ARCHÄOLOGISCHE AUSGRABUNGSORTE / VERSTECKTE ZEITZEUGEN – Teil 3: Die „Venus“ von Bierden

Nelly – ein frühzeitliches Gemälde

Gute 11 000 Jahre alt ist dieses in Stein geritzte Frauenbildnis aus Bierden.
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Gute 11 000 Jahre alt ist dieses in Stein geritzte Frauenbildnis aus Bierden.

Bierden – In der Kunst ist der weibliche Körper ein häufig wiederkehrendes Motiv, dem sich bereits unzählige Künstler widmeten – ganz gleich, welche Epoche man betrachtet. Dass es solche Darstellungen bereits in der Altsteinzeit gab, legen archäologische Funde wie die „Venus“ von Willendorf, eine Skulptur, die einer Frau mit üppigen Formen nachempfunden ist, nahe. Im Jahr 2011 trat bei einer Ausgrabung in Bierden ebenfalls ein Fund zutage, der in diese Kategorie passt: Die „Venus“ von Bierden, von den Archäologen auf der Grabungsstelle scherzhaft Nelly getauft – „ein Flachs unter Kollegen“, erzählt Kreisarchäologin Dr. Jutta Precht. Bei Nelly, aktuell im Niedersächsischen Landesmuseum Hannover ausgestellt, handelt es sich um den ersten Fund eines Frauenabbildes in Norddeutschland.

Der Name ist eine Verniedlichung, die auf die Nordeuropäische Erdgasleitung (NEL) verweist. Denn die Trasse, die russisches Erdgas nach Westeuropa transportiert, verläuft durch den Achimer Ortsteil. Als die NEL dort umgebaut werden sollte, wurde Nelly bei einer archäologischen Grabung entdeckt.

Das Frauenbildnis von Bierden stammt aus der mittleren Jungsteinzeit, auch als Mesolithikum bekannt. Diese Ära reicht von etwa 9600 bis 4000 vor Christus; der Beginn der Landwirtschaft markiert dessen Ende. „Nach dem Rückgang der Eiszeit wurde es wärmer, und Wald breitete sich aus“, erläutert Precht das Szenario. „Was wir aus dieser Zeit noch finden, sind Feuersteingeräte und Feuerstellen.“ Die Menschen zogen als Jäger und Sammler umher. Sie jagten Rehe, Hirsche und Wildschweine; sie sammelten Nüsse, Beeren und Früchte. Schutz suchten sie in Blätterhütten. Nachbauten, etwa im Archäologischen Freilichtmuseum Oerlinghausen, zeigen, dass diese Behausungen durchaus warm und robust gewesen sein könnten.

Aus dieser Zeit hat eine Grabungsfirma einen acht mal acht Meter großen Rastplatz ausgegraben. Dort lagen mehrere 1000 Feuersteingeräte – „keine Faustkeile, sondern klitzekleine Steinchen, teils nur von der Größe eines Fingernagels“, so Precht. Dazwischen tauchte die Frauendarstellung auf. „Im Mesolithikum waren Menschendarstellungen total selten“, hebt Precht die Bedeutung des Fundes hervor.

Die Bildtradition, die Menschen bei der Jagd oder anderen Tätigkeiten zeigt, ist typisch für die Altsteinzeit, vor etwa 30 000 Jahren, als auch die Venus von Willendorf entstand. Aus Gönnersdorf im Rheinland kennt man außerdem 15 500 Jahre alte Ritzungen von tanzenden Frauen in Schieferplatten. Dass auch eine „Venus“ in der mittleren Steinzeit erschaffen wurde, zeige, dass sich die Bildtradition erhalten habe. Von den bislang üblichen üppigen weiblichen Formen hatten sich die ästhetischen Vorlieben aber offenbar verabschiedet: „Nelly ist rank und schlank“, so Precht.

Die „Venus“ von Bierden prangt auf einem gut fünf Zentimeter großen Sandstein. Auf dem Stein sind zwei unterbrochene Linien (mutmaßlich weibliche Hüften) zu sehen, in deren Mitte eine senkrechte Kerbe für die Scham und ein Loch für den Bauchnabel. Kopf und Gliedmaßen fehlen, wie auch bei anderen steinzeitlichen Frauenbildern. Doch in einem entscheidenden Punkt sieht Nelly anders aus als beispielsweise ihre Gönnersdorfer Schwestern. Die sind alle in Seitenansicht dargestellt, während Nelly gleichzeitig von vorne und von der Seite gezeichnet ist – die rechte Körperseite mit Bauchnabel und Scham frontal, die linke Körperseite mit dem ausladenden Hinterteil im Profil. Und wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass sie sich leicht nach hinten neigt, als ob sie tanzt.

Dass die Einkerbungen zufällig durch Verwitterung entstanden sein könnten, ist laut Jutta Precht nicht möglich: „Sie wurde dort hineingeritzt. Das ist über jeden Zweifel erhaben.“ Die Ritzlinien seien sicher gesetzt und die Art der Darstellung verrate Erfahrung im Umgang mit komplizierten Bildthemen.

Analysen mit der Radiocarbonmethode datierten Nelly auf etwa 9 000 vor Christus. Sicher sei zudem, dass der Stein zweckentfremdet wurde. Er weise Abplatzungen auf, charakteristisch für sogenannte Retuscheure, die in der Steinzeit der Herstellung von Feuersteingeräten dienten. Erst später wurde das Frauenbildnis hineingeritzt.

Zu welchem Zweck die „Venus“ von Bierden geschaffen wurde und was genau sie darstellt, konnte die Forschung bisher nicht beantworten. „Eine Frau, eine Ahnfrau, einen Geist oder gar eine Göttin? Sie entstand in einer Zeit, die für uns Heutige unvorstellbar weit zurückliegt. Wir verstehen nicht mehr, was jener Unbekannte ausdrücken wollte, als er die nackte Frau in den Stein ritzte“, so Precht. Und war die Person, die die Darstellung erschuf, ein Künstler respektive eine Künstlerin? Zumindest nicht nach den heutigen Maßstäben – „denn eine Arbeitsteilung, wie wir sie kennen, gab es in der Steinzeit nicht“.

Bei der Entdeckung der „Venus“ von Bierden spielte der Zufall den Archäologen in die Hände. Viele bekannte Fundstellen hatte die Kreisarchäologie in die Planungen zur NEL eingestellt, „aber diese Stelle hatten wir überhaupt nicht auf dem Schirm“, schildert Precht. Eines Tages kam sie dort zufällig vorbei und entdeckte Spuren von Hausgrundrissen. Die ungeplante Grabung stand unter großem Zeitdruck. Zu Beginn der Arbeiten blieb die mesolithische Fundstelle zunächst unentdeckt, denn sie war von einem 50 bis 80 Zentimeter dicken Eschboden, einer mittelalterlichen Form der Düngung, bedeckt.

Der Otterstedter Klaus Gerken, der als Hobbyarchäologe begann und dann als Autodidakt zum Berufsarchäologen mit eigener Grabungsfirma aufstieg, war es, der die Frauendarstellung fand. „Wie der Zufall es wollte, wurde ausgerechnet die Grabungsfirma von Klaus Gerken beauftragt, dessen Spezialgebiet das Mesolithikum ist“, so Precht. Es spielten also mehrere glückliche Umstände zusammen. „Archäologie ist nie abgeschlossen. Jeder neue Fund kann das bisher bekannte Bild der Vergangenheit über den Haufen schmeißen. Nelly stammt aus einer Zeit, aus der wir sonst fast nichts wissen“, bemerkte Gerken einmal zu seinem Sensationsfund.

Von Lisa Duncan

Auf der Ausgrabungsstelle in Bierden sucht Klaus Gerken im Sieb nach kleinsten Fundstücken.

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