Ohne Strom und Zeitung keine Nachrichten / Damals für die meisten wohl keine Befreiung

Im Mai vom Waffenstillstand erfahren

Achim - Von Manfred Brodt. „Nach einigen Tagen quälender Ungewissheit, wohin die Front weiter gerollt war und wo alles enden würde, kam am 2. Mai die Nachricht in unser Dorf, dass ein Waffenstillstand zustande gekommen sei. Niemand hatte die Möglichkeit gehabt, noch Nachrichten zu hören, weil kein elektrischer Strom da war. Und eine Zeitung gab es auch nicht. Diese Nachricht sollte sich aber bewahrheiten. Endlich war der Krieg zu Ende. Darüber war wohl jeder erfreut“, schrieb die Fischerhuder Lehrerin Schulz in die Chronik. Am 29. April vor 70 Jahren waren auch in Fischerhude die Kämpfe endlich zu Ende, nachdem die Engländer Bremen bereits am 27. April erobert hatten. Als am 8. Mai Deutschland seine bedingungslose Kapitulation erklärt hatte, dürften die meisten Menschen wie die Fischerhuder Lehrerin froh gewesen sein, dass der Schrecken ein Ende hatte.

Schätzungsweise 56 Millionen Tote, die Hälfte Zivilisten, hatte der von Hitler angezettelte Weltkrieg gefordert. Rund 13 Millionen Menschen fielen deutschen Massenverbrechen zum Opfer: Juden, Sowjetbürger, Sinti und Roma, Kranke und Behinderte, nicht-jüdische Zivilisten, KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter und Deportierte.

Historisch gesehen war das Kriegsende die Befreiung von der verbrecherischen nationalsozialistischen Diktatur, doch die wenigsten Deutschen dürften das damals so empfunden haben.

Zum einen regierte Hitler ja nicht gegen die Mehrheit des deutschen Volkes. Viele standen benebelt durch die ständige Propaganda hinter ihm, machten mit, weil sie die Folgen des ersten Weltkrieges korrigieren wollten, weil es ihnen wirtschaftlich und sozial schlecht ging, sie ohnehin die Juden hassten, deren Ausschaltung aus dem öffentlichen Leben und Berufsleben ihnen ebenso wie die Eroberung neuer Weltmärkte Vorteile brachten.

Viele Familien hatten Angehörige im Krieg verloren. Das konnte doch nicht alles umsonst gewesen sein.

Und dann hatten die Deutschen natürlich auch die Rache der Sieger zu befürchten und konnten keinesfalls wissen, dass diesmal die Alliierten so großzügig sein würden und Deutschland den Aufbau einer blühenden Demokratie und eines Wohlstandsstaates ermöglichen würden. Sie mussten im Gegenteil angesichts der einzigartigen deutschen Verbrechen das Schlimmste befürchten.

Deshalb ist das Kriegsende zwar aus heutiger Sicht, aber bestimmt nicht aus der damaligen Perspektive der überwiegenden Bevölkerung ein Datum der Befreiung.

In der nächsten Folge:

Achimer Bürgerversammlung noch vor der Kapitulation.

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