schmunzelt.

Ein Modell kann bis zur Fertigstellung zwischen drei Tagen und drei Monaten brauchen. Erforderlich seien eine gute Planung, Geduld, eine ruhige Hand und „eine gewisse eremitische Grundeinstellung.“ Nach einem Zeichenentwurf wird das Schiff zunächst zusammengebaut, dann in einzelne Teile zerlegt und durch den Flaschenhals bugsiert. Dazu wendet Schultz die sogenannte „Zugtechnik“ an, bei der die Masten umgelegt werden. Im Inneren müssen die Schiffstaue mühsam wieder entwirrt werden. Dass beim Aufrichten Millimeterbruchteile entscheidend sein können, demonstriert Schultz anhand eines im Flascheninneren leicht abgeknickten Mastes. „Es gibt wesentlich präzisere Buddelschiffbauer als mich“, sagt Schultz, der sich, wie in den Ursprüngen, eher als Volkskünstler sieht.

„Fliegender Holländer“ komplett aus Knochen

Matthias Schultz kam erst vor rund fünf Jahren zu diesem „Hobby für Nerds“, wie er selbst sagt. Zuvor hatte er als Zehnjähriger erste Buddelschifferfahrungen gesammelt, indem er den Teeklipper „Cutty Sark“ mit einem fertigen Bausatz aus Plastik anfertigte. 2013 packte es ihn wieder und er begann aus reiner Neugierde das im Vegesacker Hafen liegende „Schulschiff Deutschland“ nachzubauen. Ein Schiff, zu dem Schultz eine besondere Beziehung hat, denn er hatte dort im selben Jahr seine Hochzeit gefeiert.

Dabei blieb es nicht: Inzwischen hat Schultz viele weitere Flaschen kunstvoll mit Stillleben aus der Seefahrtshistorie gefüllt. Darunter die „Santa Maria Manuela“, ein Viermaster, die „Bella“ mit schwarzen Segeln oder eine ganze Massenszene von der „Bremer Eiswette“, komplett mit Schneiderlein und „Flasche in der Flasche“. Übrigens in einer originalgetreuen Drei-Liter-„Köm“-Flasche, die tatsächlich bei der Eiswette Verwendung fand.

Der Rohbau eines Raddampfers...

Möglicherweise einmalig ist ein Flaschenmodell des „Fliegenden Holländers“, dem Geisterschiff aus der gleichnamigen Sage, das Schultz komplett aus Knochen herstellte. Diese Erfahrung würde er aber lieber nicht wiederholen, denn Knochen sind kein dankbares Baumaterial. „Hart wie Stein“ habe er es nur mit einer Diamantfräse bändigen können. Innerhalb des Schiffsmodellbaus bilden Knochenschiffe übrigens ein eigenes Genre: „Um 1800 haben französische Kriegsgefangene in Gemeinschaftsarbeit aus Knochen Schiffe nachgebaut, um sich ihre schmale Kost an Bord aufzupäppeln“, erzählt Schultz.

Schultz fertigte nur einmal ein Buddelschiff in Teamarbeit an. Im Auftrag des „Schweinemuseums“ in Stuttgart kreierte er mit Daniel Fischer die „Sauerei auf der Bounty“, ein quietschrosafarbenes Schlauchboot mit Mannschaft aus Piratenschweinen – komplett mit Holzbeinen, Augenklappen und Papagei. Buddelschiffe seien keine bierernste Angelegenheit: „Ich streife ein wenig die Geschichte, aber der Spaß am Handwerk steht im Vordergrund.“ Zudem sei es kein kostspieliges Hobby, und die fertigen Objekte nehmen wenig Platz weg und lassen sich gut abstauben.

Übrigens stammt die Idee, Miniaturen in Flaschen zu bauen, aus Süddeutschland. Statt Booten wurden aber meist biblische Szenen hinter Glas gesetzt. Für die Behältnisse gab es einen einfachen Grund: Damals verwendete man meist Petroleumlampen, und die Flaschen boten Schutz vor Ruß.

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