Österreichischer Kabarettist Werner Brix liefert bitterböse Abrechung mit der Leistungsgesellschaft

Den Rotz abwischen und Vollgas geben

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Keine Zeit für den Toilettengang! Trotz Pause erschien Werner Brix im Batik-Wickelrock auf der Bühne: Schlecht disponiert und selbst angeschifft.

Achim - Von Ingo Schmidt. Wer bisher glaubte, Österreicher wüssten mit dem Begriff „Eile“ nichts anzufangen, wurde im Kulturhaus Alter Schützehof (Kasch) eines Besseren belehrt. Im ausverkauften Blauen Saal führte Alpen-Kabarettist Werner Brix seine Gäste an die Grenzen der Gelassenheit. Ösi und Stress? Tatsächlich, das geht! Absolut überzeugend vermittelte er seinen Zuhörern mit seinem Programm „Mit Vollgas zum Burnout“ die vielfältigen Effekte innerlicher und äußerlicher Über-Beanspruchung.

Mit dem Smartphone am Ohr betritt Brix die Bühne: „Gleich habe ich Zeit für Sie“, versichert er seinem Publikum und leistet schnell und ungeduldig noch PC-Hilfe per Ferndiagnose. Druck und Anspannung seien etwas Gutes und hülfen bei der physischen und psychischen Anspassung an veränderte Umweltbedingungen.

„Stress ist, wenn man seinen Körper bewusst einer Situation aussetzt, derer er nicht gewachsen ist“, erklärt der 52-Jährige und beschreibt, wie er das macht: „Ich nehme alles an mich, bevor ein anderer es nimmt.“

Stolpersteine treiben ihn nur an, denn „es gibt stets eine Lösung dank Stresschemie!“ Hautausschlag, Migräne und Tinnitus - kein Problem. Einfach weghören, wenn´s pfeift.

„Aber wenn es meiner Frau hilft, dann gehe ich eben zur Therapie“, erklärt der Stressvirtuose seinem virtuellen Psychiater in der ersten Reihe. Die erste Übung: Fünf Minuten Stillhalten. Bereits nach einer halben Minute explodiert Brix mit hochrotem Kopf. Egal, Rotz abwischen und Vollgas!

Schnelligkeit sei eine Frage der Außenwirkung. Die Devise: Schneller rennen als die anderen, damit keiner davonrennt. Andere machen das doch auch. Der „Tür-schließen-Knopf“ im Fahrstuhl sei schließlich immer am meisten beansprucht - „Ihr bleibt draußen, ich fahre hoch!“

Rasant hastet der Bühnencholeriker von einem Thema zum nächsten. Verständnislos berichtet er von Liebesbriefen, die zu seiner Schulzeit noch in ganzen Sätzen formuliert waren, mit Satzzeichen und Konjunktiv. Welch ein Zeitverlust.

Nach der Pause erscheint Brix im Wickelrock: Er hat es nicht rechtzeitig zur Toilette geschafft. Egal, das war eben schlecht disponiert. Seine eigens programmierte App „Pinkel-Spy“, die Lücken im Terminkalender finden soll, habe mal wieder den Weg nicht mitberechnet.

Wenig geläutert wird Brix dennoch im zweiten Abschnitt ruhiger. Er beschreibt, wie er sich in der Drehtür eines Multiplex-Kaufhauses verliert, und in Trance Gott begegnet. Beide führen ein Zwiegespräch, in dem sie über das Elend der Welt philosophieren.

Dass die Gier des Einzelnen zum Elend beitrage, will der Workaholic nicht akzeptieren. Überhaupt sei er ein guter Mensch, schließlich trenne er Müll und benutze Energiesparlampen. Gegen das Elend auf der Welt hätte man doch Politker gewählt. Schließlich kommen ihm doch Zweifel am Konsum- und Markenwahn. Gott spricht, nach hell komme dunkel und der Weg sei das Ziel - es gebe keine Pointe. Am Ende entschließt sich der Getriebene doch dazu, endlich mal langsamer zu treten. Aber schon der Anruf seiner Mutter passt ihm nicht: „Ich habe jetzt überhaupt keine Zeit, Mutti, ich arbeite gerade an der Entschleunigung.“

An diesem Abend hat Werner Brix seinem begeisterten Publikum mit vollem Körpereinsatz alles abverlangt.

Mit seinem Programm zeichnet der Niederösterreicher ein beklemmendes Bild unserer Leistungsgesellschaft, in der jeder gegen den anderen rackert, um möglichst schnell ein durch Werbebotschaften vorgezeichnetes Idealbild zu erlangen; pausenlos und ohne Rücksicht gegen sich selbst.

„Schön, dass sie sich die Zeit genommen haben!“

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