Substanzerhaltung an der St. Laurentius-Kirche / Niedersachsenweit einmalig

Die Narben im Gemäuer

Die Beteiligten gestern auf der Baustelle: Pastor Christoph Maaß, Christian Baus (Amt für Bau- und Kunstpflege Verden), Dr. Doris Böker (Landesamt für Denkmalpflege), Baurätin und Architektin Andrea Behrendt, Horst Lampe (Bauausschuss St. Laurentius) und Restaurator Gerd Belk. - Fotos: Duncan

Achim - Der Verpackung nach könnte man vermuten, Christo wäre zu Gast in Achim und hätte die St. Laurentiuskirche, wie einst den Berliner Reichstag, im Dienste der Kunst verhüllt. Die tatsächliche Erklärung ist viel einfacher, wenn auch komplex in der Durchführung: An der Außenfassade des Gotteshauses haben Restaurierungsmaßnahmen begonnen, die unter anderem wegen der Vielfalt der verwendeten Materialien niedersachsenweit einmalig sind, so Restaurator Gerd Belk.

Von der Achimer Kirchengemeinde und vom Amt für Bau- und Kunstpflege Verden der ev.-luth. Landeskirche Hannover beauftragt, wird der Experte aus Fulda bis Ende August an diesem Projekt arbeiten. Insgesamt sind zwei Bauphasen vorgesehen: Zuerst erfolgt die Restaurierung, die sich auf das Kirchenschiff, das Querhaus und den Chor bezieht. Nur für die Strebe-pfeiler, die durch Nässe und Frost Schäden erlitten haben, sind Sanierungs- und Instandsetzungsmaßnahmen vorgesehen. Damit wurde die Firma Ellenberger aus Herleshausen beauftragt. Die Gesamtkosten in Höhe von rund 350  000 Euro trägt die Niedersächsische Landeskirche.

Gerd Belk (l.) zeigt Horst Lampe einen verwitterten Ziegelstein im romanischen Rundbogen.

Vorab war das Gemäuer von Bauforscher Dr. Holger Reimers bauhistorisch untersucht worden. Das Besondere an der St. Laurentius-Kirche: Aus allen Bau- und Reparaturphasen sind noch Reste vorhanden. „Da ist Zeitgeschichte hinter“, schwärmt Gerd Belk. Schriftlich wird die Kirche erstmals im Jahr 1257 erwähnt, Experten schätzen sie jedoch auf weitaus älter. Ein romanischer Kernbau, der in der gotischen Phase erweitert wurde. Restaurator Belk begab sich in ganz Niedersachsens auf die Suche, bis er zehn unterschiedliche Fug- und Putzmittel sowie Ziegelproben zusammengestellt hatte, die den Epochen der Kirche entsprechen. Es gilt, den überlieferten Zustand möglichst genau, also auch farblich, nachzustellen. „Das ermöglicht eine museale Präsentation, wie in einem Freilichtmuseum.“

Bei der Erneuerung der Turmfassade 2008 war man noch nach dem Prinzip „altes Material rausholen und neu verputzen“ vorgegangen. Die Architektin Andrea Behrendt, neue Leiterin des Amtes für Bau- und Kunstpflege, schlug nun davon abweichend die historisierende Restaurierung vor. „Sonst wollen Kirchengemeinden es vor allem schön haben. Wir wollen die Narben der dauernden Überarbeitung an der Fassade erhalten“, erklärt Pastor Christoph Maass. „Das ist wie beim Zahnarzt. Der würde auch erstmal eine Plombe einsetzen, statt einen Zahn gleich zu ziehen“, fügt Restaurator Belk hinzu. Der Experte freut sich, dass die Kirchengemeinde den historisierenden Ansatz mitträgt.

Bei seiner Analyse machte Bauforscher Reimers so genannte „Tabuzonen“ aus, also Bereiche, deren Substanz erhalten bleiben soll statt sie handwerklich instand zu setzen. Gerd Belk zeigt Horst Lampe vom Bauausschuss des Kirchenvorstands einen verwitterten Ziegelstein, der aus der Bauphase der Gotik (15. Jahrhundert) stammt. „Da wurde ein altes Fenster aus der romanischen Zeit durch Mauerwerk ersetzt.“ Der typische Rundbogen zeichnet sich noch deutlich ab.

„Das ist hier keine Lust-Restaurierung“, betont Belk. Er verfügt nach eigener Aussage über mehr als 25 Jahre Erfahrung auf seinem Gebiet. Während die niedersächsische Denkmalpflege hier noch Neuland betrete, gehöre es in Hessen zur üblichen Vorgehensweise. Erfolgreich restauriert hat er auf diese Weise etwa das Kloster Heydau, das Zisterzienserkloster und die Stiftskirche Rasdorf. Die Substanzerhaltung sei keine technische Spielerei, sondern spare auch noch bares Geld: „Es wird etwa um ein Drittel günstiger als wenn man alles neu machen würde.“

ldu

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