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Damit die Bäume im Sommer nicht verrückt spielen

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Von: Dennis Bartz

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Übernehmen die Pflege der Bäume: (von links) Franz Bischoffs, Lisa Beulshausen, Andreas Elmers und Robert Sasse.
Übernehmen die Pflege der Bäume: (von links) Franz Bischoffs, Lisa Beulshausen, Andreas Elmers und Robert Sasse. © Bartz

Achim – Jacob Lebel, James Grieve und Cox Orange-Renette – was sich auf den ersten Blick liest wie die Namen amerikanischer Popsänger, sind in Wahrheit Apfelsorten, die auf der alten Streuobstwiese in der Achimer Marsch wachsen. 24 Apfel-, Birnen- und Pflaumenbäume hat der Nabu in diesem Teil des Geländes in den Jahren 1994 und 1995 gepflanzt.

Das Grundstück diene seitdem der Erholung von Spaziergängern und sei ein hochwertiges Biotop für Tiere und Pflanzen, betont Nabu-Sprecherin Lisa Beulshausen. Wenn die Apfelernte reich genug ist, stelle der Nabu auch eigenen Saft zugunsten der Stiftung Waldheim her. „In den vergangenen zwei Jahren hat es dafür zwar leider nicht gereicht, aber wir hoffen auf diesen Sommer“, so Beulshausen.

Um dafür die besten Voraussetzungen zu schaffen, hat sich der Nabu in dieser Woche Unterstützung durch die beiden Baumexperten Michael Ruhnau und Fabian Koeneke geholt. Diese zeigten den Nabu-Mitgliedern am gestrigen Mittwoch, worauf sie beim Winterschnitt von Obstgehölzen achten müssen. Die Firma Coca-Cola in Achim hat die professionelle Pflegeaktion mit einer Spende in Höhe von 2 000 Euro unterstützt.

Der Verjüngungsschnitt war überfällig, denn fünf Jahre waren die Bäume zuvor nicht gepflegt worden. „Aber ohne geht es nicht“, betont Ruhnau, der zusammen mit Fabian Koeneke als Dozent in Hannover eine eineinhalbjährige Ausbildung zu Obstbaumpaten anbietet.

Der Winterschnitt müsse zwischen November und Ende März erfolgen, betont der Experte. In dieser Zeit seien die Bäume in der Ruhephase. „Ziel ist es, die Kronenstruktur zu stabilisieren und damit das Wachstum zu fördern, es geht dabei weniger um den Ertrag.“ Der Boden in der Achimer Marsch biete ideale Bedingungen dafür, dass die Obstbäume ein langes Leben hätten. „Sie werden bis zu 100 Jahre alt und bieten dann, wenn sie später ganz knorrig sind, einen idealen Lebensraum für viele Tiere“, führt Ruhnau weiter aus. Jeder Schnitt im Winter sorge dabei dafür, dass neues Holz erzeugt werde.

Obstbäume seien Kulturpflanzen, die besonders in jungen Jahren geschnitten werden müssten: „Sie vergreisen sonst schnell, und wegen der großen Früchte brechen Äste schnell ab.“ Weil auf der alten Streuobstwiese lange nichts gemacht wurde, gab es einiges zu tun: Bei einigen Bäumen sei die Kronenstruktur verloren gegangen. „Ideal ist ein kräftiger, hoher Stamm mit maximal vier Leitästen“, erklärt Ruhnau.

Jeder Baum will groß werden, wenn man ihn aber im Winter zwingt, klein zu bleiben, dann spielt er im Sommer völlig verrückt.

Michael Ruhnau

Er schrecke nicht davor zurück, den Baum zu einem anderen Wuchs zu „zwingen“: „Dabei führen wir einige Diskussionen, am Ende akzeptiert der Baum das aber“, sagt Ruhnau und lacht. Er rät dazu, sich beim Gehölzschnitt professionelle Unterstützung zu suchen: „Auch viele Gärtner neigen leider dazu, den Obstbaum zu köpfen, aber dann weiß der gar nicht mehr, wo es lang geht. Jeder Baum will groß werden, wenn man ihn aber im Winter zwingt, klein zu bleiben, dann spielt er im Sommer völlig verrückt.“

Ruhnau erklärt, er schaue sich die Bäume zunächst genau an, um diese zu verstehen. „Sie sagen mir dann genau, was sie brauchen.“

Im Gegensatz zum Winterschnitt gehe es beim Sommerschnitt darum, den Wuchs zu bremsen. „Die ideale Zeit dafür ist, wenn der Baum Laub und kleine Früchte trägt“, so Ruhnau.

Noch ist es ruhig auf der Streuobstwiese des Nabu in der Achimer Marsch, doch schon bald soll dort neues Leben einziehen. Wegen der recht milden Temperaturen werden bald die ersten Bäume austreiben, die ersten Vögel flattern bereits um die Nistkästen, und auch die Insektenhotels auf dem Gelände sollen bald die ersten Gäste empfangen.

Um die Pflanzen- und Tierwelt dort zu schützen, mäht der Nabu nur zweimal pro Jahr die Fläche – auf schonende Art mit einem sogenannten Balkenmäher. „Danach harken wir das Grundstück per Hand ab, um die Insekten und Amphibien zu schützen. So wachsen dort auch mehr Kräuter“, berichtet Nabu-Mitglied Andreas Elmers.

Lisa Beulshausen und Baum-Experte Michael Ruhnau raten dazu, auch in Privatgärten jetzt den Gehölzschnitt zu machen. Für die übrigen Arbeiten sei es dagegen noch zu früh: „Man sollte dort noch nicht zu viel herumräumen. Viele Menschen wollen leider alles klein, sauber und hübsch haben“, so Beulshausen. Besonders Staudenbeete bräuchten jedoch noch Ruhe: „Es ist am besten, noch bis zum Frühjahr mit dem Schnitt zu warten, weil in den Halmen unter anderem Marienkäfer überwintern. Wer jetzt schon alles abschneidet, muss sich nicht wundern, wenn er im Sommer eine Läuseplage hat“, warnt Ruhnau. Vielfalt spiele im heimischen Garten eine Rolle. „In Achim sehe ich aber leider noch viele Gärten, die vor allem praktisch sind, dazu leider auch viele Schottergärten“, kritisiert Lisa Beulshausen.

Sie möchte weitere Nabu-Mitglieder gewinnen: „Zuletzt hatten wir etwa 980 – in diesem Jahr möchten wir die 1 000er-Marke knacken. Außerdem suchen wir jemanden, der sich um die Streuobstwiese kümmert.“

Wissen, was Obstbäume brauchen: Michael Ruhnau (links) und Fabian Koeneke
Wissen, was Obstbäume brauchen: Michael Ruhnau (links) und Fabian Koeneke © Bartz

Der Nabu betreut in der Achimer Marsch zwei Flächen – die alte Streuobstwiese mit 24 Bäumen auf 2 084 Quadratmetern, gepachtet von der St.-Laurentius-Gemeinde, außerdem direkt angrenzend weitere 90 Bäume auf der 6 772 Quadratmeter großen neuen Streuobstwiese, zur Verfügung gestellt von der Stadt Achim. Besucher sind jederzeit willkommen – doch bis zur Ernte im Herbst ist Geduld gefragt: Dann locken aber saftige Äpfel alter Sorten wie Gravensteiner, Goldparmäne, Kaiser Wilhelm und Krügers-Dickstiel.

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