„Das Erziehungsrecht wird beschnitten“

Nur noch Ganztagsschulen in Achim? Besorgter Elternbrief

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Alles ist schon vorbereitet und eingezäunt für den Erweiterungsbau an der Ueser Grundschule. Auch hier ist Ganztagsschulbetrieb geplant.

Achim - „Besorgt und betroffen“ zeigen sich Marc-Björn und Verena S. aus Achim über den Ratsbeschluss, alle hiesigen Grundschulen zu Ganztagsschulen umzugestalten. Gebundene, also verpflichtende Ganztagsschulen aber „berücksichtigen nur die Interessen vollzeitig berufstätiger Eltern sowie der Kinder aus benachteiligten Familien“, moniert das Paar. Pflege und Erziehung als natürliches Recht der Eltern würden hingegen bei diesem Modell beschnitten.

Ähnliche Bedenken hätten auch andere Achimer Eltern schon geäußert, berichtet das Ehepaar S. in einem längeren Brief, in dem sie ihre Vorbehalte Punkt für Punkt erläutern. Dieses Schreiben sandten sie nicht nur an den Achimer Bürgermeister Rainer Ditzfeld und den Uesener Grundschulleiter Nils Reineke, sondern auch an den niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil, an Kultusminister Grant Hendrik Tonne sowie an Joachim Matthies als zuständigen Dezernenten der Landesregierung.

Familien würden sogar auseinandergerissen, wenn Kinder noch in der Schule bleiben müssen, während Geschwister und manchmal auch Eltern schon mittags zu Hause seien, argumentieren die Absender.

Zudem werde das Mittagsessen bei Ganztagsbetreuung in fremde Hände übergeben. „In mehreren uns bekannten Schulen und Kindergärten Bremens und Niedersachsens war und ist die Qualität des Mittagessens immer wieder ein Thema“, erläutern die Briefautoren.

Sie weisen außerdem auf lernpsychologische Studien hin, wonach am Vormittag die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns am höchsten sei. Dann folge ein Mittagstief und nachmittags nur noch ein „Zwischenhoch“, das aber deutlich niedriger ausfalle als die vormittägliche Leistungsspitze.

Daher sei es pädagogisch wenig sinnvoll, Kernfächer wie Mathematik und Deutsch auf den Nachmittag zu verlegen. Fraglich bleibe auch die Qualität der Betreuung am Nachmittag: „In vielen Fällen wäre dies im häuslichen Umfeld durch engagierte Eltern deutlich besser gewährleistet“. Und nicht zuletzt benötigte gerade die Kleinsten nach dem anstrengenden Schulvormittag eine Erholungsphase, die sie selber gestalten dürfen.

„Es ist nicht hinnehmbar, dass alle Familien bevormundet und eingeschränkt werden, weil wenige Eltern eventuell ihrem Erziehungsauftrag nicht gerecht werden“, fassen die Autoren des Briefes zusammen, und: „Familien, die wie wir bewusst auf Karriereoptionen verzichtet haben, um für ihre Kinder verfügbar zu sein und sie individuell zu fördern, wird durch das Ganztagsschulkonzept weitgehend die Möglichkeit genommen, diesen Erziehungsauftrag wahrzunehmen“.

Darum plädieren Marc-Björn und Verena S. im Namen weiterer Eltern „für ein mindestens offenes Konzept, das Wahlmöglichkeiten lässt und unterschiedliche Familiensituationen berücksichtigt“.

Der Achimer Schulausschuss wird sich auf seiner Sitzung am 24. September mit dem Schreiben beschäftigen. Eine Ganztagsschullösung zu finden, die allen, manchmal gegensätzlichen Interessen von Eltern gerecht wird, dürfte kaum möglich sein, meinte der stellvertretende Achimer Verwaltungschef Bernd Kettenburg, der den offenen Brief natürlich kennt. Es gehe ja um sehr persönliche Entscheidungen in Erziehungsfragen. Die Berufstätigkeit sowie deren Bewertung spielten oft eine entscheidende Rolle, und auch die im Brief dargestellte Position sei nachvollziehbar und zu akzeptieren.

Zumindest die IGS-Schulleitung in Achim habe schon den Antrag beim Land auf gebundenen Ganztagsbetrieb gestellt, und an der Uesener Grundschule sei das ebenfalls angestrebt.

Andere Grundschulen wie die in Baden und Uphusen sowie die Achimer Astrid-Lindgren-Schule sind bereits Ganztagsschulen.

la

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