Zeitgespräch „Bildung macht stark“

Ohne Singvögel in die Unmündigkeit

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Für ein durchlässiges Bildungssystem und mehr Kooperation zwischen Jugendarbeit und Schule plädiert Wiltrud Ysker, Leiterin des Fachbereichs Soziales im Rathaus.

Achim - Von Lisa Duncan. „Bildung macht stark“ war das Motto des vierten Zeitgesprächs der Bürgerstiftung Achim im Kulturhaus Alter Schützenhof (Kasch). Eingeladen hatte der Vorstandvorsitzende des Vereins, Hans-Jürgen Wächter, der die Veranstaltung am Dienstagabend auch moderierte. Bei übersichtlicher Zuschauerzahl kamen auf dem Podium und im Publikum Pädagogen, Arbeitgeber, Eltern, Stadtverwaltung und Schüler zu Wort.

Den Zusammenhang von Bildung und Beziehung betonte Kita-Leiterin Ulrike Buhrdorf. Denn Kinder lernten besser bei Lehrern, mit denen sie empathisch seien. Bereits in der Krippe werde der Grundstein für diese emotionale Seite des Wissenserwerbs gelegt. „Das ist eine Zeit, in der Kinder sich sprachlich rasant entwickeln“, so Buhrdorf. Erschwert werde diese Arbeit durch den Mangel an Erziehern. Dadurch entstehe eine Betreuungssituation, in der jeweils zwei Erzieher 25 Kinder im Blick haben müssten. Künftig würden Erzieher zunehmend mit dem Ausgleich von Defiziten betraut, sodass eine ganztägige Betreuung ab einem Alter von anderthalb Jahren angestrebt werden müsse. Sie hob zudem hervor, wie wichtig die Kooperation zwischen Kitas und Grundschulen sei. Wächter bedauerte, dass er keinen Grundschulleiter fürs Podium gewinnen konnte.

Fynn Schulze, der diese Woche seine Abiturprüfungen hat, beklagte den fehlenden Alltagsbezug in den Lehrplänen. Themen wie das Ausfüllen einer Steuererklärung spielten keine Rolle. Kooperationen mit Betrieben könnten Anreize schaffen, „damit die Schüler sehen: Das lerne ich fürs Leben“, statt zu sagen „kann ich ja googeln“.

Kerstin Albes-Bielenberg betrachtet den Digitalpakt Schule nicht als der Weisheit letzten Schluss.

Für ein integratives und durchlässiges Schulsystem, das alle Abschlüsse ermögliche, warb Kerstin Albes-Bielenberg, Leiterin der Integrierten Gesamtschule (IGS) Achim. Die IGS pflege „eine besondere Form der Leistungswertschätzung“: „Kinder fühlen sich hier wohl, viele kommen früh zur Schule, obwohl die erste Stunde ausfällt.“ Offensiv benannte sie auch Probleme wie Raumknappheit und Lautstärke in der Mensa. Derzeit müsse sich die IGS mit den schrittweise auslaufenden Schulformen, Haupt- und Realschule, räumlich arrangieren. Am Digitalpakt Schule, der die Ausstattung mit Laptops und Tablets forcieren soll, kritisierte sie, dass die Technik missbraucht werden könnte, um jetzt bereits fehlendes Lehrpersonal zu ersetzen.

Eltern geben bundesweit 900 Millionen Euro für Nachhilfe aus, warf Wächter ein und fragte Elternvertreter Dr. Enno Lork, was Schulen (oder Eltern) falsch machten. Die Unzufriedenheit sei fallbezogen und nicht allein auf gestiegenen Druck von Erziehungsberechtigten zurückzuführen, fand Lork. Mit der Einführung der IGS habe sich das Bildungsangebot in Achim verengt, sagte er und ergänzte: „Nicht jedes Kind kommt mit jeder Schulform zurecht.“

Dass elementare Fähigkeiten Schülern Mühe machen, stellt André Förster als Desma-Personalchef und Prüfer bei der Handelskammer fest. Er verwies auf positive Erfahrungen in Projekten mit der Liesel-Anspacher-Schule (LAS). Gegen Wissenslücken in Algebra und Co. gebe es nun einen Mathelehrer im Betrieb. Am Digitalpakt Schule ließ er kein gutes Haar: „Bevor ich anfange zu rennen, sollte ich erstmal gehen lernen.“ Er räumte jedoch ein, dass es schwieriger werde, junge Leute für Technik zu begeistern. Als Maschinenbauer benötige Desma nicht nur studierte Bewerber, sondern auch solche mit handwerklichem Geschick („Wir brauchen nicht nur Häuptlinge, auch Indianer.“).

Schule und Erziehung stehe vor großen gesellschaftlichen Herausforderungen, meinte die Bildungsexpertin im Rathaus, Wiltrud Ysker. Beispielsweise sei ein Bildungsziel qua UN-Behindertenrechtskonvention von 2009 die Inklusion. Schon im Kindergarten müssten Kommunen dafür ausreichend Raum bereitstellen. „Deshalb brauchen wir auch in der Schule durchlässige Systeme.“ Lebenspraktischen Unterricht begrüßte sie. Die Stadt wolle Jugendarbeit und Schulgeschehen mehr miteinander verknüpfen.

Ein grundsätzliches „Versagen in der Bildungsbürokratie“ prangerte Dr. Stefan Krolle, Schulleiter des Cato-Gymnasiums, an und nannte Fehleinschätzungen bei den Schülerzahlen und die Abschaffung des Fachs Werken. Während Studieninhalte in die Lehrpläne hineingedrückt worden seien, könne heute kaum ein Schüler zehn Singvögel aufzählen.

Laut Dominik Lerdon, Leiter der LAS, treffen Schulen auf eine hochirritierte Elternschaft, die unter anderem zu sehr auf Abschlüsse fixiert sei, statt die Fähigkeiten ihres Kindes zu erkennen. Die LAS biete seit Jahren das Fach „Was kostet das Leben?“ an, das auf die Zeit nach der Schule vorbereiten soll.

Die Realschule als einst erfolgreichste Schulform abzuschaffen, bezeichnete Michael Müller, Geschichtslehrer am Marktgymnasium, als fatale Entscheidung. Die Lehrmethoden für das Schreiben und Rechnen zu reformieren, habe die Schüler in die Unmündigkeit geführt, weil sie vieles ohne Hilfsmittel nicht mehr bewältigen könnten.

Petra Geisler (SPD) zeigte Verständnis für Eltern, die für ihre Kinder möglichst gute Abschlüsse wollen. In den letzten zehn, fünfzehn Jahren habe sich viel geändert: „Der Luxus, dass die Wirtschaft sich die Guten greifen kann, ist vorbei.“

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